Veröffentlicht am März 15, 2024

Der Schlüssel zum erfolgreichen Value Investing liegt nicht darin, die billigste Aktie zu finden, sondern das widerstandsfähigste Unternehmen hinter der Aktie zu identifizieren.

  • Ein niedriger Preis ist oft ein Warnsignal für strukturelle Probleme (eine „Value-Trap“) und keine Kaufgelegenheit.
  • Wahre Unterbewertung zeigt sich in qualitativen Merkmalen wie einem starken „Burggraben“ und quantitativen Kennzahlen wie einer soliden Eigenkapitalquote.

Empfehlung: Konzentrieren Sie Ihre Analyse darauf, die Risiken einer scheinbar günstigen Aktie zu verstehen, bevor Sie deren potenzielle Rendite bewerten.

In einer Welt, in der die Aktienmärkte von kurzfristigen Nachrichten und schnellen Trends getrieben werden, fühlen sich viele Anleger verunsichert. Die Jagd nach der nächsten „heissen“ Aktie führt oft zu Enttäuschungen. Gleichzeitig gibt es einen bewährten, ruhigeren Weg, der von Investoren wie Warren Buffett über Jahrzehnte perfektioniert wurde: das Value Investing. Dieser Ansatz unterscheidet sich fundamental vom Growth Investing, bei dem primär auf zukünftiges Wachstum gewettet wird. Beim Value Investing geht es um Substanz, um den Kauf von hervorragenden Unternehmen zu einem fairen Preis.

Viele glauben, Value Investing bedeute lediglich, Aktien mit einem niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zu kaufen. Doch das ist eine gefährliche Vereinfachung. Der wahre Kern dieser Philosophie liegt tiefer. Es geht darum, eine Diskrepanz zwischen dem aktuellen Marktpreis eines Unternehmens und seinem wahren, inneren Wert aufzudecken. Dieser innere Wert wird durch die langfristige Ertragskraft, die Stabilität des Geschäftsmodells und die Qualität des Managements bestimmt.

Doch wie unterscheidet man eine echte Perle von einem Unternehmen, das aus gutem Grund billig ist? Die wahre Kunst des Value Investors besteht darin, eine temporäre Krise von einem strukturellen Niedergang zu unterscheiden. Dieser Artikel ist Ihr Leitfaden, um genau diese Fähigkeit zu entwickeln. Anstatt Ihnen eine Liste von „heissen Tipps“ zu geben, werden wir die Denkweise und die Werkzeuge vermitteln, die Sie benötigen, um selbst solide, vom Markt zu Unrecht abgestrafte Unternehmen auf dem deutschen Markt zu identifizieren. Wir werden uns ansehen, wie man Kennzahlen richtig interpretiert, die Qualität eines Geschäftsmodells bewertet und die grösste Gefahr für jeden Value-Anleger vermeidet: die „Value-Trap“.

Dieser Leitfaden ist strukturiert, um Ihnen schrittweise die fundamentalen Konzepte und praktischen Werkzeuge des wertorientierten Investierens näherzubringen. Jede Sektion baut auf der vorherigen auf, von der Grundphilosophie bis hin zu konkreten Analysemethoden für den deutschen Aktienmarkt.

Warum ist der Preis das, was Sie zahlen, aber der Wert das, was Sie bekommen?

Das berühmte Zitat von Warren Buffett bringt die Essenz des Value Investings auf den Punkt. Der Preis einer Aktie ist die Zahl, die Sie an der Börse sehen – ein Produkt aus Angebot, Nachfrage, Emotionen und kurzfristigen Nachrichten. Der Wert eines Unternehmens hingegen ist sein innerer, fundamentaler Wert, der sich aus seiner Fähigkeit ergibt, langfristig Gewinne zu erwirtschaften. Ein kluger Investor versteht, dass diese beiden Zahlen oft weit auseinanderliegen. Der Markt kann in Panik verfallen und exzellente Unternehmen weit unter ihrem Wert verkaufen oder in Euphorie verfallen und mittelmässige Firmen zu Fantasiepreisen handeln.

Ein prägnantes Beispiel aus der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte ist der Volkswagen-Konzern während des „Dieselgate“-Skandals. Als die Manipulationen im September 2015 bekannt wurden, brach an der Börse Panik aus. Der Preis der VW-Aktie stürzte dramatisch ab. Tatsächlich, brach die VW-Aktie um mehr als 40 Prozent ein, da Anleger das Schlimmste befürchteten. Der Marktpreis spiegelte die Angst vor Strafzahlungen in Milliardenhöhe und einem massiven Imageverlust wider. Dies war der Preis, den der Markt diktierte.

Der langfristige Wert von Volkswagen war jedoch ein anderer. Das Unternehmen besass weiterhin globale Marken, eine führende Marktposition, wertvolle Produktionsstätten und enormes technologisches Know-how. Ein Value-Investor hätte gefragt: „Sind diese fundamentalen Werte wirklich um 40% gesunken, oder ist dies eine temporäre Krise, die das Unternehmen überleben und aus der es gestärkt hervorgehen wird?“ Die Geschichte gab die Antwort: Trotz der Krise wurde VW später zum absatzstärksten Automobilhersteller der Welt. Der innere Wert war weitaus stabiler als der volatile Marktpreis. Die Fähigkeit, diese Diskrepanz zu erkennen, ist der erste und wichtigste Schritt eines jeden Value-Investors.

Wie nutzen Sie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) richtig zur Aktienbewertung?

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist eine der bekanntesten Kennzahlen in der Aktienanalyse. Es setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Ein niedriges KGV wird oft als Indikator für eine „billige“ Aktie interpretiert. Doch hier ist Vorsicht geboten. Die alleinige Betrachtung des KGV ist einer der häufigsten Fehler von Anfängern und führt oft direkt in eine Value-Trap. Ein niedriges KGV kann bedeuten, dass der Markt zukünftig fallende Gewinne erwartet, was die Aktie zu Recht billig erscheinen lässt.

Die wahre Aussagekraft des KGV entfaltet sich erst im Kontext. Ein Value-Investor nutzt es nicht isoliert, sondern vergleicht es auf drei Ebenen:

  • Historischer Vergleich: Wie ist das aktuelle KGV im Vergleich zum eigenen historischen Durchschnitt des Unternehmens über die letzten 5-10 Jahre?
  • Branchenvergleich: Wie schneidet das Unternehmen im Vergleich zu seinen direkten Konkurrenten ab?
  • Marktvergleich: Wie ist das KGV im Verhältnis zum breiteren Markt, z.B. dem DAX oder MDAX?

Gerade der Branchenvergleich ist in Deutschland entscheidend. Ein Softwareunternehmen mit hohem Wachstumspotenzial wird fast immer ein höheres KGV haben als ein etabliertes Versorgungsunternehmen. Das eine als „teuer“ und das andere als „billig“ abzustempeln, wäre zu kurz gedacht. Es geht darum, Unternehmen zu finden, die im Vergleich zu ihrer eigenen Branche und ihrer eigenen Historie günstig bewertet sind, ohne dass es dafür einen triftigen, negativen Grund gibt.

Visuelle Darstellung verschiedener KGV-Werte nach Branchen in Deutschland

Die folgende Tabelle gibt einen groben Überblick, wie stark sich durchschnittliche KGV-Bewertungen in verschiedenen Sektoren des deutschen Marktes unterscheiden können. Wie eine Analyse der Sektorbewertungen zeigt, sind solche branchenspezifischen Unterschiede normal und müssen bei der Bewertung berücksichtigt werden.

Durchschnittliche KGV-Bewertungen deutscher Sektoren
Sektor Durchschnittliches KGV Bewertungseinschätzung
Versorgungsunternehmen 10-12 Historisch günstig
Industrieunternehmen 13-15 Fair bewertet
Chemie (z.B. BASF) 12-14 Unterdurchschnittlich
Software/Tech 20-30 Wachstumsprämie

Burggraben und Preissetzungsmacht: Was macht ein Unternehmen krisenfest?

Während Kennzahlen wie das KGV einen quantitativen Einblick geben, liegt die wahre Stärke eines Unternehmens oft in qualitativen Faktoren. Warren Buffett prägte hierfür den Begriff des „Burggrabens“ (Economic Moat). Ein Burggraben ist ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil, der ein Unternehmen vor Konkurrenten schützt und es ihm ermöglicht, über lange Zeiträume hohe Renditen zu erzielen. Ein Unternehmen ohne Burggraben ist wie eine Burg ohne Mauern – jederzeit angreifbar. Ein tiefer Burggraben macht ein Unternehmen krisenfest.

In Deutschland gibt es verschiedene Arten von Burggräben, die besonders relevant sind:

  • Starke Marken: Unternehmen wie Mercedes-Benz, Siemens oder SAP haben einen globalen Ruf, der Vertrauen schafft und höhere Preise rechtfertigt.
  • Netzwerkeffekte: Plattformen wie die Deutsche Börse oder Immobilienscout24 werden wertvoller, je mehr Nutzer sie haben, was den Eintritt für neue Konkurrenten erschwert.
  • Hohe Wechselkosten: Hat ein Unternehmen seine Software tief in die Prozesse eines Kunden integriert (z.B. SAP), ist ein Wechsel zu einem anderen Anbieter extrem teuer und riskant.
  • Kostenvorteile: Deutsche Industrieunternehmen wie BASF profitieren oft von ihrer schieren Grösse (Skaleneffekte) und optimierten Produktionsprozessen, die es ihnen erlauben, günstiger zu produzieren als die Konkurrenz.

Fallbeispiel: Deutsche Qualitätsunternehmen mit Burggraben

Selbst etablierte DAX-Konzerne können Merkmale eines unterbewerteten Qualitätsunternehmens aufweisen. Nehmen wir die Deutsche Post DHL: Mit einem globalen Logistiknetzwerk, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde, besitzt sie einen enormen Burggraben. Ein KGV unter 12 und eine attraktive Dividendenrendite deuten auf eine günstige Bewertung hin. Ähnliches gilt für die Allianz SE. Als einer der weltweit führenden Versicherer profitiert sie von einer starken Marke und enormen Skaleneffekten. Ihr Geschäftsmodell ist robust, und sie profitiert langfristig von einem steigenden Zinsumfeld, was die Erträge aus ihren Kapitalanlagen erhöht.

Ein klares Anzeichen für einen starken Burggraben ist die Preissetzungsmacht. Kann ein Unternehmen seine Preise erhöhen, ohne massenhaft Kunden zu verlieren? Wenn ja, verfügt es über einen wertvollen Wettbewerbsvorteil. In Zeiten der Inflation ist dies eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Unternehmen krisenfest machen. Die Identifikation eines solchen Burggrabens ist anspruchsvoller als das Ablesen einer Kennzahl, aber für den langfristigen Anlageerfolg entscheidend.

Die Value-Trap: Wenn eine billige Aktie zu Recht immer billiger wird

Die grösste Gefahr für jeden Value-Investor ist die sogenannte „Value-Trap“ (Wertefalle). Es handelt sich dabei um eine Aktie, die auf den ersten Blick anhand von Kennzahlen wie einem niedrigen KGV oder KBV extrem günstig erscheint, deren Kurs aber weiter fällt – und das aus gutem Grund. Der Markt hat hier keine temporäre Fehleinschätzung vorgenommen, sondern preist einen fundamentalen, strukturellen Niedergang des Unternehmens korrekt ein.

Eine Value-Trap entsteht, wenn ein Unternehmen seinen Burggraben verliert. Beispiele hierfür sind Technologiewandel, der das gesamte Geschäftsmodell überflüssig macht (z.B. Hersteller von Fotofilmen), eine erdrückende Schuldenlast oder ein dauerhafter Verlust von Marktanteilen an agilere Konkurrenten. In solchen Fällen ist die Aktie nicht unterbewertet, sondern auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Der Kauf einer solchen Aktie ist wie der Versuch, ein fallendes Messer zu fangen.

Metaphorische Darstellung einer Value-Trap durch absteigende Stufen

Wie können Sie also eine echte Unterbewertung von einer Value-Trap unterscheiden? Der Schlüssel liegt in der Analyse der Ursachen für den niedrigen Preis. Stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Ist das Problem temporär oder strukturell? Ein Skandal (wie bei VW) kann temporär sein. Der komplette Wegfall eines Marktes ist strukturell.
  • Ist das Geschäftsmodell noch intakt? Verdient das Unternehmen weiterhin Geld und generiert es Cashflow, auch wenn der Gewinn kurzzeitig eingebrochen ist?
  • Wie hoch ist die Verschuldung? Eine hohe Schuldenlast kann ein temporäres Problem in eine existenzielle Krise verwandeln.
  • Gibt es eine klare Strategie des Managements, um die Probleme zu lösen?

Ihr Aktionsplan zur Entlarvung von Value-Traps

  1. Umsatzentwicklung prüfen: Untersuchen Sie, ob das Unternehmen über mehrere Jahre hinweg dauerhaft rückläufige Umsätze verzeichnet.
  2. Branchenabhängigkeit analysieren: Bewerten Sie die Abhängigkeit von einer einzigen Branche, die sich in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel befindet.
  3. Regulierungsrisiken bewerten: Analysieren Sie die Abhängigkeit von der deutschen oder EU-weiten Energie- und Regulierungspolitik, die das Geschäftsmodell bedrohen könnte.
  4. Problemursache einordnen: Unterscheiden Sie klar zwischen behebbaren, temporären Schwierigkeiten und unlösbaren, strukturellen Problemen.
  5. Zinsdeckungsgrad überprüfen: Kontrollieren Sie den Zinsdeckungsgrad, um hoch verschuldete „Zombiefirmen“ zu identifizieren, die nur noch für den Schuldendienst arbeiten.

Wie lange müssen Sie warten, bis der Markt den wahren Wert einer Aktie erkennt?

Sie haben ein solides Unternehmen gefunden, das über einen starken Burggraben verfügt und aktuell unter seinem inneren Wert gehandelt wird. Sie haben die Risiken einer Value-Trap sorgfältig geprüft und sind überzeugt, eine echte Chance entdeckt zu haben. Nun beginnt der schwierigste Teil des Value Investings: das Warten. Der berühmte Ökonom John Maynard Keynes sagte einmal: „Der Markt kann länger irrational bleiben, als Sie liquide bleiben können.“

Es gibt keine Formel, die voraussagt, wie lange es dauert, bis der Markt eine Fehleinschätzung korrigiert. Es können Monate oder auch mehrere Jahre sein. Während dieser Zeit kann es passieren, dass der Kurs Ihrer „unterbewerteten“ Aktie sogar noch weiter fällt. Dies testet die Überzeugung und Geduld eines jeden Investors. Die Fähigkeit, in solchen Phasen nicht in Panik zu geraten, sondern an der eigenen, fundierten Analyse festzuhalten, ist eine entscheidende Charaktereigenschaft.

Die Volkswagen-Aktie ist auch hier ein gutes Beispiel. Nach dem Absturz 2015 dauerte es Jahre, bis sich der Kurs vollständig erholte und neue Höchststände erreichte. Wer damals aus Panik verkaufte, realisierte einen Verlust. Wer an den inneren Wert des Unternehmens glaubte und Geduld hatte, wurde belohnt, wie der langfristige Verlauf der VW-Aktie zeigt. Diese Geduld ist jedoch nur gerechtfertigt, wenn die ursprüngliche Analyse solide war. Deshalb ist es entscheidend, die eigenen Hausaufgaben gründlich zu machen. Warren Buffett, zitiert von Michael C. Kissig auf seinem Blog, bringt diese langfristige Denkweise auf den Punkt:

Wenn man die Arbeit beim Aktienkauf richtig erledigt hat, ist die richtige Zeit zum Verkaufen – niemals.

– Warren Buffett, Intelligent Investieren Blog

Diese Aussage unterstreicht die Philosophie, nicht in Aktien zu spekulieren, sondern sich an exzellenten Unternehmen zu beteiligen und diese idealerweise für immer zu halten. Die Frage ist also nicht, wann der Markt den Wert erkennt, sondern ob Sie die Disziplin haben, zu warten, bis er es tut.

Wie funktioniert die DCF-Methode zur Unternehmensbewertung für Privatanleger?

Für Anleger, die tiefer in die fundamentale Analyse einsteigen möchten, ist die Discounted-Cash-Flow-Methode (DCF) ein mächtiges Werkzeug. Sie gilt als eine der akademisch fundiertesten Methoden zur Ermittlung des inneren Wertes eines Unternehmens. Die Grundidee ist einfach: Der heutige Wert eines Unternehmens entspricht der Summe aller zukünftigen Cashflows (freien Geldflüsse), die das Unternehmen erwirtschaften wird, abgezinst auf den heutigen Tag.

Die Umsetzung ist jedoch komplex und voller Annahmen. Sie müssen die zukünftigen Cashflows des Unternehmens über einen bestimmten Zeitraum (z.B. 5-10 Jahre) schätzen und einen Abzinsungssatz (Diskontierungsfaktor) festlegen, der das Risiko der Investition widerspiegelt. Am Ende des Prognosezeitraums wird ein sogenannter „Terminal Value“ berechnet, der den Wert aller zukünftigen Cashflows danach repräsentiert.

Für Privatanleger mag das abschreckend klingen, aber die Methode lässt sich vereinfachen. Es geht nicht darum, den Wert auf den Cent genau zu berechnen, sondern eine fundierte Schätzung zu erhalten und die Sensitivität des Modells zu verstehen. Ein konservativer Ansatz ist hierbei entscheidend. Nutzen Sie realistische Wachstumsraten und einen angemessenen Abzinsungssatz. Die DCF-Methode zwingt Sie, sich intensiv mit dem Geschäftsmodell, den Zukunftsaussichten und den Risiken eines Unternehmens auseinanderzusetzen. Allein dieser Prozess ist von unschätzbarem Wert. Benjamin Graham und später Warren Buffett nutzten ähnliche Konzepte, um Qualitätsaktien zu finden, die sie „am liebsten für immer“ halten würden.

Hier sind die grundlegenden Schritte zur Anwendung der DCF-Methode für deutsche Privatanleger:

  1. Risikofreien Zinssatz ermitteln: Nutzen Sie die aktuelle Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen (Bundesanleihen) als Basis.
  2. Marktrisikoprämie festlegen: Legen Sie eine realistische Prämie für den deutschen Aktienmarkt fest. Historisch liegt diese für den DAX bei etwa 5-7%.
  3. Analystenschätzungen als Basis nutzen: Verwenden Sie Schätzungen von Finanzportalen wie Finanzen.net oder Onvista als Ausgangspunkt für Ihre Cashflow-Prognosen.
  4. Prognosen kritisch anpassen: Passen Sie die Analystenschätzungen basierend auf Ihrer eigenen Recherche und Ihrem Verständnis des Unternehmens und der Branche an. Seien Sie konservativ.
  5. Terminal Value berechnen: Berechnen Sie den Endwert mit einer sehr konservativen, ewigen Wachstumsrate (z.B. die erwartete langfristige Inflationsrate von 1-2%).

Was verrät die Eigenkapitalquote über die Krisenfestigkeit einer Firma?

Neben dem Burggraben gibt es eine weitere entscheidende Kennzahl, die Auskunft über die Stabilität und Krisenfestigkeit eines Unternehmens gibt: die Eigenkapitalquote (EK-Quote). Sie gibt an, welcher Anteil des Gesamtvermögens eines Unternehmens durch Eigenkapital finanziert ist, also durch die Mittel der Eigentümer und einbehaltene Gewinne. Der Rest wird durch Fremdkapital (Schulden) finanziert.

Eine hohe Eigenkapitalquote ist wie ein dickes finanzielles Polster. Sie macht ein Unternehmen widerstandsfähiger gegen wirtschaftliche Schocks, unerwartete Verluste oder steigende Zinsen. Ein Unternehmen mit wenig Schulden muss in einer Krise keine Kredite bedienen, die es sich nicht mehr leisten kann, und gerät seltener in Gefahr einer Insolvenz. Es hat mehr Flexibilität, um antizyklisch zu investieren, während die Konkurrenz ums Überleben kämpft. Im deutschen Kulturraum gilt eine hohe Eigenkapitalquote oft als Zeichen für Solidität und Seriosität.

Solides Fundament symbolisiert starke Eigenkapitalquote

Was eine „gute“ Eigenkapitalquote ist, hängt stark von der Branche ab. Industrieunternehmen haben typischerweise höhere Quoten als Banken, deren Geschäftsmodell auf der Hebelung von Fremdkapital basiert. Ein Value-Investor vergleicht die EK-Quote daher immer im Branchenkontext. Eine Quote, die deutlich über dem Branchendurchschnitt liegt, ist ein starkes Qualitätssignal.

Die folgende Tabelle gibt Richtwerte für durchschnittliche Eigenkapitalquoten in verschiedenen deutschen Sektoren und Indizes. Sie hilft dabei, die Finanzstabilität eines Unternehmens besser einzuordnen.

Benchmark Eigenkapitalquoten deutscher Indizes
Index/Sektor Durchschnittliche EK-Quote Bewertung
DAX Industrieunternehmen 35-45% Solide
MDAX Mittelständler 40-50% Sehr solide
Banken 5-10% Branchentypisch niedrig
Versorger 20-30% Moderat

Eine niedrige Bewertung in Kombination mit einer hohen Eigenkapitalquote kann ein starkes Indiz für eine unterbewertete Qualitätsaktie sein. Es deutet darauf hin, dass der Markt die finanzielle Stabilität des Unternehmens möglicherweise nicht ausreichend würdigt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Kernidee des Value Investings ist, die Diskrepanz zwischen dem volatilen Marktpreis und dem stabilen inneren Wert eines Unternehmens zu nutzen.
  • Die grösste Gefahr ist die „Value-Trap“: eine Aktie, die aus guten, strukturellen Gründen billig ist und bleibt. Die Risikoanalyse ist daher wichtiger als die reine Jagd nach niedrigen Kennzahlen.
  • Wahre Qualität zeigt sich in einem starken Wettbewerbsvorteil („Burggraben“) und einer soliden Bilanz, die durch eine hohe Eigenkapitalquote untermauert wird.

Wie identifizieren Sie Aktien, die unter ihrem Buchwert gehandelt werden?

Eine weitere klassische Methode des Value Investings, die auf den Urvater Benjamin Graham zurückgeht, ist die Suche nach Aktien, die unter ihrem Buchwert gehandelt werden. Der Buchwert je Aktie repräsentiert vereinfacht gesagt das Nettovermögen des Unternehmens (Vermögenswerte minus Schulden), geteilt durch die Anzahl der Aktien. Wenn eine Aktie unter ihrem Buchwert notiert, bedeutet dies, dass der Markt das Unternehmen mit weniger bewertet, als seine reinen bilanziellen Vermögenswerte wert sind. Man zahlt also theoretisch weniger als einen Euro für einen Euro an Unternehmenssubstanz.

Das zugehörige Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) ist hier die entscheidende Kennzahl. Ein KBV unter 1 signalisiert eine solche Situation. Diese Methode funktioniert besonders gut bei Unternehmen mit vielen materiellen Vermögenswerten wie Industrieanlagen, Immobilien oder Finanzinstituten. Gerade im deutschen Bankensektor kommt es häufiger vor, dass Institute unter ihrem Buchwert gehandelt werden, wie aktuelle Analysen deutscher Finanzwerte zeigen, wo ein KBV im Bereich von 1 oder darunter keine Seltenheit ist.

Allerdings gilt auch hier: Ein KBV unter 1 ist kein automatisches Kaufsignal. Es kann ein Warnzeichen für verborgene Risiken, eine geringe Profitabilität oder veraltete Vermögenswerte sein. Ein Value-Investor muss auch hier prüfen, warum der Markt so pessimistisch ist. Ist die Ertragskraft des Unternehmens nachhaltig? Wie hoch ist die Qualität der Vermögenswerte? Moderne Aktien-Screener, wie sie von vielen Finanzportalen kostenlos angeboten werden, machen die Suche nach solchen Kandidaten einfach.

Um gezielt nach Aktien zu suchen, die unter ihrem Buchwert gehandelt werden, können Sie folgende Schritte auf einem deutschen Aktien-Screener wie dem von Onvista durchführen:

  • Nutzen Sie den kostenlosen Aktien-Finder auf Portalen wie Onvista.de.
  • Setzen Sie einen Filter, um gezielt nach deutschen Aktien mit einem KBV kleiner als 1 zu suchen.
  • Vergleichen Sie die KBV-Werte von Unternehmen aus verschiedenen Indizes (DAX, MDAX, SDAX), um ein Gefühl für branchenspezifische Niveaus zu bekommen.
  • Prüfen Sie ergänzend den materiellen Buchwert (Tangible Book Value), der immaterielle Vermögenswerte wie den Goodwill herausrechnet, um ein noch konservativeres Bild zu erhalten.
  • Beachten Sie stets branchenspezifische Besonderheiten, insbesondere bei Banken und Immobilienunternehmen, deren Bilanzen anders strukturiert sind.

Der Weg zum erfolgreichen Value-Investor ist ein Marathon, kein Sprint. Er erfordert Disziplin, Geduld und die Bereitschaft, die eigene Arbeit kontinuierlich zu hinterfragen. Indem Sie die hier vorgestellten Werkzeuge und Denkweisen anwenden, schaffen Sie sich ein solides Fundament, um langfristig und substanzbasiert an der Börse erfolgreich zu sein. Beginnen Sie noch heute damit, diese Strategien anzuwenden, um Ihre Investmententscheidungen auf eine neue, fundiertere Ebene zu heben.

Geschrieben von Elena Dr. Fischer, Promovierte Finanzanalystin und CFA-Charterholderin mit 12 Jahren Erfahrung im Investmentbanking und Asset Management am Finanzplatz Frankfurt. Ihre Schwerpunkte sind die fundamentale Aktienanalyse, Unternehmensbewertung und Börsenpsychologie.