Veröffentlicht am März 11, 2024

Die Jagd nach echten Qualitätsaktien im DAX ist kein Schnäppchen-Shopping, sondern ein elitärer Rekrutierungsprozess für Ihr Portfolio.

  • Strukturelle Exzellenz, nachgewiesen durch eine hohe Eigenkapitalquote und einen klaren Wettbewerbsvorteil (Burggraben), ist das entscheidende Einstellungskriterium.
  • Ein Kursrutsch ist nur dann ein Kaufsignal, wenn der fundamentale „Charakter“ des Unternehmens intakt ist – andernfalls handelt es sich um eine teure Wertfalle.

Empfehlung: Wechseln Sie Ihre Perspektive vom Schnäppchenjäger zum anspruchsvollen Headhunter. Bewerten Sie Aktienkandidaten nach ihrer Widerstandsfähigkeit und ihrem langfristigen Potenzial, nicht nach ihrem aktuellen Preisschild.

Jeder Anleger kennt dieses Gefühl: Eine Aktie aus dem DAX, die man schon länger beobachtet, stürzt plötzlich ab. Die Schlagzeilen sind negativ, die Stimmung am Markt ist schlecht. Ist das die goldene Chance, ein Qualitätsunternehmen günstig einzukaufen, oder der Anfang vom Ende? Die gängigen Ratschläge sind oft oberflächlich. Man solle auf ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) achten oder einfach bekannte deutsche Marken kaufen. Doch diese Ansätze greifen zu kurz und führen oft zu kostspieligen Fehlentscheidungen.

Die Wahrheit ist: Der Preis einer Aktie ist selten ein guter Indikator für ihre Qualität. Ein niedriger Preis kann ein Warnsignal für fundamentale Probleme sein, genauso wie ein hoher Preis nicht automatisch für ein gutes Investment spricht. Die eigentliche Kunst besteht darin, zwischen einem temporären Missverständnis des Marktes und einem dauerhaften strukturellen Problem zu unterscheiden. Es geht darum, Unternehmen mit einem exzellenten „Charakter“ zu finden – einer robusten Bilanz, einem uneinnehmbaren Wettbewerbsvorteil und einer klaren Zukunftsstrategie.

Dieser Ansatz verwandelt die Aktienauswahl von einer reinen Zahlenübung in einen anspruchsvollen Rekrutierungsprozess. Sie sind der Headhunter für Ihr eigenes Vermögen und suchen nicht nach billigen Arbeitskräften, sondern nach den fähigsten und widerstandsfähigsten Kandidaten für eine langfristige Zusammenarbeit. Wir ignorieren das kurzfristige Marktgeräusch und konzentrieren uns auf die strukturelle Exzellenz, die ein Unternehmen auch in Krisenzeiten erfolgreich macht. Nur so finden Sie die wahren Perlen, die zu Unrecht abgestraft wurden.

Dieser Leitfaden stattet Sie mit den notwendigen Werkzeugen aus, um diesen Rekrutierungsprozess erfolgreich durchzuführen. Sie lernen, die entscheidenden Qualitätsmerkmale zu erkennen, das richtige Timing zu finden und gefährliche Wertfallen zu umgehen. Lassen Sie uns die Spreu vom Weizen trennen.

Was macht ein Unternehmen zu einem „Qualitätsunternehmen“ nach deutschen Standards?

Ein Qualitätsunternehmen ist wie ein Kandidat mit einem makellosen Lebenslauf und exzellenten Referenzen. Es geht nicht um oberflächlichen Glanz, sondern um tief verankerte, strukturelle Stärke. In Deutschland, mit seiner von soliden Mittelständlern und Industrie-Champions geprägten Wirtschaft, ist das wichtigste Merkmal die finanzielle Stabilität. Ein Unternehmen, das auf einem wackeligen Fundament steht, wird den ersten Sturm nicht überstehen. Der entscheidende Indikator hierfür ist die Eigenkapitalquote.

Eine hohe Eigenkapitalquote wirkt wie ein finanzielles Rückgrat. Sie gibt dem Unternehmen die nötige Pufferzone, um Krisen, unerwartete Investitionen oder Konjunkturdellen aus eigener Kraft zu meistern, ohne sofort von Bankkrediten abhängig zu sein. Für deutsche Unternehmen lag die durchschnittliche Eigenkapitalquote bei 30,1% laut einer vorläufigen Schätzung der Deutschen Bundesbank für 2023. Ein Qualitätsunternehmen sollte diesen Wert idealerweise übertreffen. Interessanterweise haben deutsche KMU hier in den letzten Jahren sogar die Großunternehmen überholt, was ihre zunehmende Widerstandsfähigkeit unterstreicht.

Neben der robusten Bilanz zeichnet sich ein deutsches Qualitätsunternehmen durch eine starke Marktposition in seiner Nische aus. Oft sind dies „Hidden Champions“, die in ihrem spezifischen Segment Weltmarktführer sind, auch wenn ihre Marke nicht jedem Konsumenten bekannt ist. Diese Dominanz führt zu Preissetzungsmacht und stabilen Margen. Schließlich ist ein Merkmal von Qualität die Kontinuität und Kompetenz des Managements. Ein Vorstand, der das Unternehmen langfristig und mit ruhiger Hand durch verschiedene Wirtschaftszyklen steuert, ist ein unschätzbarer Wert und ein klares Zeichen für einen erstklassigen „Kandidaten“ für Ihr Portfolio.

Wann ist der beste Zeitpunkt, um Qualitätsaktien aus der Chemie- oder Autobranche zu kaufen?

Selbst den besten Kandidaten stellt man nicht zu jedem beliebigen Gehalt ein. Bei zyklischen Branchen wie der Chemie- oder Automobilindustrie ist das Timing entscheidend. Diese Sektoren bewegen sich in ausgeprägten Wellen, angetrieben von der globalen Konjunktur, Rohstoffpreisen oder technologischen Umbrüchen. Hier als antizyklischer Investor zu agieren – also dann zu kaufen, wenn die Stimmung am Boden ist – erfordert Mut und die richtigen Indikatoren.

Ein klassisches, aber wirkungsvolles Werkzeug für den deutschen Markt ist der ifo-Geschäftsklimaindex. Historisch gesehen markierten Tiefpunkte dieses Index oft exzellente Einstiegszeitpunkte für DAX-Aktien. Wenn die Erwartungen der Unternehmen am pessimistischsten sind, ist der Markt oft bereits überverkauft. Für branchenspezifische Signale müssen Sie tiefer graben. In der Chemieindustrie korreliert die Profitabilität stark mit den Energiepreisen; eine Stabilisierung oder ein Rückgang der Gaspreise kann ein Frühindikator für eine Erholung sein. In der Automobilbranche sind die enormen Investitionszyklen in neue Elektro-Plattformen entscheidend. Ein Kaufzeitpunkt könnte sein, wenn die hohen Ausgaben getätigt sind und die neuen Modelle beginnen, Skaleneffekte zu erzielen.

Diese Marktzyklen sind keine zufälligen Schwankungen, sondern das Ergebnis fundamentaler wirtschaftlicher Kräfte. Sie zu verstehen, ist der Schlüssel zum erfolgreichen Timing.

Abstrakte Darstellung von Marktzyklen mit Wellenformen und Zeitindikatoren

Wie das Bild andeutet, folgt der Markt einem Rhythmus aus Tälern, Anstiegen und Gipfeln. Ihre Aufgabe als Headhunter ist es, nicht auf dem Gipfel zu rekrutieren, sondern im Tal, wenn exzellente Kandidaten (Unternehmen) aus kurzfristiger Panik heraus zu günstig bewertet werden. Achten Sie auch auf die Forderungen der Gewerkschaften wie der IG Metall. Hohe Lohnforderungen signalisieren oft das Ende eines Aufschwungs, während eine Phase der Zurückhaltung auf eine bevorstehende Erholung hindeuten kann. Dies sind die subtilen Signale, die den Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem herausragenden Investment ausmachen.

Wie erkennen Sie, ob ein Unternehmen einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil hat?

Ein dauerhafter Wettbewerbsvorteil, auch „Burggraben“ (Moat) genannt, ist das, was ein gutes Unternehmen von einem exzellenten Investment trennt. Es ist die uneinnehmbare Festung, die Konkurrenten fernhält und dem Unternehmen erlaubt, über Jahre hinweg hohe Renditen zu erwirtschaften. Ein starker Markenname allein reicht nicht aus; der Burggraben muss in der Struktur des Geschäftsmodells verankert sein. Im deutschen Aktienmarkt gibt es verschiedene Arten von starken Burggräben.

Die vier häufigsten Typen sind:

  • Hohe Wechselkosten: Der Kunde ist quasi im Ökosystem des Unternehmens gefangen. Ein Wechsel wäre zu teuer, zu kompliziert oder zu riskant.
  • Netzwerkeffekte: Der Wert des Produkts oder der Dienstleistung steigt mit der Anzahl der Nutzer.
  • Immaterielle Vermögenswerte: Dazu gehören Patente, Lizenzen oder eine extrem starke Marke, die eine hohe Preisgestaltung erlaubt (Preissetzungsmacht).
  • Kostenvorteile: Das Unternehmen kann aufgrund von Skaleneffekten, überlegenen Prozessen oder exklusivem Zugang zu Ressourcen günstiger produzieren als jeder andere.

Die Identifizierung dieser Vorteile ist der Kern der Charakterprüfung. Eine rein quantitative Kennzahl kann hier einen starken Hinweis geben. Wie Finanzanalyse-Experten im finanzen.net DAX-Ratgeber betonen:

Ein konstant hoher ROCE (>15%) ist der beste quantitative Beweis für einen existierenden, starken Wettbewerbsvorteil eines DAX-Unternehmens

– Finanzanalyse-Experten, finanzen.net DAX-Ratgeber

Der „Return on Capital Employed“ (ROCE) misst, wie effizient ein Unternehmen sein gesamtes Kapital einsetzt, um Gewinne zu erzielen. Ein Wert von über 15% über viele Jahre hinweg ist ein klares Indiz dafür, dass das Unternehmen einen strukturellen Vorteil besitzt, den die Konkurrenz nicht einfach kopieren kann.

Die folgende Tabelle zeigt Beispiele für unterschiedliche Burggräben bei bekannten DAX-Unternehmen und hilft Ihnen, diese abstrakten Konzepte in der Praxis zu erkennen.

DAX-Unternehmen: Burggraben-Analyse im Vergleich
Unternehmen Burggraben-Typ Stärke Beispiel
SAP Hohe Wechselkosten Sehr stark B2B-Software-Integration
Deutsche Post DHL Netzwerk-Effekt Stark Globales Logistiknetzwerk
Merck KGaA Patent-Portfolio Mittel-stark Pharma-Patente
BMW Marken-Stärke Stark Premium-Positionierung

Wann ist ein Kursrutsch kein Einstiegssignal, sondern der Beginn des Abstiegs?

Dies ist die entscheidende Frage im Rekrutierungsprozess, die einen klugen Investor von einem Spieler unterscheidet. Ein fallender Kurs kann eine Einladung sein, ein Qualitätsunternehmen günstiger zu bekommen, oder das erste Symptom einer tödlichen Krankheit. Ein Unternehmen, das nur billig ist, aber fundamentale Mängel aufweist, ist eine „Wertfalle“ (Value Trap) – ein Kandidat, der im Vorstellungsgespräch blendet, aber im Job versagt. Die Unterscheidung gelingt, indem man die Art des Problems analysiert: Handelt es sich um ein operatives, temporäres Problem oder ein strukturelles, permanentes Problem?

Ein klassisches Beispiel ist der Vergleich zwischen Volkswagen nach dem „Dieselgate“-Skandal 2015 und dem Fall Wirecard. Bei Volkswagen handelte es sich um einen massiven, aber letztlich operativen Skandal. Das Kerngeschäft – die Fähigkeit, weltweit Autos zu entwickeln, zu bauen und zu verkaufen – war intakt. Der Burggraben (Marken, Produktions-Know-how, Händlernetz) war beschädigt, aber nicht zerstört. Für mutige Anleger war der Kurseinbruch eine Chance. Bei Wirecard hingegen waren die Probleme strukturell und existenziell. Das gesamte Geschäftsmodell basierte auf Betrug, die Bilanzen waren gefälscht, und das Management war kriminell. Hier war der Kursrutsch kein Einstiegssignal, sondern der Anfang vom Totalverlust.

Um solche Wertfallen zu vermeiden, benötigen Sie eine systematische Checkliste für den „Background-Check“ eines angeschlagenen Unternehmens. Diese prüft auf rote Flaggen, die auf tieferliegende, strukturelle Probleme hindeuten.

Ihre Checkliste zur Identifizierung von Wertfallen bei DAX-Aktien

  1. Verschuldungsanalyse: Prüfen Sie, ob die Verschuldung steigt, nur um die Dividende aufrechtzuerhalten. Dies ist ein klares Warnsignal für eine schwache Cash-Generierung.
  2. Management-Fluktuation: Analysieren Sie die Fluktuation im Vorstand über die letzten zwei Jahre. Häufige und unerklärte Wechsel an der Spitze deuten auf interne Konflikte oder verdeckte Probleme hin.
  3. Marktanteilsverluste: Dokumentieren Sie, ob das Unternehmen über drei oder mehr Quartale hinweg kontinuierlich Marktanteile verliert. Dies deutet auf einen schwindenden Wettbewerbsvorteil hin.
  4. F&E-Ausgaben: Bewerten Sie die Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Verhältnis zum Umsatz. Drastische Kürzungen können die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit gefährden.
  5. Bilanzprüfung: Beobachten Sie die Entwicklung des Goodwills in der Bilanz. Ein schnell steigender Goodwill durch überteuerte Zukäufe oder dessen plötzliche Abschreibung kann ein Warnsignal sein.

Wenn ein Unternehmen bei mehreren dieser Punkte negativ abschneidet, ist höchste Vorsicht geboten. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es sich um eine Wertfalle handelt, bei der der niedrige Preis die hohen Risiken nicht rechtfertigt. Ein guter Headhunter lehnt einen solchen Kandidaten ab, egal wie günstig er scheint.

Warum sollten Sie unterbewertete Qualitätsaktien fast nie wieder verkaufen?

Der anspruchsvolle Rekrutierungsprozess hat ein klares Ziel: einen „Mitarbeiter“ für Ihr Portfolio zu finden, der über Jahrzehnte hinweg verlässlich Wert schafft. Einen solchen A-Player entlässt man nicht nach dem ersten erfolgreichen Projekt. Die größte Belohnung bei der Investition in Qualitätsunternehmen liegt im Zinseszinseffekt, der sich über lange Zeiträume entfaltet. Kurzfristige Gewinnmitnahmen sind oft der größte Fehler, denn sie berauben Sie der langfristigen, exponentiellen Wertsteigerung.

Die Geschichte des DAX belegt dies eindrucksvoll. Auch wenn der Index von Krisen wie der Dotcom-Blase, der Finanzkrise oder der Pandemie heimgesucht wurde, hat sich eine Buy-and-Hold-Strategie stets ausgezahlt. Anleger, die beispielsweise nach der Finanzkrise Ende 2008 in den DAX investierten und ihre Anteile einfach hielten, konnten sich über eine enorme Wertentwicklung freuen. So erzielten DAX-Anleger bei einem Einstieg Ende 2008 im Mittel 11,6% jährliche Rendite bis heute. Studien zeigen, dass mit reinvestierten Dividenden die Gesamtrendite seit 2008 bei über 386% lag. Dies zeigt die enorme Kraft des langfristigen Haltens von Qualitätswerten.

Der wahre Wert eines Qualitätsunternehmens entfaltet sich über Jahre und Jahrzehnte, ähnlich wie die Jahresringe eines Baumes, die von stetigem, organischem Wachstum zeugen.

Symbolische Darstellung von langfristigem Wachstum durch organische Strukturen

Jeder „Jahresring“ – jedes Geschäftsjahr – fügt dem inneren Wert des Unternehmens eine neue Schicht hinzu. Die Dividenden sind dabei wie die Früchte, die der Baum abwirft, während der Stamm – das Unternehmen selbst – immer stärker und widerstandsfähiger wird. Der Verkauf einer solchen Aktie bedeutet, diesen Baum zu fällen, nur um das Holz für ein kleines Lagerfeuer zu nutzen. Der einzig legitime Grund für einen Verkauf ist, wenn sich die fundamentale Story des Unternehmens ändert – wenn also der Burggraben erodiert, das Management versagt oder das Geschäftsmodell obsolet wird. Solange der „Charakter“ des Unternehmens intakt ist, gibt es keinen Grund, sich von einem Gewinner zu trennen.

Warum ist „Home Bias“ (nur DAX-Aktien) gefährlich für Ihr Vermögen?

Ein guter Headhunter würde niemals nur in seiner Heimatstadt nach Talenten suchen. Er weiß, dass die besten Kandidaten weltweit zu finden sind. Viele deutsche Anleger machen jedoch genau diesen Fehler: Sie leiden unter dem sogenannten „Home Bias“ und investieren fast ausschließlich in Aktien, die sie kennen, also vor allem in den DAX. Diese übermäßige Konzentration auf den Heimatmarkt ist aus zwei Gründen gefährlich: Sie erhöht das Risiko und reduziert die potenzielle Rendite.

Der deutsche Aktienmarkt macht nur einen kleinen Bruchteil der globalen Marktkapitalisierung aus. Wer nur in den DAX investiert, setzt sein gesamtes Vermögen auf die wirtschaftliche Entwicklung eines einzigen Landes und einiger weniger Branchen (Automobil, Chemie, Industrie). Eine spezifische Krise in Deutschland oder ein Abschwung in diesen Sektoren kann das gesamte Portfolio hart treffen. Ironischerweise ist der DAX selbst längst in internationaler Hand: Aktuelle Daten zeigen, dass nur noch gut ein Drittel der 40 deutschen DAX-Titel von heimischen Anlegern gehalten werden. Internationale Investoren diversifizieren global – deutsche Anleger sollten es ihnen gleichtun.

Der zweite Grund ist die verpasste Rendite. Während der DAX solide Unternehmen beheimatet, haben andere Märkte, insbesondere die USA mit ihrem dominanten Technologiesektor, in den letzten zehn Jahren eine deutlich höhere Performance erzielt. Eine globale Streuung hätte das Portfolio nicht nur sicherer, sondern auch profitabler gemacht.

Die folgende Tabelle vergleicht die Performance und Diversifikation des DAX mit globalen und US-amerikanischen Indizes und macht das Problem des Home Bias schmerzlich deutlich.

DAX vs. MSCI World Performance-Vergleich
Index 10-Jahres-Rendite p.a. Diversifikation Länder
DAX 5,4% 40 Aktien 1 (Deutschland)
MSCI World 11,1% ~1.600 Aktien 23 Industrieländer
S&P 500 13,9% 500 Aktien 1 (USA)

Die Zahlen sprechen für sich. Ein Portfolio, das nur auf den DAX setzt, ist ein Klumpenrisiko. Ein kluger Investor rekrutiert die besten Unternehmen, egal wo auf der Welt sie ihren Hauptsitz haben.

Was unterscheidet den Preis einer Aktie von ihrem Wert?

Dies ist die vielleicht wichtigste Lektion für jeden Investor und das Herzstück der Value-Philosophie. Preis und Wert sind zwei völlig unterschiedliche Konzepte. Der Preis ist das, was Sie heute an der Börse für eine Aktie bezahlen. Er wird kurzfristig von Emotionen, Nachrichten und Herdenverhalten bestimmt – von Gier und Panik. Der Wert hingegen ist der wahre, innere, ökonomische Wert des Unternehmens. Er leitet sich aus den zukünftigen, abgezinsten Cashflows ab, die das Unternehmen für seine Eigentümer erwirtschaften kann.

Eine hervorragende Analogie aus dem XTB-Bildungsmaterial hilft, diesen Unterschied zu verstehen: Stellen Sie sich den Immobilienmarkt vor. Der Preis einer Wohnung in München kann kurzfristig durch eine Zinsänderung, eine Panikwelle oder einen Hype stark schwanken. Ihr innerer Wert wird jedoch langfristig durch die erzielbaren Mieteinnahmen bestimmt. Ein kluger Investor kauft die Wohnung, wenn der Preis aufgrund einer kurzfristigen Panik unter den langfristig erzielbaren Mieteinnahmen liegt.

Genau dasselbe Prinzip gilt für Aktien. Der Markt ist manisch-depressiv und bietet Ihnen täglich neue Preise an. Ihre Aufgabe ist es, diese Angebote zu ignorieren und sich auf die Berechnung oder Schätzung des inneren Wertes zu konzentrieren. Sie kaufen nur dann, wenn der Markt Ihnen einen Preis anbietet, der deutlich unter Ihrem geschätzten Wert liegt. Diese Differenz ist Ihre „Sicherheitsmarge“ (Margin of Safety).

Ein gutes Beispiel für diese Diskrepanz ist die Aktie von Infineon. In den letzten zehn Jahren schwankte der Preis der Aktie extrem – zwischen 5 und 50 Euro. Der fundamentale Wert, gemessen am Buchwert pro Aktie, stieg währenddessen stetig von etwa 8 auf 20 Euro. Die emotionalen Preisschwankungen des Marktes hatten oft wenig mit der soliden, kontinuierlichen Wertentwicklung des Unternehmens zu tun. Ein Value-Investor nutzt diese irrationalen Tiefs, um Anteile an einem wachsenden Unternehmen weit unter ihrem fairen Wert zu erwerben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Qualität vor Preis: Der erste Filter ist immer die strukturelle Güte des Unternehmens (Bilanz, Burggraben), nicht sein aktueller Börsenkurs.
  • Ein Kursrutsch ist eine Prüfung, keine Einladung: Nutzen Sie Checklisten, um zwischen einem temporären Problem und einer strukturellen Wertfalle zu unterscheiden.
  • Geduld ist der größte Hebel: Echte Wertentwicklung entsteht durch den Zinseszinseffekt über viele Jahre. Verkaufen Sie Qualitätsaktien nur, wenn sich die Fundamentaldaten verschlechtern.

Welche 3 fundamentalen Kennzahlen müssen Sie prüfen, bevor Sie eine deutsche Aktie kaufen?

Am Ende des Rekrutierungsprozesses steht der finale, harte Faktencheck. Bevor Sie einem Unternehmen Ihr Kapital anvertrauen, müssen Sie dessen „Zeugnisse“ prüfen. Drei fundamentale Kennzahlen sind dabei für die Bewertung von deutschen Aktien unerlässlich. Sie geben einen schnellen, aber tiefen Einblick in die Stabilität, Profitabilität und Effizienz eines Kandidaten. Wenn ein Unternehmen hier durchfällt, ist das Gespräch beendet.

Die erste und wichtigste Kennzahl ist die bereits erwähnte Eigenkapitalquote. Als Zielgröße sollten Sie mindestens 30% anstreben, besonders bei zyklischen Industrieunternehmen. Sie ist der ultimative Krisenpuffer und ein Zeichen für finanzielle Unabhängigkeit. Ein Unternehmen mit hoher Eigenkapitalquote muss in einer Krise nicht als Bittsteller bei den Banken auftreten.

Die zweite Kennzahl ist die Free-Cash-Flow-Marge. Der Free Cash Flow (FCF) ist das Geld, das nach Abzug aller operativen Ausgaben und Investitionen übrig bleibt. Er ist die „ehrlichste“ Kennzahl der Profitabilität, da er viel schwerer zu manipulieren ist als der Nettogewinn, der durch bilanzielle Tricks geschönt werden kann. Eine hohe und stabile FCF-Marge zeigt, dass das Geschäftsmodell tatsächlich Barmittel generiert, die für Dividenden, Aktienrückkäufe oder strategische Zukäufe verwendet werden können.

Die dritte kritische Kennzahl ist der Return on Capital Employed (ROCE). Wie bereits erwähnt, ist ein Wert von konstant über 15% der quantitative Beweis für einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil. Er zeigt, dass das Management in der Lage ist, das ihm anvertraute Kapital hochprofitabel zu investieren. Viele Anleger fokussieren sich auf die Dividendenrendite, die je nach Unternehmen im DAX erheblich schwankt und laut Statista durchschnittlich zwischen 2-5% liegt. Doch eine hohe Dividende, die nicht durch einen starken Cashflow und einen hohen ROCE gedeckt ist, ist nicht nachhaltig. Der ROCE ist der bessere Indikator für die wahre Ertragskraft.

Diese drei Kennzahlen bilden das Fundament Ihrer finalen Kaufentscheidung. Beherrschen Sie die Anwendung dieser drei kritischen Metriken, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

Beginnen Sie jetzt damit, Ihren Rekrutierungsprozess zu schärfen. Analysieren Sie Kandidaten systematisch nach diesen Kriterien und treffen Sie fundierte Entscheidungen, um nur noch die besten und widerstandsfähigsten Unternehmen für Ihr Portfolio auszuwählen.

Geschrieben von Dr. Thomas Richter, Senior Equity Analyst (CFA) und Experte für fundamentale Unternehmensbewertung mit über 18 Jahren Erfahrung am Finanzplatz Frankfurt. Spezialisiert auf Value-Investing, Bilanzanalyse deutscher Mittelständler (DAX/SDAX) und die Identifikation von Qualitätsaktien.