Veröffentlicht am März 12, 2024

Die höhere Rendite von Gewerbeimmobilien ist keine Prämie für abstraktes Risiko, sondern eine kalkulierbare Kompensation für spezifische, operative Herausforderungen.

  • Langfristige Mietverträge bieten nur scheinbare Sicherheit und können bei Mieterinsolvenz durch Sonderkündigungsrechte ausgehebelt werden.
  • Banken fordern aufgrund der geringeren Fungibilität von Gewerbeobjekten höhere Tilgungsraten und mehr Eigenkapital, was den Cashflow belastet.

Empfehlung: Analysieren Sie die Drittverwendungsfähigkeit eines Objekts und die Bonität des Mieters rigoros, um die Risiken nicht nur zu mindern, sondern sie als Wertschöpfungshebel zu nutzen.

Als erfahrener Investor im Wohnimmobilienmarkt fällt Ihnen die Diskrepanz unweigerlich auf: Gewerbeimmobilien werben oft mit Renditen, die ein bis zwei Prozentpunkte über denen von Wohnungen liegen. Dieser Aufschlag wirkt verlockend, doch er weckt auch eine gesunde Skepsis. Die gängige Erklärung, dies sei schlicht eine Prämie für „höheres Risiko“, greift zu kurz. Sie verschleiert die spezifischen, operativen und rechtlichen Mechanismen, die hinter diesem Renditevorsprung stehen und die ein professioneller Investor verstehen und managen muss.

Viele Ratschläge beschränken sich auf die Binsenweisheit, dass lange Mietverträge von 10 oder 15 Jahren eine hervorragende Planungssicherheit böten. Doch diese Medaille hat eine Kehrseite, die oft erst in Krisenzeiten sichtbar wird. Die Wahrheit ist, dass der Mehrertrag von Gewerbeimmobilien nicht geschenkt ist. Er ist quasi das Gehalt für die Rolle des aktiven kaufmännischen Geschäftsführers, die Sie als Vermieter übernehmen. Sie müssen nicht nur die Immobilie, sondern auch das Geschäftsmodell Ihres Mieters und dessen Branche kontinuierlich bewerten.

Doch was, wenn der Haken gar kein Haken ist, sondern ein Hebel? Was, wenn das Verständnis dieser spezifischen Herausforderungen – von der aggressiveren Bankentilgung über die Gefahr der Mieterinsolvenz bis hin zur eingeschränkten Nutzbarkeit von Spezialimmobilien – genau der Schlüssel ist, um überdurchschnittliche Erträge zu erzielen? Dieser Artikel dekonstruiert die fundamentalen Unterschiede zwischen Gewerbe- und Wohninvestments. Er zeigt Ihnen, wie Sie die vermeintlichen Nachteile nicht als unüberwindbare Hürden, sondern als kalkulierbare unternehmerische Aufgaben betrachten, deren professionelle Bewältigung die höhere Rendite erst rechtfertigt und sichert.

Um diese komplexen Zusammenhänge zu beleuchten, analysieren wir die kritischsten Aspekte eines Gewerbeinvestments. Von den Tücken langfristiger Mietverträge bis zu den Chancen, die sich aus dem strukturellen Wandel ergeben, erhalten Sie einen praxisnahen Einblick für Ihre strategischen Entscheidungen.

Warum sind Laufzeiten von 10 Jahren Fluch und Segen zugleich?

Auf den ersten Blick sind langfristige Mietverträge von 10, 15 oder sogar 20 Jahren der größte Segen für einen Gewerbeinvestor. Sie versprechen eine verlässliche und kalkulierbare Einnahmequelle, die weit über die üblichen Laufzeiten im Wohnsegment hinausgeht. Diese Planungssicherheit ist das Hauptargument, das Banken überzeugt und eine stabile Finanzierung ermöglicht. Sie sichert den Cashflow und schützt vor kurzfristigen Marktschwankungen und häufigen Mieterwechseln, die mit Kosten für Renovierung und Vermarktung verbunden sind.

Der Fluch dieser Langfristigkeit offenbart sich jedoch, wenn der Mieter in eine wirtschaftliche Schieflage gerät oder sich die Marktbedingungen dramatisch ändern. Ein starrer 10-Jahres-Vertrag wird dann zur Fessel. Der Vermieter ist an einen möglicherweise nicht mehr solventen Partner gebunden und kann nicht flexibel auf eine veränderte Nachfrage reagieren. Die Insolvenz von Galeria Karstadt Kaufhof im Jahr 2020 hat dieses Risiko drastisch vor Augen geführt.

Fallstudie: Galeria Karstadt Kaufhof Nachverhandlungen während COVID-19

Die Insolvenz von Galeria Karstadt Kaufhof 2020 zeigte die Grenzen langfristiger Gewerbemietverträge: Trotz 10-15 Jahre laufender Verträge konnte der Filialkonzern während der COVID-Pandemie massive Mietreduzierungen durchsetzen. Vermieter mussten zwischen teilweisen Mieteinnahmen oder kompletten Leerständen wählen. Die durchschnittliche Mietreduzierung lag bei 30-50%, wobei Vermieter in 1A-Lagen besonders betroffen waren.

Dieses Beispiel zeigt, dass selbst vermeintlich sichere Verträge in Krisenzeiten neu verhandelt werden. Der professionelle Investor begegnet diesem Risiko nicht passiv, sondern aktiv durch eine vorausschauende Vertragsgestaltung. Entscheidend ist die Verankerung von Klauseln, die den Wert der Immobilie langfristig sichern, selbst wenn der Markt volatil wird. Eine sorgfältig formulierte Wertsicherungsklausel ist hierbei kein optionales Extra, sondern eine absolute Notwendigkeit.

Ihr Plan für wertsichernde Mietvertragsgestaltung

  1. Wertsicherungsklausel: Verankern Sie eine Klausel nach dem deutschen Preisklauselgesetz (PrKG) und vereinbaren Sie eine Kopplung an den Verbraucherpreisindex (VPI).
  2. Indexanpassung: Schreiben Sie eine mindestens jährliche, automatische Anpassung des Mietzinses vertraglich fest, um schleichende Wertverluste zu vermeiden.
  3. Berechnungsformel: Nehmen Sie eine konkrete und unmissverständliche Berechnungsformel in den Vertrag auf, die Basis-Index und Anpassungszeitpunkte exakt bestimmt.
  4. Nachverhandlungsklauseln: Definieren Sie Regelungen für außergewöhnliche, unvorhersehbare Umstände (z.B. Pandemien), um unkontrollierte Nachverhandlungen zu strukturieren.
  5. Exit-Strategien: Sichern Sie Optionen wie Untervermietungsrechte oder die Stellung eines Nachmieters vertraglich ab, um bei Bedarf flexibel reagieren zu können.

Was passiert mit Ihrer Immobilie, wenn der Gewerbemieter pleite geht?

Die Insolvenz eines Gewerbemieters ist eines der gravierendsten Risiken für einen Investor und der Punkt, an dem die vermeintliche Sicherheit eines Langzeitvertrags kollabiert. Während im Wohnbereich die Nachfrage robust und ein Mieterwechsel meist unproblematisch ist, kann die Pleite eines Ankermieters im Gewerbebereich einen Dominoeffekt auslösen. Der entscheidende rechtliche Hebel ist dabei das Sonderkündigungsrecht des Insolvenzverwalters.

Abstraktes Bild von fallenden Dominosteinen in einem Einkaufszentrum, das den Effekt einer Mieterinsolvenz symbolisiert.

Unabhängig von der vertraglich vereinbarten Laufzeit von 10 oder 15 Jahren kann der Insolvenzverwalter den Mietvertrag mit einer stark verkürzten Frist beenden. Gemäß § 109 der Insolvenzordnung (InsO) hat der Insolvenzverwalter ein Sonderkündigungsrecht, das ihm erlaubt, den Vertrag mit einer Frist von drei Monaten zum Monatsende zu kündigen. Eine Studie von KPMG Law bestätigt, dass laut § 109 InsO der Insolvenzverwalter einen 10-Jahres-Vertrag in eine 3-monatige Kündigungsfrist umwandeln kann. Für den Vermieter bedeutet dies nicht nur den sofortigen Verlust der Mieteinnahmen, sondern auch den Beginn einer kostspieligen und langen Phase der Unsicherheit.

Die finanziellen Folgen gehen weit über den reinen Mietausfall hinaus. Oft hinterlässt der insolvente Mieter eine für seine Zwecke spezifisch umgebaute Fläche (z.B. eine Arztpraxis, ein Restaurant). Die Kosten für den Rückbau und die Wiederherstellung eines neutralen, für andere Branchen nutzbaren Zustands (die Verbesserung der Drittverwendungsfähigkeit) fallen meist auf den Vermieter zurück. Hinzu kommen Anwalts- und Maklerkosten sowie der Wertverlust durch langen Leerstand.

Die folgende Tabelle, basierend auf Daten von Immobilienexperten, verdeutlicht den dramatischen Kostenunterschied zwischen einer regulären Kündigung und einer Mieterinsolvenz.

Kostenvergleich: Insolvenz vs. normale Kündigung
Kostenart Normale Kündigung Insolvenz des Mieters
Mietausfall 0-1 Monat 3-12 Monate
Rückbaukosten Vom Mieter getragen Meist vom Vermieter (10.000-50.000€)
Rechtsanwaltskosten 2.000-5.000€ 5.000-15.000€
Maklerkosten Neuvermietung 2-3 Monatsmieten 3-5 Monatsmieten
Leerstandsdauer 1-3 Monate 6-18 Monate

Warum tilgen Banken bei Gewerbeobjekten viel aggressiver als bei Wohnungen?

Ein weiterer fundamentaler Unterschied, der den Cashflow eines Gewerbeinvestments direkt beeinflusst, liegt in den Finanzierungsbedingungen der Banken. Während bei Wohnimmobilien eine Anfangstilgung von 2 % als Standard gilt, fordern Banken bei Gewerbeimmobilien deutlich höhere Raten. Diese aggressive Tilgung ist eine direkte Folge des höheren Risikoprofils aus Sicht der Bank.

Der Hauptgrund dafür ist die bereits erwähnte Drittverwendungsfähigkeit. Eine Wohnung kann nahezu immer wieder vermietet werden. Ein spezialisiertes Ladenlokal, eine Produktionshalle oder eine Arztpraxis sind hingegen oft auf einen bestimmten Mieter oder eine Branche zugeschnitten. Das Risiko eines langfristigen Leerstands nach dem Auszug des Mieters ist ungleich höher. Banken preisen dieses Risiko ein, indem sie eine schnellere Entschuldung der Immobilie verlangen. Aktuelle Analysen des Finanzierungsmarktes zeigen, dass laut aktuellen Finanzierungskonditionen die Anfangstilgung bei Gewerbeobjekten zwischen 3 % und 5 % liegt, im Vergleich zu den üblichen 2 % bei Wohnungen. Zusätzlich ist der Beleihungsauslauf geringer (oft nur 60-70 % statt 80-90 %), was einen höheren Eigenkapitaleinsatz erfordert.

Diese Kombination aus höherer Tilgung und höherem Zinssatz (aufgrund des Risikozuschlags) führt zu einer signifikant höheren monatlichen Belastung für den Investor. Der positive Cashflow, der nach Abzug der Rate von den Mieteinnahmen übrig bleibt, ist daher oft deutlich geringer als bei einer vergleichbaren Wohnimmobilie, selbst wenn die Bruttorendite höher ist.

Die folgende Simulation für eine Finanzierung von 500.000 € illustriert den massiven Unterschied in der monatlichen Rate und dem benötigten Eigenkapital.

Cashflow-Simulation: 500.000€ Finanzierung
Parameter Wohnimmobilie Gewerbeimmobilie
Darlehenssumme 500.000€ 500.000€
Zinssatz 3,5% 4,5%
Anfangstilgung 2% 4%
Monatliche Rate 2.291€ 3.541€
Beleihungsauslauf 80-90% 60-70%
Eigenkapitalbedarf 50.000€ 150.000€

Warum funktioniert Einzelhandel nur in 1A-Lagen, während Wohnen überall geht?

Die alte Maklerweisheit „Lage, Lage, Lage“ gilt für alle Immobilien, doch im Gewerbebereich, insbesondere im Einzelhandel, potenziert sich ihre Bedeutung. Während eine Wohnung selbst in einer C-Lage fast immer einen Mieter findet – Menschen müssen irgendwo wohnen –, ist ein Einzelhandelsgeschäft existenziell von Kundenfrequenz abhängig. In einer Nebenstraße ohne Laufkundschaft hat selbst das beste Konzept kaum eine Überlebenschance. Dies führt zu einer extremen Polarisierung des Marktes.

1A-Lagen in den großen Einkaufsstraßen der Metropolen bieten die höchste Frequenz und damit die größte Sicherheit für Einzelhändler. Diese Sicherheit lassen sich Vermieter teuer bezahlen, was die Kaufpreise in die Höhe treibt und die Renditen drückt. Umgekehrt bieten Objekte in B- oder C-Lagen auf dem Papier oft attraktivere Renditen. Doch diese höhere Rendite ist die Kompensation für ein massiv erhöhtes Leerstandsrisiko. Der strukturelle Wandel durch den E-Commerce hat diesen Effekt noch verstärkt. Was früher eine B-Lage war, ist heute oft schon eine C-Lage, weil die Kundenfrequenz abgenommen hat. So zeigen aktuelle Marktanalysen, dass B/C-Lagen zwar 6 % Rendite oder mehr bieten können, aber die Sicherheit einer A-Lage mit 4 % Rendite nicht erreichen.

Allerdings schafft der strukturelle Wandel auch neue Chancen abseits der klassischen 1A-Lagen. Der Trend zum Home-Office führt zu einer Wiederbelebung von Stadtteilzentren und schafft neue, dezentrale Nachfrage.

Fallstudie: Renaissance der Stadtteilzentren durch Home-Office

Seit 2020 erleben lokale Stadtteilzentren in deutschen Großstädten eine Renaissance. Durch Home-Office-Trends steigt die Nachfrage nach wohnortnahen Einzelhandelsflächen. B- oder C-Standorte werden für Investoren immer attraktiver, da hier das durchschnittliche Rendite-Risiko-Verhältnis günstiger ist als in den großen Metropolen. Beispiele aus München und Hamburg zeigen: Bäckereien, Apotheken und Nahversorger in Wohnquartieren verzeichnen 15-20% Umsatzsteigerungen.

Für Investoren bedeutet das einen Paradigmenwechsel: Statt blind auf die teuren Top-Lagen zu setzen, kann eine genaue Analyse von Mikrolagen in prosperierenden Wohnquartieren profitabler sein. Der Fokus verschiebt sich von der reinen Passantenfrequenz hin zur Analyse der demografischen Entwicklung und der Kaufkraft im direkten Umfeld eines Objekts.

Wie schwierig ist es, ein Bürohaus in Wohnungen umzuwandeln?

Die Idee klingt verlockend: Angesichts eines angespannten Wohnungsmarktes und zunehmenden Leerstands bei älteren Bürogebäuden scheint die Umnutzung (Konversion) von Büro- in Wohnraum eine Win-Win-Situation zu sein. Investoren könnten von der hohen Nachfrage nach Wohnungen profitieren und gleichzeitig dem Wertverfall ihrer Gewerbeimmobilie entgegenwirken. In der Praxis ist dieser Weg jedoch mit erheblichen Hürden gepflastert und oft komplexer und teurer als ein Neubau.

Die größten Herausforderungen liegen im öffentlichen und privaten Baurecht. Ein Bebauungsplan legt fest, welche Nutzungsart in einem Gebiet zulässig ist. Ist ein Areal als reines Gewerbegebiet ausgewiesen, ist eine Umwandlung in Wohnraum oft von vornherein ausgeschlossen oder erfordert ein langwieriges und unsicheres Änderungsverfahren. Selbst wenn der Bebauungsplan eine gemischte Nutzung erlaubt, müssen die strengen Vorschriften der Landesbauordnungen für Wohnraum erfüllt werden. Dazu gehören unter anderem:

  • Brandschutz: Die Anforderungen an Rettungswege, Brandabschnitte und Feuerwiderstandsklassen sind für Wohngebäude oft strenger als für Bürogebäude.
  • Schall- und Wärmeschutz: Bürogebäude aus den 80er- oder 90er-Jahren erfüllen selten die heutigen Standards für den Schallschutz zwischen den Einheiten oder die energetischen Anforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) bzw. des Gebäudeenergiegesetzes (GEG).
  • Belichtung und Belüftung: Jede Wohnung benötigt ausreichend Tageslicht und Fenster, die sich öffnen lassen. Die tiefen Grundrisse vieler Bürogebäude machen es schwierig, innenliegende Bereiche natürlich zu belichten und zu belüften.
  • Technische Infrastruktur und Statik: Die Umwandlung erfordert eine komplett neue Verlegung von Wasser-, Abwasser- und Stromleitungen für Küchen und Bäder. Dies kann tiefgreifende Eingriffe in die Bausubstanz und Statik erfordern.

Stellen Sie sich ein typisches Bürohaus aus den 1980er Jahren vor. Die Fassade ist möglicherweise nicht ausreichend gedämmt, die Fenster sind nicht für Wohnzwecke ausgelegt, und die Gebäudestruktur mit zentralen Versorgungsschächten ist für die Schaffung einzelner Wohneinheiten mit Bädern und Küchen ungeeignet. Die Kosten für die Sanierung der Fassade, den Austausch der Fenster, den kompletten Rückbau der Haustechnik und den Einbau neuer Wände und Versorgungstränge können die Kosten eines Neubaus schnell übersteigen. Die Konversion ist daher keine universelle Lösung, sondern eine Option, die eine extrem detaillierte technische, rechtliche und wirtschaftliche Einzelfallprüfung erfordert.

Wie erkennen Sie Aktien, die billig sind, weil das Unternehmen stirbt?

Diese Frage aus der Aktienanalyse lässt sich perfekt auf Gewerbeimmobilien übertragen. Wie erkennen Sie einen Mieter, dessen Branche einem strukturellen Niedergang geweiht ist? Ein scheinbar günstiges Objekt mit einem langjährigen Mietvertrag kann sich als „Value Trap“ entpuppen, wenn der Mieter in einer „sterbenden“ Branche tätig ist – man denke an Videotheken in den 2000ern oder heute an viele klassische Textileinzelhändler. Als Investor kaufen Sie nicht nur eine Immobilie, sondern beteiligen sich indirekt am Geschäftsrisiko Ihres Mieters. Daher ist eine branchenspezifische Due Diligence unerlässlich.

Frühwarnindikatoren für eine dem Untergang geweihte Mieterbranche sind vielfältig. Analysieren Sie den wachsenden Marktanteil der Online-Konkurrenz. Prüfen Sie, wie stark das Geschäftsmodell von technologischen Disruptionen wie Automatisierung oder Digitalisierung bedroht ist. Auch die demografische Entwicklung am Standort spielt eine Rolle: Eine alternde Bevölkerung hat andere Konsumbedürfnisse als eine junge, wachsende Bevölkerung. Regulatorische Risiken, wie z.B. neue Umweltauflagen oder Verbote, können ganze Geschäftsmodelle über Nacht obsolet machen.

Doch selbst ein Mieter aus einer „sterbenden“ Branche kann eine strategische Chance darstellen, wenn man vorausschauend plant. Der Schlüssel liegt darin, die verbleibende Restlaufzeit des Mietvertrags zu nutzen, um eine alternative Nutzung vorzubereiten und genehmigen zu lassen. So wird das Risiko zum Wertschöpfungshebel.

Fallstudie: Transformation einer Bankfiliale in Mikroapartments

Ein Investor erwarb 2023 eine ehemalige Bankfiliale in Frankfurt für 1,2 Mio. € mit einer Restlaufzeit des Mietvertrags von noch 18 Monaten. Während dieser Zeit generierte er sichere Mieteinnahmen. Parallel sicherte er sich bereits die Baugenehmigung für die Umwandlung in 12 Mikroapartments. Nach dem Auszug der Bank und einem Umbau für 600.000 € generiert das Objekt nun eine Jahresmieteinnahme von 96.000 € statt der vorherigen 48.000 €. Er hat die Rendite verdoppelt, indem er das Ende eines Geschäftsmodells als Start für ein neues nutzte.

Dieses Vorgehen wandelt ein passives Investment in eine aktive Projektentwicklung um. Die Mieteinnahmen des „sterbenden“ Mieters finanzieren quasi die Planungsphase für die Neupositionierung der Immobilie. Anstatt den Niedergang zu fürchten, nutzt der clevere Investor ihn als geplante Übergangsphase.

A-Lage vs. C-Lage: Wo finden Sie heute noch positive Cashflow-Objekte?

Die Suche nach Immobilien mit positivem Cashflow nach Zins und Tilgung ist für Investoren zur zentralen Herausforderung geworden. In den 1A-Lagen der deutschen Metropolen ist dies bei den aktuellen Kaufpreisen und den aggressiven Tilgungsanforderungen für Gewerbeimmobilien kaum noch darstellbar. Die hohen Preise drücken die Nettomietrendite oft unter die Marke von 4 %, während die Finanzierungsrate (z.B. 4,5 % Zins + 4 % Tilgung) weit darüber liegt. Der Cashflow ist hier nach Tilgung fast immer negativ. Der Investor setzt auf eine zukünftige Wertsteigerung und Subventioniert die Haltung der Immobilie.

Positive Cashflow-Objekte finden sich daher heute vor allem in zwei Segmenten: in soliden B- und C-Lagen mit stabiler Nachfrage oder bei Spezialimmobilien, deren Rendite-Risiko-Profil von anderen Faktoren als der reinen Lage abhängt. Nach aktuellen JLL-Marktdaten liegt die prognostizierte Nettoanfangsrendite für Gewerbeimmobilien in B-Lagen deutscher Top-7-Städte für 2025 bei soliden 4,4 %, was die Chancen auf einen positiven Cashflow erhöht.

Noch interessanter wird es bei betreiberabhängigen Spezialimmobilien. Hier ist weniger die geografische Lage entscheidend als vielmehr die Qualität des Betreibers und die langfristige Natur seines Geschäftsmodells. Diese Objekte sind oft resistenter gegenüber konjunkturellen Schwankungen und dem E-Commerce-Trend.

Die folgende Übersicht zeigt typische Renditen und Risikoprofile für solche Nischen-Objekte, die für erfahrene Investoren besonders attraktiv sein können.

Cashflow-Potenzial von Spezialimmobilien
Objekttyp Nettomietrendite Leerstandsrisiko Cashflow nach Tilgung
Arztpraxis 5-6% Sehr gering Positiv
Kita mit Trägervertrag 5-7% Minimal Stark positiv
Pflegeheim 5-6% Gering Positiv
Light Industrial / Logistik 6-8% Mittel Positiv
Büro A-Lage 3-4% Gering Neutral/Negativ

Eine Arztpraxis ist an ihren Standort gebunden und hat einen festen Patientenstamm. Eine Kindertagesstätte mit einem langfristigen Vertrag mit einem öffentlichen oder kirchlichen Träger bietet quasi-staatliche Mietsicherheit. Diese Objekte kombinieren die Rendite einer Gewerbeimmobilie mit der Sicherheit eines fast konjunkturunabhängigen Bedarfs. Für Investoren, die bereit sind, sich in diese Nischen einzuarbeiten, bieten sie die besten Chancen auf einen nachhaltig positiven Cashflow.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die höhere Rendite von Gewerbeimmobilien ist kein Geschenk, sondern die Vergütung für aktives, unternehmerisches Management der spezifischen Risiken.
  • Langfristige Mietverträge sind ein zweischneidiges Schwert: Sie bieten Planungssicherheit, können aber bei Mieterinsolvenz durch Sonderkündigungsrechte schnell wertlos werden.
  • Die besten Chancen liegen heute oft nicht in teuren A-Lagen, sondern in der Umnutzung, in Spezialimmobilien (z.B. Arztpraxen, Kitas) und in Logistikobjekten, die vom strukturellen Wandel profitieren.

Wie profitieren Sie vom Boom der „Last Mile“ Logistik am Stadtrand?

Einer der stärksten strukturellen Trends, der völlig neue Investitionsmöglichkeiten im Gewerbebereich schafft, ist der Boom der „Last Mile“ Logistik. Angetrieben durch das unaufhaltsame Wachstum des E-Commerce und die steigenden Erwartungen der Kunden an schnelle Lieferungen (Same-Day-Delivery), benötigen Logistik- und KEP-Dienstleister (Kurier, Express, Paket) dringend kleine bis mittelgroße Verteilzentren in unmittelbarer Nähe zu den Ballungsräumen. Genau hier liegt eine massive Chance für private Investoren.

Gesucht werden keine riesigen Logistikhallen auf der grünen Wiese, sondern sogenannte „Light Industrial“ oder „Urban Logistics“ Objekte: einfache, ältere Gewerbehallen, Werkstätten oder Lagerflächen in den Gewerbegebieten am Stadtrand. Diese Objekte sind für viele traditionelle Gewerbe nicht mehr attraktiv, aber für die „letzte Meile“ perfekt geeignet. Als Investor können Sie solche unterbewerteten Objekte erwerben und durch gezielte, oft kostengünstige Modernisierungen für Logistikzwecke ertüchtigen. Wichtig sind hierbei Kriterien wie eine Deckenhöhe von mindestens 4 Metern, ausreichend Rangier- und Stellflächen für Lieferfahrzeuge und idealerweise eine im Bebauungsplan zulässige 24h-Nutzung.

Die Nachfrage von potenten Mietern wie Amazon, DHL, Hermes oder kleineren, spezialisierten Lieferdiensten ist enorm, was zu steigenden Mieten und hohen Renditen in diesem Segment führt.

Fallstudie: Umnutzung einer alten Gewerbehalle für Last-Mile-Logistik

Ein Privatinvestor erwarb 2023 eine 2.000m² große, in die Jahre gekommene Gewerbehalle am Stadtrand von Berlin für 800.000 €. Nach einer leichten Modernisierung der Tore und der Elektrik für 50.000 € vermietete er sie an einen KEP-Dienstleister für 8 €/m². Zuvor war die Halle für nur 5 €/m² an einen Handwerksbetrieb vermietet. Die Rendite des Investors stieg durch diese Neupositionierung von 4 % auf beeindruckende 6,5 %.

Dieses Beispiel zeigt das enorme Wertschöpfungspotenzial. Anstatt auf einen langsamen Wertverfall zu warten, hat der Investor einen Megatrend genutzt, um den Wert und den Cashflow seiner Immobilie signifikant zu steigern. Der Schlüssel liegt darin, die spezifischen Anforderungen der Logistikmieter zu verstehen und Objekte zu identifizieren, die sich mit überschaubarem Aufwand anpassen lassen. Der Abstand zur nächsten Autobahnauffahrt (ideal sind maximal 5 km) und die Lärmschutzauflagen in Bezug auf die Anwohner sind dabei entscheidende Bewertungskriterien.

Um von diesem Trend zu profitieren, ist es entscheidend, die spezifischen Anforderungen der Logistikbranche zu verstehen und gezielt nach passenden Objekten Ausschau zu halten.

Der nächste logische Schritt für Sie als Investor ist eine detaillierte Objekt- und Standortanalyse, um diese Strategien gezielt auf Ihr Portfolio anzuwenden und die richtigen, renditestarken Nischen für sich zu identifizieren.

Häufige Fragen zum Thema Gewerbeimmobilien als Kapitalanlage

Welche Rendite ist bei Gewerbeimmobilien realistisch?

Die Rendite hängt stark von Lage, Objekttyp und Risiko ab. In A-Lagen deutscher Metropolen liegen die Spitzenrenditen für Büro- oder Einzelhandelsobjekte oft nur bei 3-4 %. In B- und C-Lagen oder bei Spezialimmobilien wie Logistik oder Pflegeheimen können Renditen von 5-8 % erzielt werden. Diese höhere Rendite kompensiert jedoch ein höheres Risiko (z.B. Leerstand, geringere Drittverwendungsfähigkeit).

Was bedeutet Drittverwendungsfähigkeit?

Die Drittverwendungsfähigkeit beschreibt, wie einfach eine Immobilie nach dem Auszug des aktuellen Mieters an einen anderen Mieter (den „Dritten“), möglicherweise aus einer anderen Branche, neu vermietet werden kann. Eine Standard-Bürofläche hat eine hohe Drittverwendungsfähigkeit. Eine hochspezialisierte Arztpraxis mit Bleiwänden für Röntgengeräte oder ein Kino haben eine sehr geringe Drittverwendungsfähigkeit, was das Vermietungsrisiko erhöht.

Ist eine Gewerbeimmobilie eine gute Altersvorsorge?

Eine Gewerbeimmobilie kann ein Baustein der Altersvorsorge sein, ist aber aufgrund ihrer Komplexität und des höheren Risikos eher für erfahrene Investoren geeignet. Anders als bei Wohnimmobilien erfordert sie ein aktives Management, Branchenkenntnisse und eine kontinuierliche Bewertung des Mieters und seines Marktumfelds. Für passive Anleger, die eine „buy and hold“-Strategie mit minimalem Aufwand suchen, sind Wohnimmobilien oder Immobilienfonds oft die bessere Wahl.

Geschrieben von Markus Weber, Immobilieninvestor und Projektentwickler mit einem eigenen Bestand von über 40 Einheiten in Norddeutschland. Experte für Buy-and-Hold, Sanierung nach GEG und die Optimierung von Mietrenditen.