Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Growth-Investing ist weniger riskant als sein Ruf – wenn man aufhört, es mit den falschen Kennzahlen zu bewerten und die Logik von Venture Capital anwendet.

  • Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht in aktuellen Gewinnen, sondern in der Skalierbarkeit des Geschäftsmodells und dem exponentiellen Umsatzwachstum.
  • Das wahre Risiko ist nicht die hohe Volatilität, sondern emotionale Panikverkäufe im Tief, die durch eine klare Strategie vermieden werden können.

Empfehlung: Bauen Sie Ihr Portfolio mit einer Core-Satellite-Strategie auf und bewerten Sie Wachstumsfirmen mit Kennzahlen wie dem Enterprise Value/Umsatz anstelle des veralteten KGVs.

Die Debatte zwischen Growth- und Value-Investing spaltet die Anlegerwelt seit Jahrzehnten. Vor allem in Deutschland, wo die Börsenkultur traditionell eher auf solide Dividendentitel und bewährte Industriewerte setzt, haftet dem Growth-Ansatz oft das Etikett des Zockers an. Man hört von astronomischen Bewertungen, jahrelangen Verlusten und brutalen Kurseinbrüchen. Für viele deutsche Privatanleger scheint die Sache klar: zu riskant, zu spekulativ, eine Blase, die jederzeit platzen kann. Doch diese Sichtweise übersieht einen entscheidenden Punkt, den jeder Venture Capitalist verinnerlicht hat.

Die üblichen Ratschläge, sich auf ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zu konzentrieren oder nur in profitable Unternehmen zu investieren, greifen bei den disruptiven Geschäftsmodellen der Zukunft zu kurz. Sie sind, als würde man versuchen, die Leistung eines Formel-1-Boliden mit dem Benzinverbrauch eines Kleinwagens zu messen – die Kennzahlen passen einfach nicht zum Ziel. Was, wenn das vermeintliche Risiko von Wachstumsaktien gar nicht in der hohen Bewertung liegt, sondern in der Unfähigkeit, die exponentiellen Treiber dahinter zu erkennen? Was, wenn die jahrelangen „Verluste“ in Wahrheit strategische Investitionen in die zukünftige Marktbeherrschung sind – sogenanntes Zukunftskapital?

Dieser Artikel bricht mit den alten Denkmustern. Wir werden Growth-Investing nicht als reines Glücksspiel betrachten, sondern als disziplinierte Wette auf skalierbare Zukunftsmodelle. Wir zeigen Ihnen, warum traditionelle Bewertungsmetriken hier versagen, wie Sie die wahren Wachstumstreiber identifizieren und vor allem, wie Sie eine Strategie entwickeln, um die unvermeidliche Volatilität nicht nur auszuhalten, sondern für sich zu nutzen. Es ist an der Zeit, die Denkweise eines Venture Capitalists für Ihr privates Depot zu adaptieren.

In diesem Leitfaden tauchen wir tief in die Mechanik des Growth-Investings ein. Wir analysieren die Performance, entschlüsseln die wichtigsten Erfolgsfaktoren und geben Ihnen konkrete Werkzeuge an die Hand, um die nächste Generation von Gewinneraktien zu finden und die psychologischen Hürden zu meistern.

Welcher Stil hat in den letzten 10 Jahren mehr Rendite gebracht und warum?

Die Frage nach der überlegenen Strategie ist so alt wie die Börse selbst. Während Value-Investoren auf unterbewertete, stabile Unternehmen setzen, jagen Growth-Anleger die Innovatoren von morgen. Ein Blick auf die reine Performance der letzten Dekade, die von niedrigen Zinsen und rasanter Digitalisierung geprägt war, liefert eine klare Antwort: Growth hatte die Nase vorn. Diese Outperformance ist kein Zufall, sondern das Ergebnis fundamentaler Marktverschiebungen.

Während traditionelle Industrien linear wachsen, profitieren Technologie- und Plattformunternehmen von Netzwerkeffekten und exponentieller Skalierung. Ein Software-Unternehmen kann sein Produkt millionenfach mit minimalen Grenzkosten verkaufen, eine Leistung, die für einen Autohersteller undenkbar ist. Diese Dynamik führte dazu, dass Indizes wie der Nasdaq 100 den breiten Markt deklassierten. Laut aktuellen Daten zeigt der MSCI World Growth Index eine beeindruckende Performance. Für das Jahr 2024 etwa liegt die Jahresrendite bei 26,16 % im Growth-Index gegenüber 19,19 % im breiteren MSCI World Index, was die Überlegenheit in einem positiven Marktumfeld unterstreicht. Diese Zahlen belegen, dass Anleger bereit waren, für Zukunftspotenzial einen Aufpreis zu zahlen.

Vergleichende Darstellung der Performance von Growth- und Value-Strategien mit aufsteigenden Liniendiagrammen

Die Grafik symbolisiert die beiden Pfade: Der stetige, aber flachere Anstieg von Value-Anlagen im Vergleich zum steilen, volatilen Aufstieg von Growth. Es ist die Wette auf Disruption, die in den letzten Jahren belohnt wurde. Unternehmen, die ganze Branchen neu definierten – sei es im E-Commerce, bei Elektrofahrzeugen oder Cloud-Diensten – wurden zu den Treibern der Marktrendite. Die zentrale Frage ist also nicht, *ob* Growth funktioniert hat, sondern *warum* – und die Antwort liegt in der einzigartigen Struktur ihrer Geschäftsmodelle.

Diese historische Performance ist keine Garantie für die Zukunft, aber sie zeigt eindrücklich, welche Kraft in Geschäftsmodellen steckt, die für exponentielles Wachstum konzipiert sind. Der Schlüssel liegt darin, diese Modelle frühzeitig zu identifizieren.

Warum ist die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells der Schlüssel zum Growth-Erfolg?

Der Begriff „Skalierbarkeit“ ist im Growth-Investing das, was die Sicherheitsmarge für Value-Anleger ist: das Fundament des gesamten Ansatzes. Ein skalierbares Geschäftsmodell erlaubt es einem Unternehmen, seinen Umsatz exponentiell zu steigern, während die Kosten nur linear oder sogar degressiv ansteigen. Dies ist die magische Formel, die aus einem Berliner Startup einen globalen Champion machen kann. Denken Sie an Software-as-a-Service (SaaS), digitale Plattformen oder E-Commerce-Giganten.

Die Skalierungslogik ist einfach: Der erste Kunde ist teuer (Entwicklung, Marketing), aber jeder weitere Kunde kostet fast nichts mehr. Diese Eigenschaft führt zu extrem hohen Bruttomargen und einem operativen Hebel, der bei traditionellen Unternehmen undenkbar ist. Ein Blick auf die deutsche Tech-Szene beweist dies eindrucksvoll. Unternehmen wie Zalando, Delivery Hero oder HelloFresh haben es geschafft, von Berlin aus globale Märkte zu erobern, weil ihre digitalen Modelle eine schnelle internationale Expansion ermöglichten. Ihre Bewertungen von mehreren zehn Milliarden Euro spiegeln nicht die aktuellen Gewinne wider, sondern das Potenzial, ihre jeweiligen Märkte zu dominieren. Die Berliner Decacorns wie Zalando mit €24 Mrd. oder Delivery Hero mit €27 Mrd. sind Paradebeispiele für die enorme Wertschöpfung durch skalierbare Modelle.

Doch wie erkennt man als Privatanleger ein solches Modell? Es geht darum, über den Tellerrand der Bilanz zu blicken und die qualitative Natur des Geschäfts zu verstehen. Stellt das Unternehmen ein physisches Produkt mit hohen Produktionskosten her oder eine digitale Dienstleistung? Wie groß ist der adressierbare Gesamtmarkt (Total Addressable Market, TAM)? Kann das Unternehmen wachsen, ohne proportional mehr Personal oder Fabriken zu benötigen? Diese Fragen sind entscheidender als der aktuelle Gewinn pro Aktie.

Ihr Plan zur Identifizierung hochskalierbarer Unternehmen

  1. Umsatzwachstum prüfen: Suchen Sie nach Unternehmen mit einem jährlichen Umsatzwachstum von mindestens 10 % über die letzten drei Jahre. Das ist das erste Signal für eine hohe Nachfrage.
  2. Gross Margin analysieren: Eine hohe Bruttomarge (Gross Margin) zeigt, wie profitabel das Kerngeschäft ist, bevor administrative Kosten anfallen. Werte über 50 % sind ein starkes Zeichen für Skalierbarkeit.
  3. Mit EV/Umsatz bewerten: Bei jungen, unprofitablen Unternehmen ist das KGV nutzlos. Nutzen Sie das Verhältnis von Unternehmenswert (Enterprise Value) zu Umsatz, um die Bewertung im Branchenvergleich einzuschätzen.
  4. Total Addressable Market (TAM) bewerten: Prüfen Sie, wie groß der Markt ist, den das Unternehmen adressiert. Ein riesiger TAM bietet Raum für jahrelanges Wachstum.
  5. Systematische Scores nutzen: Verwenden Sie Kennzahlensysteme wie den HGI-Score (High-Growth-Investing), um Wachstumsaktien systematisch und objektiv zu vergleichen und die besten Kandidaten zu finden.

Letztendlich investieren Sie nicht in das, was ein Unternehmen heute ist, sondern in das, was es dank seiner überlegenen Skalierungslogik in fünf oder zehn Jahren sein kann. Das erfordert eine radikale Abkehr von der traditionellen Bilanzanalyse.

Warum machen die besten Wachstumsunternehmen oft jahrelang keinen Gewinn?

Für traditionelle Anleger ist es ein rotes Tuch: ein Unternehmen, das rasant wächst, aber unter dem Strich tiefrote Zahlen schreibt. Dies widerspricht der betriebswirtschaftlichen Grundlogik, dass ein Unternehmen profitabel sein muss. Doch im Universum der Wachstumsaktien gelten andere Regeln. Die Abwesenheit von Gewinnen ist hier oft kein Zeichen von Schwäche, sondern ein bewusstes strategisches Opfer auf dem Altar der zukünftigen Marktführerschaft. Anstatt Gewinne an Aktionäre auszuschütten, wird jeder verfügbare Euro aggressiv in Wachstum reinvestiert.

Dieses Phänomen lässt sich am besten mit dem Begriff Zukunftskapital beschreiben. Hohe Ausgaben für Forschung und Entwicklung, massives Marketing zur Kundengewinnung und die schnelle Expansion in neue Märkte drücken den Nettogewinn ins Minus. Aus Sicht eines Venture Capitalists sind dies jedoch keine Verluste, sondern Investitionen. Es ist eine „Land Grab“-Strategie: Zuerst den Markt erobern und die Konkurrenz verdrängen, dann die Preise anheben und die Profitabilität optimieren. Amazon hat diese Strategie über ein Jahrzehnt lang perfektioniert und ist heute eines der profitabelsten Unternehmen der Welt.

Ein hervorragendes deutsches Beispiel ist Delivery Hero. Das Unternehmen investiert massiv in die globale Expansion und den Aufbau des Quick-Commerce-Geschäfts. Im Jahr 2024 generierte Delivery Hero ein beeindruckendes Gross Merchandise Value (GMV) von 48,8 Milliarden Euro mit einem Wachstum von über 8 % im Vergleich zum Vorjahr. Der Umsatz aller Segmente wuchs sogar um 22 % auf 12,8 Milliarden Euro. Diese beeindruckenden Wachstumszahlen wurden erzielt, während das Unternehmen strategisch weiter in seine globale Präsenz investierte und daher noch keinen Nettogewinn auswies. Der Markt bewertet hier nicht die aktuelle Profitabilität, sondern das Potenzial, den riesigen globalen Markt für Essenslieferungen zu dominieren.

Anleger müssen lernen, Bilanzen anders zu lesen: Sind die „Verluste“ auf ineffiziente Prozesse zurückzuführen oder auf aggressive Investitionen in Kundenakquise und Technologie? Im letzteren Fall kann ein negatives Ergebnis ein extrem bullisches Signal sein.

Warum ist das KGV bei Amazon oder Tesla oft irrelevant?

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist die wohl bekannteste Kennzahl zur Aktienbewertung. Sie gibt an, mit dem Wievielfachen des Jahresgewinns ein Unternehmen an der Börse bewertet wird. Für stabile Value-Aktien ist sie ein nützlicher Indikator. Bei Wachstumsunternehmen führt sie jedoch oft in die Irre und schürt die Angst vor einer Überbewertung. Der Grund dafür ist das Bewertungs-Paradoxon: Unternehmen, die am stärksten in ihre Zukunft investieren, haben oft niedrige oder gar keine Gewinne, was zu einem astronomisch hohen oder nicht berechenbaren KGV führt.

Tesla oder Amazon in ihren stärksten Wachstumsphasen hatten KGVs, die jeden traditionellen Anleger abgeschreckt hätten. Doch der Markt bewertete nicht den aktuellen Gewinn, sondern die erwartete zukünftige Dominanz in riesigen Märkten. Das KGV blickt in den Rückspiegel, während Growth-Investoren durch die Windschutzscheibe schauen. Deshalb sind alternative Kennzahlen unerlässlich. Eine der wichtigsten ist das Verhältnis von Unternehmenswert zu Umsatz (Enterprise Value/Sales oder EV/S). Diese Kennzahl setzt den gesamten Wert eines Unternehmens (Marktkapitalisierung plus Schulden minus Cash) ins Verhältnis zum Umsatz. Laut der HGI-Strategie wird das EV/Umsatz-Verhältnis als Schlüsselkennzahl für unrentable Wachstumsunternehmen genutzt, da es die operative Leistung unabhängig von der aktuellen Profitabilität und Kapitalstruktur vergleichbar macht.

Diese unterschiedlichen Bewertungsansätze sind fundamental und zeigen, dass Growth und Value zwei völlig verschiedene Philosophien sind. Die folgende Tabelle verdeutlicht die zentralen Unterschiede in der Herangehensweise.

Vergleich der Bewertungsmethoden: Growth vs. Value
Kennzahl Growth-Aktien Value-Aktien
Primäre Bewertung EV/Umsatz, Umsatzwachstum KGV, KBV
Fokus Zukünftiges Potenzial Aktuelle Profitabilität
Typische Branchen Tech, E-Commerce, SaaS Banken, Industrie, Energie
Volatilität Hoch Moderat

Das Festhalten am KGV bei einer Aktie wie Tesla ist, als würde man die Intelligenz eines Fisches daran messen, wie gut er auf einen Baum klettern kann. Sie brauchen das richtige Werkzeug für die richtige Aufgabe.

Wie halten Sie die extremen Kursschwankungen von Wachstumsaktien psychisch aus?

Die Theorie des Growth-Investings ist faszinierend, die Praxis jedoch kann ein emotionaler Härtetest sein. Wachstumsaktien sind notorisch volatil. Kursverluste von 30 %, 50 % oder mehr innerhalb weniger Monate sind keine Seltenheit. An dieser Stelle scheitern die meisten Privatanleger: Sie kaufen in der Euphorie am Hoch und verkaufen in der Panik am Tief. Die Fähigkeit, diese Schwankungen auszuhalten, ist daher keine Frage von „starken Nerven“, sondern von einer robusten Strategie und psychologischer Belastbarkeit.

Eine der bewährtesten Methoden, um das Risiko zu managen, ohne auf die Chancen zu verzichten, ist die Core-Satellite-Strategie. Diese ist für deutsche Anleger besonders gut umsetzbar. Der „Kern“ (Core) Ihres Portfolios, etwa 70-80 %, besteht aus einem soliden, breit gestreuten Fundament, zum Beispiel einem ETF auf den MSCI World oder den DAX. Dieser Kern sorgt für Stabilität. Die „Satelliten“ (Satellites) sind Ihre Growth-Wetten: Einzelaktien oder spezialisierte ETFs (z.B. auf den TecDAX oder Nasdaq 100), die jeweils nur einen kleinen Teil des Gesamtportfolios ausmachen (z.B. 2-5 % pro Position). Fällt ein Satellit vom Himmel, gefährdet das nicht Ihr gesamtes Vermögen. Startet einer durch, sorgt er für den erhofften Turbo-Effekt.

Die Volatilität deutscher Online-Aktien im Jahr 2023 ist ein perfektes Beispiel. Werte wie Zalando und Delivery Hero brachen zunächst massiv ein und gehörten zu den schwächsten Aktien im DAX/MDAX. Anleger, die hier in Panik verkauften, realisierten herbe Verluste. Wer jedoch an seiner Strategie festhielt, erlebte eine starke Erholung, bei der etwa die HelloFresh-Aktie an einzelnen Tagen Kurssprünge von über 6 % verzeichnete und erstmals seit einem Jahr wieder die 30-Euro-Marke knackte. Dieses Beispiel zeigt: Ohne einen klaren Plan im Voraus sind emotionale Fehlentscheidungen vorprogrammiert. Der Schlüssel zur psychologischen Belastbarkeit liegt in einem vordefinierten Regelwerk:

  • Kern-Portfolio aufbauen: Investieren Sie 70-80% Ihres Kapitals in breit gestreute ETFs wie den MSCI World, um eine solide Basis zu schaffen.
  • Satelliten-Positionen definieren: Allokieren Sie maximal 20% Ihres Gesamtportfolios in Growth-Wetten, mit nicht mehr als 5-10% pro einzelner Position.
  • Sparpläne automatisieren: Nutzen Sie monatliche Sparpläne, um regelmäßig in Ihre Kern-ETFs und spekulativere Indizes wie den TecDAX zu investieren und vom Durchschnittskosteneffekt zu profitieren.
  • Rebalancing-Regeln festlegen: Überprüfen Sie Ihr Portfolio vierteljährlich. Wenn ein Satellit durch starkes Wachstum eine zu große Gewichtung erreicht (z.B. >25% Abweichung), nehmen Sie Gewinne mit und schichten Sie in den Kern um.
  • Exit-Strategie definieren: Legen Sie vor dem Kauf fest, wann Sie verkaufen – sei es durch einen Stop-Loss (z.B. bei -30%), um Verluste zu begrenzen, oder bei Erreichen eines Kursziels (z.B. Gewinnmitnahmen bei +100%).

Volatilität ist der Preis, den Sie für die überdurchschnittliche Rendite von Wachstumsaktien zahlen. Mit einer klugen Strategie stellen Sie sicher, dass Sie diesen Preis auch bezahlen können, ohne Ihr Depot zu gefährden.

Warum verhält sich Bitcoin oft wie eine hebelierte Nasdaq-Aktie?

Auf den ersten Blick haben Kryptowährungen wie Bitcoin und Technologieaktien wenig gemeinsam. Doch in der Praxis tanzen sie oft im Gleichtakt. In Phasen hoher Risikobereitschaft am Markt („Risk-On“) steigen beide, während sie in Krisenzeiten („Risk-Off“) gemeinsam fallen. Dieses Phänomen lässt sich dadurch erklären, dass beide Anlageklassen vom selben Kapitalfluss angetrieben werden: Geld, das auf der Suche nach hohen Renditen ist und bereit ist, dafür hohe Risiken einzugehen.

Bitcoin und andere Krypto-Assets werden von vielen institutionellen und privaten Anlegern als die Speerspitze der spekulativen Anlagen betrachtet – quasi als eine Art „Growth-Investing auf Steroiden“. Wenn die Zentralbanken wie die EZB oder die Fed die Märkte mit billigem Geld fluten und die Zinsen niedrig sind, suchen Anleger nach Rendite. Dieses Kapital fließt dann nicht nur in vielversprechende Tech-Aktien an der Nasdaq, sondern auch in den Kryptomarkt. Bitcoin agiert dabei oft wie eine gehebelte Version des Nasdaq: Steigt der Tech-Index um 2 %, kann Bitcoin um 5 % oder mehr zulegen – und umgekehrt. Wie ein Marktbeobachter in einer Analyse treffend formulierte:

Bei hoher Risikobereitschaft, oft befeuert durch die Geldpolitik von EZB und Fed, fließt Kapital sowohl in spekulative Tech-Werte als auch in Krypto-Assets.

– Marktbeobachter, Finanzen.net Marktanalyse

Die extremen Schwankungen des MSCI World Growth Index in den letzten Jahren illustrieren diese Risk-On/Risk-Off-Dynamik perfekt. Nach einem katastrophalen Jahr 2022, als die Zinsen stiegen und die Risikobereitschaft sank, erlebte der Index eine massive Erholung im Folgejahr. Die extremen Schwankungen von -29,05 % im Jahr 2022 und +37,31 % im Jahr 2023 zeigen deutlich, wie stark die Stimmung an den Märkten diese Anlageklasse beeinflusst. Bitcoin zeigte in diesen Phasen ein ähnliches, aber noch stärker ausgeprägtes Verhalten.

Für Growth-Investoren ist diese Erkenntnis wichtig: Die Wertentwicklung Ihrer Aktien hängt nicht nur vom Erfolg des einzelnen Unternehmens ab, sondern auch vom allgemeinen Makro-Umfeld und der globalen Risikobereitschaft. Ein Diversifikationsansatz, der diese Korrelationen berücksichtigt, ist daher unerlässlich.

Der teure Fehler, sich als risikofreudig einzuschätzen und im Tief zu verkaufen

Einer der größten Widersprüche an der Börse ist die Lücke zwischen der selbsteingeschätzten und der tatsächlichen Risikotoleranz eines Anlegers. In einem Bullenmarkt, wenn die Kurse nur eine Richtung kennen, halten sich viele für risikofreudige Visionäre. Doch die wahre Probe kommt im Bärenmarkt. Wenn das Depot tiefrot ist und die Schlagzeilen von Krisen und Rezessionen dominiert werden, verwandelt sich der vermeintliche Visionär schnell in einen panischen Verkäufer. Dieser Fehler, im Tief aus Angst zu verkaufen, ist der teuerste von allen.

Die Verhaltensökonomie nennt dieses Phänomen Verlustaversion: Ein Verlust von 1.000 Euro schmerzt psychologisch etwa doppelt so stark, wie ein Gewinn von 1.000 Euro Freude bereitet. Bei den heftigen Kurseinbrüchen von Wachstumsaktien wird dieser Schmerz für viele unerträglich. Die Inflationskrise 2022 war ein Lehrbuchbeispiel für dieses Verhalten in Deutschland. Der europäische Einzelhandelsindex Stoxx Europe 600 Retail fiel auf das tiefste Niveau seit dem Corona-Crash im Frühjahr 2020. Deutsche Anleger verkauften in großem Stil ihre einstigen Lieblinge wie Zalando, Delivery Hero und HelloFresh, die teilweise bis zu 80 % von ihren Höchstständen verloren hatten. Wer hier die Nerven verlor und verkaufte, zementierte seine Verluste.

Wer hingegen durchhielt, weil er eine klare Investment-These und einen langen Horizont hatte, wurde belohnt. Im Jahr 2023 erlebten genau diese Aktien eine starke Erholung mit Kursgewinnen von über 10 % in einzelnen Wochen. Der entscheidende Unterschied lag nicht in der Qualität der Aktien, sondern in der Disziplin der Anleger. Der einzige Weg, diesen Fehler zu vermeiden, ist, die eigenen Emotionen aus dem Spiel zu nehmen, indem man sich an einen im Voraus definierten Plan hält. Ein Investment-Tagebuch, in dem man seinen Kaufgrund, den Zeithorizont und die Ausstiegskriterien festhält, kann hier ein unschätzbares Werkzeug sein.

Letztendlich ist die größte Gefahr für Ihr Depot nicht die Volatilität des Marktes, sondern die Impulsivität Ihrer eigenen Entscheidungen. Definieren Sie Ihre Strategie in ruhigen Zeiten, damit Sie ihr in stürmischen Zeiten treu bleiben können.

Das Wichtigste in Kürze

  • Performance spricht für sich: In den von Innovation geprägten letzten zehn Jahren hat der Growth-Ansatz den Value-Stil bei der Rendite klar übertroffen.
  • Skalierbarkeit ist Trumpf: Der wahre Wert von Wachstumsunternehmen liegt nicht in heutigen Gewinnen, sondern in Geschäftsmodellen, die exponentielles Wachstum bei minimalen Grenzkosten ermöglichen.
  • Strategie schlägt Emotion: Die extreme Volatilität ist der Preis für hohe Renditechancen. Nur eine vordefinierte Strategie wie das Core-Satellite-Modell schützt vor teuren Panikverkäufen.

Warum ist das Umsatzwachstum für junge Unternehmen wichtiger als der Nettogewinn?

Wir kehren zur zentralen Frage zurück, die so viele traditionelle Investoren verunsichert: Umsatz oder Gewinn? Für ein junges, disruptives Unternehmen ist die Antwort eindeutig. In der Anfangsphase eines Unternehmens, das einen neuen Markt schafft oder einen bestehenden auf den Kopf stellt, ist das Umsatzwachstum die entscheidende Metrik. Es ist der ultimative Beweis für den Product-Market-Fit – die Bestätigung, dass Kunden das Produkt wollen und bereit sind, dafür zu zahlen.

Stellen Sie es sich wie einen Wettlauf vor. In digitalen Märkten gilt oft das „The Winner Takes It All“-Prinzip. Das Unternehmen, das als Erstes eine kritische Masse an Nutzern erreicht, baut durch Netzwerkeffekte und Markenstärke einen uneinholbaren Burggraben auf. In dieser Phase geht es nicht darum, den letzten Euro an Profit herauszuquetschen, sondern darum, so schnell wie möglich Marktanteile zu gewinnen. Diese „Land Grab“-Strategie ist der Kern des Venture-Capital-Ansatzes. Das Berliner Startup-Ökosystem ist dafür ein Paradebeispiel. Mit €2,2 Milliarden an Venture-Capital-Investitionen im Jahr 2024, was 31 % des gesamten deutschen Volumens entspricht, zeigt die Hauptstadt, wie diese Strategie funktioniert. Erst Marktanteile sichern, dann monetarisieren.

Der deutsche Markt für Online-Essenslieferungen illustriert dies perfekt. Obwohl der Wettbewerb intensiv ist und die Profitabilität unter Druck steht, wächst der Markt weiter rasant. Allein in Deutschland wird für 2024 ein Umsatz von rund 2,8 Milliarden Euro im Online-Food-Delivery-Segment prognostiziert. Ein Unternehmen, das in diesem Markt heute auf Profitabilität optimiert, würde wertvolle Marktanteile an aggressivere Wettbewerber verlieren. Der Fokus auf Umsatzwachstum ist also ein strategisches Gebot, um langfristig überleben und gedeihen zu können. Die Profitabilität kommt später, wenn die Marktposition gefestigt ist.

Die Priorisierung von Umsatz als primärem Indikator für den Erfolg ist die grundlegende Denkweise, die Growth-Investoren von Value-Anlegern unterscheidet.

Für Sie als Anleger bedeutet das: Feiern Sie steigende Umsatzzahlen wie einen Gewinn. Sie sind das verlässlichste Signal, dass Sie auf ein zukünftiges Champion-Unternehmen gesetzt haben. Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Portfolio mit der disziplinierten Logik und der Zukunftsorientierung eines Venture Capitalists zu betrachten.

Geschrieben von Lukas Klein, FinTech-Analyst und Krypto-Experte mit Hintergrund im algorithmischen Handel. Spezialisiert auf Blockchain-Technologie, Neobroker-Vergleiche und das Risikomanagement volatiler Assets.