Veröffentlicht am März 15, 2024

Die Bezeichnung „nachhaltig“ oder „Artikel 8“ ist oft reines Marketing und keine Garantie für ethische Investments.

  • Der „Best-in-Class“-Ansatz erlaubt es Fonds, in Ölkonzerne und andere problematische Branchen zu investieren, solange es die „saubersten“ ihrer Art sind.
  • Die Rendite leidet unter echten Nachhaltigkeitskriterien nicht; im Gegenteil, das Vermeiden von Risiken wie „Stranded Assets“ kann sie sogar verbessern.

Recommandation : Vertrauen Sie nicht den Labels, sondern werden Sie selbst zum Auditor. Prüfen Sie die tatsächlichen Ausschlüsse und die Top-10-Positionen im Fondsprospekt, bevor Sie investieren.

Sie möchten Ihr Geld sinnvoll anlegen, in Unternehmen, die Gutes für Umwelt und Gesellschaft tun. Also greifen Sie zu einem Fonds mit dem verlockenden „ESG“- oder „Artikel 8“-Label. Doch dann stellen Sie mit Erschrecken fest: In Ihrem vermeintlich sauberen Portfolio finden sich Ölkonzerne, Rüstungsfirmen oder Unternehmen mit fragwürdigen Arbeitspraktiken. Dieses Gefühl der Enttäuschung und des Misstrauens ist der Kern des Problems, das als Greenwashing bekannt ist. Es untergräbt nicht nur Ihre guten Absichten, sondern auch das Vertrauen in den gesamten Finanzmarkt.

Die üblichen Ratschläge sind oft oberflächlich: „Achten Sie auf Nachhaltigkeitssiegel“ oder „Lesen Sie den Prospekt“. Doch das reicht nicht. Diese Ratschläge ignorieren die raffinierten Mechanismen und die gezielte Marketingsprache, die Fondsgesellschaften nutzen, um ihre Produkte grüner darzustellen, als sie in Wirklichkeit sind. Das Problem liegt nicht immer in böser Absicht, sondern in einer System-Falle: Die regulatorischen Definitionen selbst, wie die der EU-Offenlegungsverordnung (SFDR), sind voller Lücken, die Greenwashing erst ermöglichen.

Aber was wäre, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, blind den Labels zu vertrauen, sondern darin, die Sprache der Fondsindustrie zu dekodieren? Wenn Sie lernen könnten, ein Prospekt wie ein kritischer Nachhaltigkeits-Auditor zu lesen und die entscheidenden Fallstricke sofort zu erkennen? Genau das ist der Ansatz dieses Artikels. Wir werden nicht nur die Probleme aufzeigen, sondern Ihnen die Werkzeuge an die Hand geben, um selbst fundierte Entscheidungen zu treffen und echte Nachhaltigkeit von reiner Fassade zu unterscheiden. Wir zeigen Ihnen, wie Sie die typischen Marketingphrasen entlarven und die tatsächliche Strategie eines Fonds aufdecken.

In diesem Leitfaden tauchen wir tief in die kritischen Fragen ein, die Sie sich als anspruchsvoller Anleger stellen sollten. Wir analysieren die verborgenen Mechanismen hinter den ESG-Ratings und zeigen Ihnen, worauf Sie im Kleingedruckten wirklich achten müssen, um nicht auf Greenwashing hereinzufallen.

Verzichten Sie bei nachhaltigen Fonds wirklich auf Rendite oder ist das ein Vorurteil?

Das hartnäckigste Vorurteil gegenüber nachhaltigen Geldanlagen ist die Annahme, man müsse für ein gutes Gewissen auf Rendite verzichten. Diese Vorstellung ist nicht nur veraltet, sondern wird durch Marktdaten widerlegt. Ein kritischer Blick auf die Fakten zeigt, dass ein Fokus auf solide ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) finanzielle Risiken sogar mindern und die Performance langfristig stärken kann. Das ist keine Meinung, sondern das Ergebnis nüchterner Analyse.

Ein konkretes Beispiel aus Deutschland untermauert dies: Eine ETF Capital Analyse zeigt, dass der DAX 50 ESG Index in den letzten fünf Jahren eine Rendite von 40,12 % erzielte und damit den klassischen DAX teilweise übertraf. Dies ist kein Einzelfall. Der Grund liegt oft im besseren Risikomanagement. Nachhaltig agierende Unternehmen sind in der Regel besser aufgestellt, um zukünftige Herausforderungen zu meistern. Sie vermeiden teure Skandale, passen sich schneller an neue Regulierungen an und sind weniger anfällig für die finanziellen Folgen des Klimawandels.

Vergleichschart der Renditeentwicklung von ESG-Fonds gegenüber klassischen DAX-Fonds

Wissenschaftliche Studien bestätigen, dass nachhaltige ETFs im Durchschnitt weder höhere noch niedrigere Renditen als konventionelle Pendants aufweisen. Der entscheidende Vorteil liegt jedoch in der Vermeidung von „Stranded Assets“ – also Vermögenswerten, die durch ökologische oder soziale Veränderungen abrupt an Wert verlieren. Ein Kohlekraftwerk in Zeiten der Energiewende ist ein solches Asset. Ein proaktives ESG-Management, das solche Risiken frühzeitig erkennt und meidet, ist somit kein moralischer Luxus, sondern ein Gebot ökonomischer Vernunft.

Warum sind Rüstung und Atomkraft trotz ESG-Label in Ihrem Fonds enthalten?

Die schockierende Antwort liegt in der Definitionsschwäche und den gezielten Marketingstrategien der Fondsindustrie. Ein „ESG“-Label bedeutet nicht automatisch den Ausschluss kontroverser Branchen. Stattdessen nutzen viele Fonds weiche Kriterien und relative Bewertungen, die es ermöglichen, fast jedes Unternehmen als „nachhaltig“ zu deklarieren. Dies geschieht oft über den sogenannten „Best-in-Class“-Ansatz, bei dem nicht absolute Standards zählen, sondern nur der Vergleich innerhalb einer Branche.

Die neuen Leitlinien der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) versuchen zwar, diesem Treiben Einhalt zu gebieten, doch die Lücken sind weiterhin enorm. Eine Finanzrecherche von Urgewald zeigt, dass 57 % der Artikel-8- und Artikel-9-Fonds von den neuen, strengeren Namensgebungsregeln der ESMA gar nicht erfasst werden. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte der Fonds sich weiterhin mit vagen Nachhaltigkeitsbegriffen schmücken können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Als kritischer Anleger müssen Sie daher selbst zum Prüfer werden.

Ihr Prüfplan: Greenwashing im Prospekt aufdecken

  1. Schlüsselbegriffe identifizieren: Suchen Sie nach Formulierungen wie „Best-in-Class“, „Branchenführer“ oder „Vergleichsgruppe“. Diese deuten auf eine relative Bewertung hin, bei der auch der „sauberste“ Ölkonzern noch als nachhaltig gilt.
  2. Konkrete Schwellenwerte prüfen: Echte Ausschlusskriterien sind an harten Zahlen erkennbar. Die ESMA-Richtlinien schlagen zum Beispiel maximal 1 % Umsatz mit Kohle oder 10 % mit Erdöl vor. Fehlen solche Zahlen, ist Vorsicht geboten.
  3. Formulierungen entschlüsseln: Achten Sie auf Begriffe wie „umstrittene Waffen“. Oft sind damit nur international geächtete Waffen wie Streumunition gemeint, während konventionelle Rüstungsgüter im Portfolio verbleiben.
  4. Ausschlusslisten kontrollieren: Prüfen Sie, ob nur die Hersteller von Waffen ausgeschlossen werden oder auch deren wichtigste Zulieferer. Oft sind die Ausschlusslisten bewusst lückenhaft.
  5. Top-10-Holdings abgleichen: Vergleichen Sie die größten Positionen des Fonds mit der deklarierten Ausschlusspolitik. Hier offenbaren sich die Widersprüche zwischen Marketingversprechen und Realität am schnellsten.

Letztlich ist die Erkenntnis ernüchternd: Viele Fonds betreiben kein echtes ethisches Screening, sondern lediglich ein cleveres Marketing, das auf die Unwissenheit der Anleger setzt. Nur wer diese Tricks kennt, kann sie umgehen.

Was unterscheidet einen Artikel-9-Fonds (Impact) von einem Artikel-8-Fonds?

Auf dem Papier scheint die Unterscheidung klar: Artikel-8-Fonds („hellgrün“) bewerben lediglich ökologische oder soziale Merkmale, während Artikel-9-Fonds („dunkelgrün“) ein konkretes, messbares Nachhaltigkeitsziel verfolgen. In der Praxis jedoch ist diese Grenze zunehmend verschwommen und für Anleger oft irreführend. Die Klassifizierung ist zu einem Marketinginstrument verkommen, dessen Aussagekraft als Qualitätsmerkmal stark abgenommen hat. Viele Fonds, die ursprünglich als Artikel 9 eingestuft wurden, sahen sich gezwungen, sich zu Artikel 8 herabzustufen, weil sie die strengen Anforderungen nicht erfüllen konnten.

Der folgende Vergleich zeigt die theoretischen Unterschiede, die in der Praxis jedoch oft nicht so klar sind, wie es scheint. Eine gründliche Prüfung der tatsächlichen Portfolio-Zusammensetzung ist daher unerlässlich.

Vergleich: Artikel-8- vs. Artikel-9-Fonds nach SFDR
Kriterium Artikel-8 (Hellgrün) Artikel-9 (Dunkelgrün)
ESG-Ziel Bewirbt ESG-Merkmale Verfolgt konkretes Nachhaltigkeitsziel
Mindestanteil nachhaltiger Anlagen Keine feste Vorgabe (ESMA empfiehlt 40%) Mindestens 50% nachhaltige Anlagen nach SFDR
DNSH-Prüfung Teilweise erforderlich Vollständige ‚Do No Significant Harm‘-Prüfung
Taxonomie-Konformität Nicht zwingend Muss die 6 EU-Umweltziele berücksichtigen
Herabstufungsrisiko Gering Hoch – viele werden zu Art. 8 herabgestuft

Diese formalen Kriterien sind jedoch nur die eine Seite der Medaille. Experten warnen davor, sich von der Klassifizierung blenden zu lassen. Die entscheidende Frage ist nicht, welches Label ein Fonds trägt, sondern welche Unternehmen tatsächlich im Portfolio enthalten sind. Roland Kölsch, Geschäftsführer der Qualitätssicherungsgesellschaft Nachhaltiger Geldanlagen (QNG), bringt die Problematik auf den Punkt:

Ob Artikel 8 oder Artikel 9 spielt bei der Entscheidung in der Regel nur eine untergeordnete Rolle. Ein Ausdruck von Nachhaltigkeitsqualität ist es mitnichten.

– Roland Kölsch, Geschäftsführer der Qualitätssicherungsgesellschaft Nachhaltiger Geldanlagen (QNG)

Diese Einschätzung macht deutlich: Als kritischer Anleger müssen Sie hinter die Fassade der Klassifizierung blicken und die tatsächliche Anlagestrategie und die darin enthaltenen Unternehmen analysieren.

Warum ist der sauberste Ölkonzern in Ihrem Umweltfonds?

Diese Frage führt uns direkt zum Kern des Greenwashing-Problems: dem Best-in-Class-Paradoxon. Dieser Ansatz ist eine der beliebtesten Methoden von Fondsmanagern, um ein Portfolio als „nachhaltig“ zu vermarkten, ohne auf die größten und liquidesten Unternehmen – auch aus schmutzigen Branchen – verzichten zu müssen. Die Logik ist simpel und trügerisch zugleich: Anstatt ganze Branchen wie die Öl- und Gasindustrie auszuschließen, wird nur in diejenigen Unternehmen investiert, die innerhalb ihrer Branche die besten ESG-Werte aufweisen.

Das Ergebnis ist absurd: Ein Ölkonzern wie Shell oder BP kann in einem „nachhaltigen“ Fonds landen, nur weil er im Vergleich zu seinen Konkurrenten geringfügig bessere Umweltstandards oder transparentere Berichtsstrukturen hat. Das ändert jedoch nichts an seinem Kerngeschäftsmodell, das auf der Förderung fossiler Brennstoffe basiert. Eine Recherche von Finanzwende deckte das schockierende Ausmaß auf: Über 70 % der als „nachhaltig“ deklarierten Investitionen im Energiesektor fließen tatsächlich in fossile Energien. Die großen Öl-Multis sind mit Aktien im Wert von zig Millionen Euro in diesen Portfolios vertreten.

Symbolische Darstellung der Best-in-Class-Bewertung von Ölkonzernen in ESG-Fonds

Für Anleger, die tatsächlich einen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen, ist dieser Ansatz eine Farce. Er belohnt Unternehmen nicht dafür, dass sie Teil der Lösung sind, sondern nur dafür, dass sie ein etwas geringeres Problem als ihre Konkurrenten darstellen. Als kritischer Prüfer müssen Sie daher im Fondsprospekt gezielt nach dem Begriff „Best-in-Class“ suchen. Finden Sie ihn, sollten alle Alarmglocken schrillen. Es ist ein klares Indiz dafür, dass die Nachhaltigkeitsstrategie des Fonds auf relativen Vergleichen statt auf absoluten Ausschlusskriterien beruht.

Wie nutzen Fonds ihre Macht, um Konzerne grüner zu machen?

Eine weitere beliebte Marketingerzählung der Fondsbranche ist die des „aktiven Eigentümers“. Fondsgesellschaften behaupten, sie würden ihre Stimmrechte als Großaktionäre nutzen und den Dialog mit den Unternehmensführungen suchen („Engagement“), um diese zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen. Das klingt gut, doch die Realität sieht oft anders aus. In vielen Fällen handelt es sich um reines „Engagement-Washing“ – die Behauptung von Einfluss, ohne dass tatsächliche, wirksame Maßnahmen ergriffen werden.

Das Problem liegt im fundamentalen Interessenkonflikt: Einerseits möchte die Fondsgesellschaft ihre Kunden mit einem grünen Image überzeugen, andererseits will sie die Unternehmensführungen, in die sie investiert, nicht verärgern. Das Ergebnis sind oft zahnlose Dialoge und ein Stimmverhalten, das den proklamierten Zielen widerspricht. Wenn es bei Hauptversammlungen hart auf hart kommt und über verbindliche Klimaschutzanträge abgestimmt wird, stimmen viele Fondsmanager entgegen ihrer Außendarstellung dagegen.

Diese Diskrepanz zwischen Reden und Handeln wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen. Die Organisation InfluenceMap, die das Abstimmungsverhalten von Fondsgesellschaften analysiert, kommt zu einem ernüchternden Ergebnis:

Dialog und Stimmrechtsausübung sind oft nur Marketinginstrumente. Viele Fondsmanager stimmen entgegen ihrer Außendarstellung gegen Klimaschutzanträge.

– InfluenceMap, Studie zu Engagement-Washing bei Fondsgesellschaften

Für Sie als Anleger bedeutet das: Seien Sie skeptisch, wenn ein Fonds seine Engagement-Politik als zentrales Nachhaltigkeitsmerkmal bewirbt. Echter Wandel erfordert Druck und die Bereitschaft, bei fehlenden Fortschritten auch Konsequenzen zu ziehen, also Anteile zu verkaufen (Divestment). Ein Fonds, der nur redet, aber nie handelt, betreibt kein nachhaltiges Investieren, sondern Imagepflege.

Warum werden unsanierte Büros zu „Stranded Assets“, die keiner mehr mietet?

Der Begriff „Stranded Assets“ ist für nachhaltige Investoren von zentraler Bedeutung, da er die Brücke zwischen ökologischer Verantwortung und finanziellem Risiko schlägt. Er bezeichnet Vermögenswerte, die durch regulatorische, technologische oder marktbedingte Veränderungen vorzeitig und unerwartet an Wert verlieren. Ein perfektes Beispiel hierfür sind energieineffiziente Gewerbeimmobilien in Deutschland.

Durch die Verschärfung der gesetzlichen Vorgaben, wie dem deutschen Gebäudeenergiegesetz (GEG) und der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD), werden die Anforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden immer strenger. Bis 2030 müssen alle Nichtwohngebäude mindestens die Effizienzklasse E erreichen, bis 2033 sogar die Klasse D. Gebäude, die diese Standards nicht erfüllen, werden quasi unvermietbar und unverkäuflich – sie werden zu Stranded Assets. Für Immobilienfonds ist dies eine tickende Zeitbombe. Eine Analyse von Colliers zeigt, dass bis zu 69 % der Büroimmobilien in den deutschen Top-7-Städten von dieser Veralterung bedroht sind, da sie vor dem Jahr 2000 gebaut wurden und nicht saniert sind.

Diese Entwicklung hat massive finanzielle Konsequenzen. Ineffiziente Gebäude können bis zu 25 % an Wert verlieren. Fondsgesellschaften wie Deka Immobilien oder Union Investment Real Estate stehen unter enormem Druck, ihre Portfolios zu modernisieren, was mit hohen Kosten verbunden ist. Ein ESG-Fonds, der diese Übergangsrisiken ignoriert und weiterhin in veraltete Immobilien investiert, handelt nicht nur unethisch, sondern auch ökonomisch kurzsichtig. Das Risiko, in Stranded Assets investiert zu sein, ist eines der stärksten Argumente dafür, warum ein guter ESG-Analyseprozess kein Renditehemmnis, sondern eine Notwendigkeit für langfristigen finanziellen Erfolg ist.

Für Anleger bedeutet dies, bei Immobilienfonds genau zu prüfen, wie alt der Gebäudebestand ist und welche Strategie zur energetischen Sanierung verfolgt wird. Ein Fonds, der diese Risiken proaktiv managt, schützt nicht nur das Klima, sondern auch Ihr Kapital.

Warum kommen Trend-Fonds (z.B. Wasserstoff) meistens erst auf den Markt, wenn der Hype vorbei ist?

Die Finanzindustrie ist Meister darin, auf populäre Trends aufzuspringen. Sobald ein Thema wie Wasserstoff, künstliche Intelligenz oder E-Mobilität in den Medien präsent ist, dauert es nicht lange, bis die ersten spezialisierten Themen-ETFs und Fonds aufgelegt werden. Das Problem für Anleger: Zu diesem Zeitpunkt ist der größte Teil der Kursgewinne oft schon erzielt. Der Grund dafür ist die sogenannte „Hype-Falle“, die durch die internen Prozesse der Finanzbranche verstärkt wird.

Von der Idee für ein neues Fondsprodukt bis zur endgültigen Genehmigung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) vergehen in Deutschland oft 6 bis 12 Monate. In dieser Zeit haben professionelle und gut informierte Investoren längst in die entsprechenden Unternehmen investiert. Wenn der Fonds dann endlich für die breite Masse verfügbar ist, sind die Bewertungen der enthaltenen Aktien oft schon überhitzt, und das Risiko einer Korrektur ist hoch. Anleger, die auf den Hype-Zug aufspringen, kaufen häufig in der Nähe des Gipfels.

Eine klügere, auditorengerechte Alternative ist die „Enabler“-Strategie. Anstatt in die oft jungen, hochriskanten „Pure-Play“-Unternehmen zu investieren, die direkt im Trend-Thema tätig sind, konzentriert man sich auf die etablierten Zulieferer und Infrastrukturanbieter, die diesen Trend erst ermöglichen.

  • Etablierte Industrieunternehmen statt Startups: Suchen Sie nach Firmen wie Linde (weltweiter Marktführer für Industriegase, entscheidend für Wasserstoff) oder Siemens Energy (Infrastruktur für die Energiewende).
  • Breite Clean-Energy-ETFs statt spitzer Themen-Fonds: Ein breiter aufgestellter ETF auf erneuerbare Energien ist oft besser diversifiziert und weniger anfällig für den Hype um eine einzelne Technologie.
  • Auf Fondsvolumen und Kosten achten: Themen-ETFs sind oft teurer (höhere TER) und haben ein geringeres Volumen, was das Risiko einer Fondsschließung erhöht. Ein Volumen von mindestens 100 Mio. Euro gilt als sicherer.

Diese Strategie reduziert das Risiko, Opfer eines geplatzten Hypes zu werden, und ermöglicht eine robustere, langfristige Partizipation an technologischen Megatrends.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Vorurteil, nachhaltiges Investieren schade der Rendite, ist widerlegt. Gutes Risikomanagement durch ESG-Kriterien kann die Performance sogar verbessern.
  • Die Klassifizierungen „Artikel 8“ und „Artikel 9“ sind unzuverlässige Marketing-Labels. Der entscheidende Faktor ist die Analyse der tatsächlichen Unternehmensbeteiligungen im Fonds.
  • Passive ESG-ETFs sind aufgrund ihrer Transparenz und niedrigeren Kosten oft die überlegene Wahl gegenüber teuren, aktiven Fonds, deren Manager den Markt selten schlagen.

Warum schlagen 90 % der aktiven Fondsmanager den Markt langfristig nicht?

Die Debatte zwischen aktiven und passiven Anlagestrategien ist so alt wie der moderne Finanzmarkt. Doch die Daten sind überwältigend: Die allermeisten aktiv gemanagten Fonds schaffen es nicht, nach Abzug ihrer Kosten eine bessere Rendite zu erzielen als ein einfacher, günstiger Index-ETF. Dieser Befund gilt auch und gerade für den Bereich der nachhaltigen Geldanlagen. Viele Anleger glauben fälschlicherweise, dass für eine komplexe ESG-Analyse ein teurer Fondsmanager unerlässlich sei. Doch die Fakten zeichnen ein anderes Bild.

Ein aktiver Manager verursacht hohe Kosten: Verwaltungsgebühren, Performance-Gebühren und Transaktionskosten. Diese Kosten muss der Fonds erst einmal wieder hereinholen, bevor er überhaupt eine Chance hat, den Markt zu schlagen. Nach Schätzungen von Morningstar erfüllen derzeit nur 18 % der Artikel-8-Fonds die Kriterien, die die ESMA zukünftig an nachhaltige Fonds anlegen will. Dies zeigt, dass selbst die teuren „Experten“ oft keine bessere Auswahl treffen als ein regelbasierter, transparenter Index.

Kostenstruktur-Vergleich zwischen aktiven ESG-Fonds und passiven ESG-ETFs

Für den kritischen, kostenbewussten Anleger sind passive ESG-ETFs daher oft die rationalere Wahl. Sie sind transparent, kostengünstig und vermeiden das Risiko, auf den falschen Manager zu setzen. Die Auswahl des richtigen ESG-ETF erfordert jedoch ebenfalls eine sorgfältige Prüfung:

  • Index-Unterschiede verstehen: „SRI“ (Socially Responsible Investment) wendet die strengsten Filter an und reduziert einen globalen Index von 1600 auf oft nur 100-400 Titel. „ESG Screened“ ist weicher und schließt nur die schlechtesten 10% aus. „ESG Leaders“ investiert in die besten 50% jeder Branche.
  • Kosten vergleichen (TER): Nachhaltige ETFs sind mit 0,10-0,15 % Mehrkosten pro Jahr nur geringfügig teurer als ihre konventionellen Pendants, aber deutlich günstiger als aktive Fonds (oft 1,5 % und mehr).
  • Replikationsmethode prüfen: Physisch replizierende ETFs, die die Aktien tatsächlich kaufen, sind transparenter als synthetische ETFs, die Swaps verwenden.

Am Ende ist die Wahl eines passiven ESG-ETF keine Kapitulation vor der Komplexität, sondern eine kluge Entscheidung, die auf jahrzehntelanger Marktforschung und einer realistischen Einschätzung der Fähigkeiten von Fondsmanagern beruht.

Die Erkenntnis, dass die meisten Fondsmanager ihr Geld nicht wert sind, ist ein entscheidender Grund, um zu verstehen, warum passive Strategien oft überlegen sind.

Die Welt der nachhaltigen Geldanlagen ist voller Fallstricke, aber auch voller Chancen. Indem Sie aufhören, den Marketing-Versprechen blind zu vertrauen, und stattdessen die Werkzeuge eines kritischen Auditors anwenden, nehmen Sie die Kontrolle zurück. Prüfen Sie die Fakten, hinterfragen Sie die Methoden und investieren Sie in die Fonds, die Ihre ethischen Überzeugungen wirklich widerspiegeln. Werden Sie jetzt zum kritischen Prüfer Ihrer eigenen Anlagen und fordern Sie echte Transparenz.

Geschrieben von Sabine Müller, Unabhängige Honorarberaterin (Certified Financial Planner) mit Fokus auf ETFs, Altersvorsorge und passiven Vermögensaufbau. Seit 12 Jahren hilft sie Privatanlegern, provisionsfreie Strategien gegen die Rentenlücke zu entwickeln.