Veröffentlicht am September 15, 2024

Für die Bewertung junger Unternehmen ist die Qualität des Umsatzwachstums der entscheidende Frühindikator für zukünftige Profitabilität, nicht der aktuelle Nettogewinn.

  • Hochwertiges Wachstum ist organisch, skalierbar (typisch für SaaS-Modelle) und zeigt Preissetzungsmacht.
  • Die „Rule of 40“ ist die zentrale Kennzahl, um die Balance zwischen Wachstum und Profitabilität objektiv zu messen.

Empfehlung: Deutsche Anleger sollten eine Core-Satellite-Strategie nutzen, um gezielt in Wachstumsunternehmen zu investieren und gleichzeitig das Risiko zu steuern.

In der Welt der Startup-Investments prallen zwei Philosophien aufeinander: die Jagd nach aggressivem Umsatzwachstum und die Forderung nach solider Profitabilität. Lange Zeit galt das Mantra aus dem Silicon Valley: „Wachse schnell, erobere den Markt, der Gewinn kommt später.“ Doch in einem wirtschaftlich anspruchsvolleren Umfeld, besonders im sicherheitsorientierten deutschen Markt, wird der Ruf nach schwarzen Zahlen lauter. Investoren stehen vor einem Dilemma: Setzen sie auf die Verheißung zukünftiger Dominanz oder auf die handfeste Realität des heutigen Gewinns?

Die gängige Antwort, dass man in alles reinvestieren müsse, greift zu kurz. Sie ignoriert die entscheidende Frage, die sich jeder smarte Anleger stellen sollte: Ist jedes Wachstum gleich viel wert? Die Antwort ist ein klares Nein. Ein durch teure Zukäufe oder massive Rabatte erkauftes Umsatzplus kann ein Unternehmen ebenso schnell ausbrennen lassen, wie es an die Spitze katapultiert wurde. Die wahre Kunst der Bewertung liegt darin, die Spreu vom Weizen zu trennen und die Qualität hinter den Wachstumszahlen zu erkennen.

Dieser Artikel bricht mit der oberflächlichen Debatte „Wachstum vs. Gewinn“. Stattdessen tauchen wir tief in die Mechanik der Wachstumsqualität ein. Wir zeigen Ihnen, warum ein skalierbares Geschäftsmodell, organische Kundengewinnung und eine gesunde Balance, messbar durch Kennzahlen wie die „Rule of 40“, die wahren Indikatoren für zukünftige Marktführer sind. Es geht nicht darum, sich für eine Seite zu entscheiden, sondern darum, zu verstehen, wie hochwertiges Wachstum die unausweichliche Grundlage für nachhaltige Profitabilität schafft.

Wir werden die entscheidenden Werkzeuge und Denkmodelle untersuchen, die es Ihnen als Anleger ermöglichen, das Potenzial eines jungen Unternehmens präzise einzuschätzen. Von der Bewertung der Marktgröße über die Analyse der Wachstumsquellen bis hin zur Identifikation von Warnsignalen erhalten Sie einen umfassenden Leitfaden, um die Growth-Champions von morgen zu finden.

Wie nutzen Sie die „Rule of 40“ zur Bewertung von Software-Aktien?

Um ein Unternehmen ohne nennenswerten Gewinn zu bewerten, benötigen Investoren eine Kennzahl, die sowohl Wachstumsgeschwindigkeit als auch Profitabilität berücksichtigt. Hier kommt die „Rule of 40“ ins Spiel, die sich insbesondere für Software- und SaaS-Unternehmen als Goldstandard etabliert hat. Die Regel ist simpel und doch aussagekräftig: Die Summe aus der prozentualen Umsatzwachstumsrate und der Gewinnmarge (oft die EBITDA- oder Free-Cashflow-Marge) sollte 40 % übersteigen. Ein Unternehmen, das diese Schwelle erreicht, gilt als gesund, da es eine starke Balance zwischen Expansion und Kapitaleffizienz aufweist.

Ein Unternehmen mit 30 % Wachstum und 10 % Marge erfüllt die Regel (30 + 10 = 40). Ebenso ein Unternehmen mit 50 % Wachstum und -10 % Marge (50 – 10 = 40). Letzteres „investiert“ seine Marge in noch schnelleres Wachstum, was in frühen Phasen völlig legitim ist, solange die Gesamtkennzahl stimmt. Die Rule of 40 bietet somit einen objektiven Rahmen, um die strategische Entscheidung zwischen sofortiger Profitabilität und aggressivem Wachstum zu bewerten. Sie beantwortet die Frage: „Wie effizient wird Kapital in Wachstum umgewandelt?“

Für Anleger ist diese Kennzahl ein mächtiges Werkzeug zur schnellen Einordnung. Ein Wert deutlich unter 40 % kann ein Warnsignal sein, das auf ineffizientes Wachstum oder eine frühzeitige Stagnation hindeutet. Umgekehrt sind Unternehmen, die konstant über 40 % liegen, oft die attraktivsten Investmentziele, da sie bewiesen haben, dass ihr Geschäftsmodell sowohl wachstumsstark als auch potenziell hochprofitabel ist. Bei der Anwendung sollten Sie jedoch immer die Nachhaltigkeit prüfen und die Kennzahlen über mehrere Quartale hinweg analysieren.

Hier sind die Schritte zur praktischen Anwendung:

  1. Umsatzwachstum ermitteln: Berechnen Sie das prozentuale Umsatzwachstum im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
  2. Gewinnmarge berechnen: Bestimmen Sie die EBITDA-Marge oder, falls verfügbar, die Free-Cashflow-Marge als Indikator für die operative Rentabilität.
  3. Beide Kennzahlen addieren: Liegt die Summe über 40 %, signalisiert dies ein gesundes Gleichgewicht.
  4. Marktlage berücksichtigen: In wirtschaftlich unsicheren Zeiten gewichten Investoren die Profitabilitätskomponente tendenziell höher als die Wachstumskomponente.
  5. Nachhaltigkeit prüfen: Ein einmaliges Erreichen der 40 % ist weniger aussagekräftig als ein konstanter Wert über 30 % über mehrere Perioden.

Wie schätzen Sie ab, ob ein Markt groß genug für weiteres Umsatzwachstum ist?

Exponentielles Wachstum ist nur möglich, wenn der Zielmarkt groß genug ist, um es aufzunehmen. Daher ist die Analyse des Total Addressable Market (TAM) ein unverzichtbarer Schritt für jeden Growth-Investor. Der TAM repräsentiert das maximale Umsatzpotenzial, das ein Unternehmen mit seinem Produkt oder seiner Dienstleistung weltweit ausschöpfen könnte. Eine realistische Einschätzung des TAM und der davon erreichbaren Segmente (Serviceable Addressable Market, SAM, und Serviceable Obtainable Market, SOM) zeigt, wie viel „Landebahn“ für zukünftiges Wachstum noch vorhanden ist.

Ein Unternehmen, das bereits einen Großteil seines Nischenmarktes erobert hat, wird zwangsläufig langsamer wachsen. Die wirklich großen Chancen liegen bei Unternehmen, die in einen riesigen, oft unterdigitalisierten Markt eintreten oder einen bestehenden Markt durch Innovation fundamental erweitern. Anleger sollten nach Geschäftsmodellen suchen, deren TAM mehrere Milliarden Euro beträgt und die eine klare Strategie zur Erschließung dieses Marktes vorweisen können. Das bedeutet oft, über die Landesgrenzen hinauszuschauen.

Abstrakte Darstellung der Marktexpansion mit konzentrischen Kreisen, die den Total Addressable Market symbolisieren.

Die visuellen Kreise der Marktanalyse zeigen, wie ein Unternehmen von seinem Kernmarkt (SOM) in immer größere Segmente (SAM und TAM) expandieren kann. Diese Expansion ist der Motor für langfristiges, nachhaltiges Wachstum und ein entscheidendes Kriterium bei der Bewertung von Growth-Aktien.

Fallstudie: N26 und die Expansion des europäischen FinTech-Marktes

Die Berliner Neobank N26 ist ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche TAM-Expansion. Ursprünglich in Deutschland gestartet, erweiterte das Unternehmen seinen adressierbaren Markt schrittweise von der DACH-Region auf die gesamte Europäische Union. Durch die Überwindung regulatorischer Hürden und die Anpassung an lokale Gegebenheiten konnte N26 einen paneuropäischen Kundenstamm aufbauen. Mit über 7 Millionen Kunden Ende 2023 beweist das Unternehmen, wie deutsche FinTechs trotz Fragmentierung einen riesigen europäischen Markt erschließen und so ihr Wachstumspotenzial vervielfachen können.

Ist Wachstum durch Zukäufe weniger wert als Wachstum aus eigener Kraft?

Für Anleger ist die Quelle des Wachstums von entscheidender Bedeutung. Man unterscheidet hier grundsätzlich zwischen organischem Wachstum, das aus eigener Kraft durch Neukundengewinnung und Produkterweiterungen entsteht, und anorganischem Wachstum, das durch Firmenzukäufe (Mergers & Acquisitions, M&A) generiert wird. Die klare Präferenz von Growth-Investoren liegt auf organischem Wachstum, da es die Stärke des Geschäftsmodells, die Produkt-Markt-Passung und die Innovationskraft eines Unternehmens direkt widerspiegelt. Es ist ein Beweis dafür, dass Kunden das Produkt lieben und das Unternehmen skalieren kann.

Anorganisches Wachstum durch M&A ist hingegen mit Vorsicht zu genießen. Zwar kann es strategisch sinnvoll sein, um in neue Märkte einzutreten oder Technologien zu erwerben, doch es birgt auch erhebliche Risiken. Oft werden hohe Kaufpreise gezahlt, die sich in der Bilanz als Goodwill niederschlagen. Die Integration des zugekauften Unternehmens ist komplex und kostspielig, und die erhofften Synergien bleiben häufig aus. Schlimmer noch: Aggressive M&A-Strategien können sinkendes organisches Wachstum kaschieren. Anleger sollten daher genau prüfen, ob Zukäufe das Kerngeschäft strategisch ergänzen oder lediglich das Umsatzwachstum künstlich aufblähen.

Eine M&A-Strategie erfordert von Anlegern eine tiefere Analyse. Achten Sie auf steigenden Goodwill in der Bilanz, hohe Integrationskosten und die Entwicklung der Margen nach einer Fusion. Wenn ein Unternehmen nach einem Zukauf plötzlich niedrigere Margen ausweist, ist dies oft ein Warnsignal für eine misslungene oder zu teuer bezahlte Integration.

Die folgende Tabelle fasst die Unterschiede in der Bewertung durch den Markt zusammen, basierend auf einer Analyse von Bain & Company.

Organisches vs. Anorganisches Wachstum – Bewertungsmultiplikatoren
Wachstumstyp Typische Bewertung Investorenpräferenz Beispielunternehmen
Organisches Wachstum Höhere Multiplikatoren (EV/Revenue) Bevorzugt von Investoren Celonis, TeamViewer
Anorganisches Wachstum (M&A) Niedrigere Multiplikatoren Kritischere Betrachtung SAP (Zukäufe), Delivery Hero
Hybrid-Modell Mittlere Bewertung Abhängig von Integrationsqualität Zalando, HelloFresh

Welche Warnsignale zeigen, dass die Hyper-Wachstumsphase vorbei ist?

Jede Phase des Hyper-Wachstums endet irgendwann. Für Investoren ist es entscheidend, die Anzeichen für diese Verlangsamung frühzeitig zu erkennen, da sich hier die Bewertungsmaßstäbe fundamental ändern. Sobald das Wachstum von exponentiell auf linear umschwenkt, rückt die Profitabilität unweigerlich in den Vordergrund. Das oberste Ziel ist nicht mehr die maximale Marktdurchdringung, sondern die Generierung eines positiven Cashflows und stabiler Margen.

Ein klares Warnsignal ist eine Verlangsamung des Umsatzwachstums über mehrere Quartale hinweg, die nicht durch saisonale Effekte erklärt werden kann. Gleichzeitig steigen oft die Kosten für die Kundenakquise (Customer Acquisition Costs, CAC), da die am leichtesten zu erreichenden Kunden bereits gewonnen wurden. Ein weiteres Indiz ist ein strategischer Schwenk in der Unternehmenskommunikation: Wenn das Management plötzlich den Fokus von Wachstumszahlen auf „den Weg zur Profitabilität“ legt, ist dies ein klares Zeichen, dass die goldene Ära des „Wachstums um jeden Preis“ vorbei ist. Genau dieser Wandel ist aktuell im deutschen Startup-Ökosystem zu beobachten.

Nahaufnahme von Finanzdaten mit selektivem Fokus auf kritische Metriken, die das Ende einer Wachstumsphase signalisieren könnten.

Die Datenlage bestätigt diesen Trend: Laut dem Deutschen Startup Monitor setzen im Jahr 2024 bereits 73,8 % der deutschen Startup-Gründer Profitabilität als Hauptziel, ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren. Dieser strategische Schwenk ist eine direkte Reaktion auf das geänderte Finanzierungsumfeld und die Erwartungen der Investoren.

Die Devise lautet heute mehr denn je: echte Probleme lösen und Produktivität steigern. Das haben deutsche Startups verinnerlicht und den Schalter umgelegt.

– Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands

Wie können Unternehmen den Umsatz durch Preiserhöhungen steigern ohne Kunden zu verlieren?

Eine der stärksten Indikatoren für hochwertiges Wachstum und ein robustes Geschäftsmodell ist die Preissetzungsmacht. Die Fähigkeit, Preise zu erhöhen, ohne eine signifikante Anzahl von Kunden zu verlieren, zeigt, dass das Produkt einen echten, unverzichtbaren Mehrwert bietet. Für junge Unternehmen ist dies ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Profitabilität. Anstatt nur auf die Akquise neuer Kunden zu setzen, wird der Wert bestehender Kunden maximiert. Dies ist oft ein deutlich kapitaleffizienterer Wachstumstreiber.

Erfolgreiche Preiserhöhungen erfordern jedoch eine kluge Strategie und Kommunikation. Pauschale Erhöhungen ohne klare Begründung führen schnell zu Kundenabwanderung. Stattdessen sollten Unternehmen Preisanpassungen an neue Features, verbesserte Service-Level oder einen klar kommunizierten Mehrwert koppeln. Gestaffelte Preismodelle (Tiers) oder Freemium-Angebote sind ebenfalls effektive Methoden, um Kunden schrittweise an höhere Preise heranzuführen und die Zahlungsbereitschaft zu testen. Der deutsche Markt ist hier besonders sensibel: Kunden akzeptieren höhere Preise, wenn sie mit Qualität, Sicherheit (z. B. DSGVO-Konformität) oder dem Label „Made in Germany“ gerechtfertigt werden.

Fallstudie: YouTube Premiums gestaffelte Preisstrategie in Deutschland

YouTube demonstriert, wie man mit einer differenzierten Preisstrategie erfolgreich sein kann. Anstatt nur ein teures Premium-Abo anzubieten, wurde in Deutschland auch „Premium Lite“ für 5,99 € eingeführt – ein reines Werbefrei-Abo ohne zusätzliche Features. Diese günstigere Option senkte die Einstiegshürde erheblich. Selbst eine moderate Preiserhöhung um nur einen Euro wurde von der riesigen Nutzerbasis in Deutschland weitgehend akzeptiert. Dieses Beispiel zeigt, wie man durch Segmentierung und moderate Anpassungen den Umsatz pro Nutzer (ARPU) effektiv steigern kann, ohne die breite Masse zu verprellen.

Für eine erfolgreiche Umsetzung im deutschen Markt haben sich folgende Strategien bewährt:

  • Mehrwert klar kommunizieren: Betonen Sie Qualitätsverbesserungen oder neue Funktionen, die den höheren Preis rechtfertigen.
  • Sicherheit als Verkaufsargument nutzen: Insbesondere im B2B-Bereich sind DSGVO-Konformität und Datensicherheit starke Argumente für Premium-Preise.
  • Gestaffelte Modelle einführen: Bieten Sie verschiedene Pakete an, um unterschiedliche Kundensegmente mit passenden Preispunkten anzusprechen.
  • Freemium-Modelle testen: Gewinnen Sie Nutzer mit einer kostenlosen Basisversion und konvertieren Sie sie über exklusive Premium-Features.
  • Preiserhöhungen an Produkt-Updates binden: Koppeln Sie Preisanpassungen direkt an die Veröffentlichung neuer, wertvoller Funktionen.

Warum ist die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells der Schlüssel zum Growth-Erfolg?

Der eigentliche Grund, warum Investoren Umsatzwachstum über kurzfristigen Gewinn stellen, ist das Konzept der Skalierbarkeit. Ein skalierbares Geschäftsmodell ermöglicht es einem Unternehmen, seinen Umsatz exponentiell zu steigern, während die Kosten nur linear oder sogar unterproportional ansteigen. Dieser Hebel ist der Mechanismus, der aus heutigem Wachstum zukünftige, massive Gewinne generiert. Ohne Skalierbarkeit ist Wachstum teuer und führt selten zu hoher Profitabilität.

Das Paradebeispiel für ein hochskalierbares Modell ist Software-as-a-Service (SaaS). Einmal entwickelt, kann eine Software an eine unbegrenzte Anzahl von Kunden verkauft werden, ohne dass für jeden neuen Kunden erneut signifikante Produktionskosten anfallen. Die Grenzkosten für einen zusätzlichen Nutzer sind nahe null. Dies führt zu extrem hohen Bruttomargen (oft 70-90 %), die es dem Unternehmen ermöglichen, massiv in Vertrieb, Marketing und weitere Produktentwicklung zu investieren, um das Wachstum weiter anzukurbeln. In Deutschland ist dieser Trend besonders ausgeprägt: Der Deutsche Startup Monitor zeigt, dass der Umsatz deutscher Startups zu 74,7 % aus dem B2B-Bereich stammt, der stark von skalierbaren SaaS- und Plattformmodellen geprägt ist.

Im Gegensatz dazu sind traditionelle Dienstleistungs- oder Industrieunternehmen nur begrenzt skalierbar. Jeder neue Auftrag erfordert den Einsatz von mehr Personal oder Maschinen, was die Kosten direkt mit dem Umsatz steigen lässt. Für Anleger ist die Identifizierung eines skalierbaren Geschäftsmodells daher der wichtigste Schritt. Es ist die strukturelle Voraussetzung dafür, dass das Unternehmen eines Tages die Früchte seiner anfänglichen Wachstumsphase ernten kann.

Die folgende Tabelle vergleicht die Skalierbarkeit und typische Margen verschiedener Geschäftsmodelle, wie sie auch von Analysten wie CloudZero zur Anwendung der Rule of 40 betrachtet werden.

Skalierbarkeit verschiedener Geschäftsmodelle
Geschäftsmodell Skalierbarkeit Typische Bruttomarge Beispiel Deutschland
Reines Software/SaaS Sehr hoch 70-90% Celonis, Personio
Industrie 4.0 Hybrid Mittel-hoch 40-60% Siemens Digital Industries
Traditionelle Industrie Niedrig 20-35% Thyssenkrupp
E-Commerce/Platform Hoch 50-70% Zalando, About You

Start-up vs. Konzern: Wen wollen Sie als Mieter in Ihrem Bürohaus?

Der Titel ist metaphorisch zu verstehen und zielt auf eine Kernfrage für Investoren ab: Welches Unternehmensprofil verspricht die bessere Rendite – das agile, aber riskante Startup oder der stabile, aber träge Konzern? Die Antwort liegt zunehmend in einem Hybridmodell, das in Deutschland eine besondere Stärke darstellt: die Kooperation zwischen etablierter Industrie und innovativen Startups, oft in Form von Corporate Venture Capital (CVC). Hier investieren Konzerne direkt in junge Unternehmen oder gründen eigene Startups aus.

Für Anleger entsteht dadurch ein einzigartiges Anlageprofil. Diese „Corporate Startups“ kombinieren das Beste aus zwei Welten: die Agilität, Innovationsgeschwindigkeit und das hohe Wachstumspotenzial eines Startups mit der finanziellen Sicherheit, dem Marktzugang und der Prozesskompetenz eines etablierten Konzerns. Sie haben oft von Tag eins an einen starken ersten Kunden (den Mutterkonzern) und Zugang zu einem globalen Vertriebsnetz. Dies reduziert das typische Startup-Risiko erheblich und beschleunigt den Weg zur Skalierung und Profitabilität.

Der deutsche Markt bietet hier einzigartige Chancen, wie Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands, hervorhebt:

Im Vergleich zu anderen Wirtschaftsstandorten haben wir mit unserem breiten Mittelstand und unserer starken Industrie ein riesiges Asset, das wir noch zu wenig nutzen.

– Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands

Dieses „Asset“ wird zunehmend aktiviert. Eine aktuelle KPMG-Analyse zeigt, dass CVC-Investitionen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr stark zugenommen haben. Konzerne wie Bosch, BMW oder Bayer nutzen CVC-Einheiten, um an vorderster Front der Innovation zu bleiben. Für Privatanleger sind börsennotierte Unternehmen mit starken CVC-Armen oder erfolgreiche Ausgründungen eine attraktive Möglichkeit, am Wachstum von Startups zu partizipieren, ohne das volle Risiko eines reinen Frühphasen-Investments tragen zu müssen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nicht das Umsatzwachstum an sich, sondern dessen Qualität (organisch, skalierbar) ist der wahre Werttreiber.
  • Die „Rule of 40“ (Umsatzwachstum % + Marge %) ist die wichtigste Kennzahl, um die Balance zwischen Expansion und Effizienz zu bewerten.
  • Deutsche Anleger können das Risiko von Growth-Investments durch eine Core-Satellite-Strategie und einen Fokus auf B2B-SaaS- und Corporate-Venture-Modelle effektiv steuern.

Ist Growth-Investing für deutsche Privatanleger zu riskant oder der Turbo für das Depot?

Nachdem wir die Mechanismen des Wachstumsinvestments beleuchtet haben, stellt sich die finale Frage: Ist diese Strategie für den typischerweise eher risikoscheuen deutschen Privatanleger geeignet? Die Antwort ist ein klares „Ja, aber mit der richtigen Strategie“. Die Risiken sind unbestreitbar. Die Bewertungen von Wachstumsunternehmen sind oft hoch und anfällig für Zinsänderungen. Das EY Startup-Barometer zeigt einen Rückgang der Startup-Investitionen in Deutschland um 39 % im Jahr 2023, was die Volatilität des Sektors unterstreicht.

Ein blindes Investment in Hype-Themen ist daher der sichere Weg zum Verlust. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einem strukturierten Ansatz, der die Chancen des Wachstums nutzt, ohne das gesamte Portfolio zu gefährden: die Core-Satellite-Strategie. Der „Core“ (Kern) des Portfolios (ca. 70-80 %) besteht aus soliden, breit gestreuten Anlagen wie globalen ETFs oder defensiven DAX-Werten. Dieser Kern sorgt für Stabilität und kontinuierliche Erträge.

Um diesen Kern herum werden gezielt „Satelliten“ (ca. 20-30 %) platziert. Diese Satelliten sind die Growth-Investments. Anstatt auf einzelne, hochriskante Startups zu setzen, kann dieser Anteil ebenfalls diversifiziert werden, beispielsweise über einen TecDAX-ETF, der die führenden deutschen Technologieunternehmen bündelt, oder über Investments in Aktien aus dem Scale-Segment der Deutschen Börse. Für sehr risikofreudige Anleger kann ein kleiner Teil (5-10 %) auch über Crowdinvesting-Plattformen in nicht-börsennotierte Startups fließen. Dieser Ansatz ermöglicht es, am überdurchschnittlichen Wachstumspotenzial teilzuhaben, während das Gesamtrisiko durch den stabilen Kern begrenzt bleibt.

Ihr Aktionsplan: Die Core-Satellite-Strategie für Growth-Investments

  1. Basis-Portfolio aufbauen (70-80 %): Investieren Sie den Großteil Ihres Kapitals in ein stabiles Fundament aus defensiven DAX-Werten und/oder breit gestreuten Welt-ETFs (z.B. MSCI World).
  2. Growth-Satellite beimischen (10-15 %): Ergänzen Sie Ihr Portfolio mit einem ETF auf den TecDAX oder das Scale-Segment, um an der Entwicklung etablierter deutscher Wachstumsunternehmen zu partizipieren.
  3. Venture-Komponente prüfen (5-10 %): Erwägen Sie einen kleinen, spekulativen Anteil über regulierte Crowdinvesting-Plattformen wie Companisto oder Seedmatch, um in der Frühphase dabei zu sein.
  4. Regelmäßiges Rebalancing durchführen: Überprüfen Sie jährlich die Gewichtung Ihres Portfolios und stellen Sie die ursprüngliche Aufteilung wieder her, um Gewinne zu sichern und Risiken zu kontrollieren.
  5. „Growth-Washing“ erkennen: Seien Sie kritisch bei Unternehmen, die sich als Wachstumsstory präsentieren, aber seit Jahren hohe Verluste ohne sichtbare Skaleneffekte schreiben. Wenden Sie die Rule of 40 an.

Mit diesem strukturierten Vorgehen wird Growth-Investing vom riskanten Glücksspiel zum kalkulierten Turbo für Ihr Depot. Die richtige Strategie ist der Schlüssel, um die Chancen des Wachstumsmarktes zu nutzen.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Portfolio zu analysieren und eine Core-Satellite-Struktur aufzubauen. So positionieren Sie sich, um von den innovativsten Unternehmen Deutschlands zu profitieren, während Ihr Vermögen auf einem soliden Fundament steht.

Geschrieben von Lukas Klein, FinTech-Analyst und Krypto-Experte mit Hintergrund im algorithmischen Handel. Spezialisiert auf Blockchain-Technologie, Neobroker-Vergleiche und das Risikomanagement volatiler Assets.