Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Der Schlüssel zum Anlageerfolg ist nicht eine magische Jahreszahl, sondern die Fähigkeit, Marktschwankungen aussitzen zu können, ohne zum Verkauf gezwungen zu sein.

  • Historische Daten zeigen, dass das Verlustrisiko bei Aktienanlagen erst nach einem Zeitraum von über 15 Jahren statistisch gegen null tendiert.
  • Für kurz- bis mittelfristige Ziele (unter 5 Jahren) ist das Risiko eines temporären Verlustes signifikant, was Aktien ungeeignet macht.

Empfehlung: Legen Sie Geld, das Sie in den nächsten 3-5 Jahren benötigen, nicht in Aktien an. Prüfen Sie stattdessen sicherere Alternativen wie Festgeld oder Geldmarkt-ETFs, um einen erzwungenen Verkauf zu ungünstigen Zeitpunkten zu vermeiden.

Sie möchten für drei, vielleicht fünf Jahre Geld anlegen und stehen vor einem klassischen Dilemma. Finanzratgeber betonen unisono die hohe Rendite von Aktien, warnen aber im selben Atemzug, dass diese nur für „langfristige“ Anlagen geeignet sind. Doch was bedeutet „langfristig“ konkret? Reichen fünf Jahre aus, oder folgen Sie besser der oft zitierten 15-Jahres-Regel? Diese pauschalen Ratschläge lassen Anleger wie Sie mit der entscheidenden Frage allein: Ist mein Geld am Aktienmarkt für meinen spezifischen Zeitraum sicher?

Die Unsicherheit ist berechtigt, denn der Erfolg einer Aktienanlage hängt weniger von der exakten Jahreszahl ab als von einem Faktor, der oft übersehen wird: der Volatilität und dem Risiko eines erzwungenen Verkaufs. Anstatt sich an starre Regeln zu klammern, ist ein datenbasierter Blick auf die Wahrscheinlichkeiten entscheidend. Wie hoch ist das statistische Risiko, nach drei, fünf oder zehn Jahren mit einem Verlust dazustehen? Die Antwort liegt nicht in einer Meinung, sondern in der Analyse historischer Marktdaten.

Dieser Artikel bricht mit den pauschalen Empfehlungen. Wir werden das Verlustrisiko für verschiedene Anlagehorizonte auf Basis von Fakten quantifizieren. Wir analysieren, warum die ersten Jahre des Sparens die größte Hebelwirkung haben, wie ein langer Horizont die Kursschwankungen des DAX glättet und welche Strategien wirklich sinnvoll sind, wenn Sie Ihr Kapital kurz vor dem Ruhestand schützen oder für kurzfristige Ziele sicher anlegen möchten. Das Ziel ist es, Ihnen eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu geben, die auf statistischer Realität basiert, nicht auf vagen Faustregeln.

Für alle, die einen schnellen Überblick bevorzugen, fasst das folgende Video die Überlegungen zur Auswahl eines langfristig geeigneten ETFs zusammen und ergänzt damit die hier vorgestellten Analysen zum Anlagehorizont.

Um die komplexen Zusammenhänge zwischen Zeit, Risiko und Rendite strukturiert zu beleuchten, führt dieser Artikel Sie durch die entscheidenden Aspekte. Das Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen einen Überblick über die datengestützten Analysen und praktischen Strategien, die wir behandeln werden.

Warum sind die Jahre 20 bis 30 beim Sparen die wichtigsten für Ihr Endvermögen?

Der vielleicht mächtigste Verbündete eines Anlegers ist nicht die Höhe der Sparrate, sondern die Zeit. Dies liegt am Zinseszinseffekt, den Albert Einstein einst als das achte Weltwunder bezeichnete. Er beschreibt das exponentielle Wachstum, das entsteht, wenn nicht nur das ursprünglich angelegte Kapital, sondern auch die darauf bereits erwirtschafteten Zinsen (oder Renditen) erneut verzinst werden. Die ersten Jahre des Vermögensaufbaus haben dabei eine überproportional große Auswirkung auf das Endkapital, da das Geld die längste Zeit hat, für Sie zu arbeiten.

Ein einfaches Rechenbeispiel verdeutlicht die immense Hebelwirkung eines frühen Starts. Wie eine Analyse zeigt, ist der Unterschied im Endvermögen gewaltig, je nachdem, ob man mit 20 oder erst mit 30 Jahren beginnt zu investieren. Wer mit 20 Jahren anfängt, monatlich 150 € bei einer angenommenen Rendite von 7 % pro Jahr zu sparen, kann mit 65 Jahren ein Vermögen von über 500.000 € erreichen. Beginnt dieselbe Person nur zehn Jahre später mit 30, halbiert sich das Endvermögen auf rund 250.000 €. Diese verlorene Dekade lässt sich später nur durch drastisch höhere Sparraten kompensieren.

Die folgende Tabelle visualisiert diesen Effekt und zeigt, wie stark das Endvermögen mit jedem Jahr des Aufschubs schrumpft. Der größte Sprung findet genau in den entscheidenden Jahren zwischen 20 und 30 statt.

Vergleich: Sparbeginn mit 20 vs. 30 Jahren
Startpunkt Monatliche Sparrate Endvermögen (65 Jahre) Differenz
20 Jahre 150€ 520.000€ Basis
25 Jahre 150€ 360.000€ -160.000€
30 Jahre 150€ 245.000€ -275.000€

Diese Zahlen belegen eindrücklich: Die finanzielle Disziplin in jungen Jahren legt den Grundstein für die finanzielle Freiheit im Alter. Jedes Jahr, in dem Kapital investiert ist und Renditen erwirtschaftet, potenziert den Zinseszinseffekt und macht den Faktor Zeit zur wichtigsten Ressource beim Vermögensaufbau.

Wie glättet ein langer Anlagehorizont die Schwankungen des DAX?

Der Aktienmarkt ist bekannt für seine Volatilität. Kurzfristig können die Kurse stark schwanken, was bei Anlegern mit kurzem Horizont zu Nervosität und potenziellen Verlusten führen kann. Ein langer Anlagehorizont wirkt jedoch wie ein Stoßdämpfer: Er glättet diese kurzfristigen Schwankungen und lässt den langfristigen Aufwärtstrend des Marktes zur Geltung kommen. Ein Blick auf historische Daten des Deutschen Aktienindex (DAX) macht dieses Prinzip deutlich.

Obwohl es immer wieder zu Krisen und Korrekturen kam, zeigt die langfristige Entwicklung eine klare Richtung: aufwärts. Seit seinem Start Ende 1987 hat sich der DAX von 1.000 Punkten auf über 18.000 Punkte entwickelt. Laut Daten der Verbraucherzentrale entspricht dies einer jährlichen Wertentwicklung von durchschnittlich 8,7 Prozent. Diese Durchschnittsrendite wird jedoch selten in einem einzelnen Jahr erreicht. Vielmehr setzt sie sich aus sehr guten und sehr schlechten Jahren zusammen. Je länger der Anlagezeitraum, desto stärker nähert sich die persönliche Rendite diesem historischen Mittelwert an.

Die Visualisierung eines sogenannten „Renditedreiecks“ für den DAX zeigt dieses Phänomen eindrucksvoll. Es stellt die durchschnittlichen jährlichen Renditen für alle denkbaren Kauf- und Verkaufszeitpunkte dar. Dabei wird ersichtlich, dass bei einem Anlagehorizont von nur einem Jahr die Spanne zwischen Gewinn und Verlust extrem groß ist. Hält man die Aktien jedoch 10, 15 oder mehr Jahre, verschwinden die Verlustperioden in der Vergangenheit vollständig. Die Zeit reduziert das Risiko also erheblich.

Visualisierung der DAX-Renditen über verschiedene Anlagezeiträume, die zeigt, wie sich Schwankungen über die Zeit glätten

Dieses statistische Prinzip ist die Grundlage der „Buy-and-Hold“-Strategie. Anstatt zu versuchen, den Markt zu timen, bleiben Anleger investiert und partizipieren am langfristigen Wachstum der Wirtschaft. Der folgende Plan fasst die wichtigsten Schritte zusammen, um von diesem Glättungseffekt zu profitieren.

Ihr Aktionsplan zur Risikominimierung durch Zeit

  1. Mindestens 10-15 Jahre einplanen: Legen Sie nur Geld in Aktien an, auf das Sie langfristig verzichten können, um Marktschwankungen aussitzen zu können.
  2. „Buy-and-Hold“-Strategie verfolgen: Vermeiden Sie panische Verkäufe bei Marktkrisen. Disziplin ist der Schlüssel zum Erfolg.
  3. Durchschnittsrendite anstreben: Akzeptieren Sie, dass Ihre Rendite um den Marktdurchschnitt pendeln wird. Je länger Sie investiert sind, desto wahrscheinlicher erreichen Sie diesen.
  4. Regelmäßige Sparpläne nutzen: Investieren Sie monatlich einen festen Betrag, um vom Durchschnittskosteneffekt zu profitieren und Market Timing zu vermeiden.
  5. Dividenden reinvestieren: Lassen Sie Ausschüttungen automatisch wieder anlegen, um den Zinseszinseffekt maximal zu beschleunigen.

Tagesgeld oder Festgeld: Was tun mit Geld, das Sie in 2 Jahren brauchen?

Die Frage, was man mit Geld tun soll, das in einem kurzen Zeitraum von zwei oder drei Jahren wieder benötigt wird, stellt Anleger vor eine Herausforderung. Während Aktien langfristig hohe Renditen versprechen, ist ihr Risiko auf kurze Sicht einfach zu hoch. Ein plötzlicher Markteinbruch könnte genau dann eintreten, wenn Sie das Kapital benötigen, und Sie zu einem Verkauf mit Verlust zwingen. Für einen so kurzen Anlagehorizont stehen daher Kapitalerhalt und Verfügbarkeit im Vordergrund, nicht die Maximierung der Rendite.

Klassische Optionen sind hier Tagesgeld und Festgeld. Tagesgeld bietet maximale Flexibilität, da Sie täglich auf Ihr Geld zugreifen können. Die Zinsen sind jedoch variabel und oft niedriger als bei anderen Anlageformen. In Zeiten hoher Inflation, wie von der Sparkasse gewarnt, kann dies zu einem realen Wertverlust führen, da die Kaufkraft des Geldes trotz Zinsen abnimmt. Festgeld bietet in der Regel etwas höhere und vor allem garantierte Zinsen für eine feste Laufzeit, zum Beispiel zwei Jahre. Der Nachteil ist die fehlende Flexibilität: Das Geld ist bis zum Ende der Laufzeit gebunden.

Eine moderne und zunehmend beliebte Alternative sind Geldmarkt-ETFs. Diese investieren in sehr kurzlaufende Anleihen oder Einlagen mit höchster Bonität und gelten als sehr risikoarm. Ihre Rendite orientiert sich eng am aktuellen Zinsniveau der Europäischen Zentralbank (EZB) und kann oft die von Tagesgeldkonten übertreffen. Da sie börsentäglich gehandelt werden, bieten sie eine hohe Flexibilität, die fast an die von Tagesgeld heranreicht.

Die folgende Tabelle vergleicht die drei Optionen anhand ihrer wichtigsten Merkmale, um Ihnen die Entscheidung für Ihren kurzfristigen Anlagebedarf zu erleichtern.

Tagesgeld vs. Festgeld vs. Geldmarkt-ETF für kurze Laufzeiten
Anlageform Typische Rendite Flexibilität Risiko
Tagesgeld 2-3% p.a. Täglich verfügbar Sehr gering
Festgeld (2 Jahre) 3-4% p.a. Fest gebunden Sehr gering
Geldmarkt-ETF 3,5-4,5% p.a. Börsentäglich handelbar Gering

Für einen Anlagehorizont von zwei Jahren sind Aktien also klar die falsche Wahl. Die Entscheidung zwischen Tagesgeld, Festgeld und Geldmarkt-ETFs hängt von Ihrem persönlichen Bedarf an Flexibilität und Ihrer Risikotoleranz ab, wobei Geldmarkt-ETFs oft einen attraktiven Kompromiss aus Rendite und Verfügbarkeit darstellen.

Der Fehler, langfristiges Kapital für einen Notfall auflösen zu müssen

Der größte Feind des langfristigen Vermögensaufbaus ist nicht der Börsencrash, sondern der erzwungene Verkauf zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Viele Anleger machen den Fehler, ihr gesamtes verfügbare Kapital in langfristige Anlagen wie Aktien-ETFs zu stecken, ohne einen Puffer für unvorhergesehene Ausgaben zurückzuhalten. Wenn dann die Waschmaschine kaputtgeht, eine teure Autoreparatur anfällt oder es zu einem Jobverlust kommt, müssen sie Teile ihres Depots auflösen – möglicherweise mitten in einer Börsenkrise.

Ein solcher Notverkauf ist aus mehreren Gründen verheerend. Erstens realisieren Sie Verluste, die bei längerem Halten nur temporär gewesen wären. Zweitens müssen auf eventuell realisierte Gewinne Steuern gezahlt werden (in Deutschland die Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer von ca. 26,4 %). Dieses Geld fehlt fortan im Depot. Drittens, und das ist der größte Schaden, wird der Zinseszinseffekt auf das entnommene Kapital unwiderruflich zerstört. Sie verlieren nicht nur das Geld, sondern auch dessen zukünftiges Wachstumspotenzial.

Fallstudie: Die Kosten eines Notverkaufs

Ein Anleger investierte 20.000 € in einen ETF. Nach fünf Jahren ist sein Depot auf 28.000 € gewachsen. Aufgrund eines finanziellen Engpasses muss er es nun verkaufen. Von den 8.000 € Gewinn muss er rund 2.110 € Steuern zahlen. Viel schlimmer ist jedoch, dass diese 28.000 € über die nächsten 20 Jahre bei 7 % Rendite auf fast 110.000 € hätten anwachsen können. Der Notverkauf kostet ihn also nicht nur 2.110 € Steuern, sondern fast 80.000 € an zukünftigem Vermögen.

Die Lösung für dieses Problem ist die konsequente Einrichtung eines Notgroschens. Dies ist eine eiserne Reserve auf einem jederzeit verfügbaren Konto (z. B. Tagesgeld), die ausschließlich für echte Notfälle gedacht ist. Die Höhe des Notgroschens hängt von der persönlichen Lebenssituation ab:

  • Angestellte (unbefristet): 3 Netto-Monatsgehälter
  • Angestellte (befristet): 4-6 Netto-Monatsgehälter
  • Freiberufler/Selbständige: 6-9 Monatsgehälter

Dieser Puffer gibt Ihnen die finanzielle und emotionale Sicherheit, Marktschwankungen bei Ihren langfristigen Anlagen einfach auszusitzen. Er ist die Versicherungspolice für Ihre Anlagestrategie.

Wie sollten Sie Ihren Anlagehorizont kurz vor der Rente anpassen?

Wenn der Ruhestand näher rückt, ändern sich die Prioritäten eines Anlegers fundamental. Während in der Ansparphase das Ziel die Maximierung des Wachstums war, steht in der Entnahmephase die Sicherung des Kapitals und die Generierung eines stabilen Einkommens im Vordergrund. Den gesamten über Jahrzehnte aufgebauten Vermögensstock bis zum Renteneintritt in hochvolatilen Anlagen wie Aktien zu belassen, wäre extrem riskant. Ein Börsencrash kurz vor oder zu Beginn des Ruhestands könnte das Vermögen drastisch reduzieren und die gesamte Ruhestandsplanung gefährden.

Finanzexperten empfehlen daher, den Anlagehorizont strategisch anzupassen und das Risiko schrittweise zu reduzieren. Ein bewährtes Konzept hierfür ist die Umschichtung von Aktien in risikoärmere Anlageklassen wie Anleihen. Wie der Finanzexperte Scholz im finanz-heldinnen Magazin warnt: „Der über die Jahre aufgebaute Renditevorteil könnte sonst mit einem einzigen Kursrutsch verspielt sein.“

Der über die Jahre aufgebaute Renditevorteil könnte sonst mit einem einzigen Kursrutsch verspielt sein.

– Finanzexperte Scholz, finanz-heldinnen Magazin

Ein guter Zeitpunkt für den Beginn dieser Umschichtung ist etwa fünf bis zehn Jahre vor dem geplanten Renteneintritt. Eine populäre Methode zur Strukturierung dieses Prozesses ist das sogenannte „3-Töpfe-Modell“.

Visualisierung der 3-Topf-Strategie für die Rente, symbolisiert durch drei Töpfe, die Sicherheit, Ausgleich und Wachstum repräsentieren

Das Vermögen wird dabei auf drei Töpfe mit unterschiedlichem Risiko aufgeteilt:

  • Topf 1 (Sicherheit): Kapital für die ersten Jahre des Ruhestands (ca. 3-5 Jahre) in sehr sicheren Anlagen wie Tages- oder Festgeld. Beispiel: Bei 500.000 € Gesamtvermögen könnten hier 50.000 € liegen.
  • Topf 2 (Ausgleich): Kapital für die mittlere Frist (ca. 5-10 Jahre) in risikoärmeren, aber renditestärkeren Anlagen wie hochwertigen Anleihen-ETFs. Beispiel: 150.000 €.
  • Topf 3 (Wachstum): Das restliche Kapital, das erst in 10+ Jahren benötigt wird, verbleibt in wachstumsorientierten Aktien-ETFs, um weiterhin von langfristigen Marktrenditen zu profitieren. Beispiel: 300.000 €.

Diese schrittweise Risikoreduktion, auch „De-Risking“ genannt, sorgt dafür, dass Sie nicht von kurzfristigen Marktschwankungen abhängig sind, aber dennoch einen Teil Ihres Vermögens wachstumsorientiert investiert lassen, um der Inflation entgegenzuwirken.

Wie lange hat es gedauert, bis sich der MSCI World nach 2008 wieder erholt hat?

Die globale Finanzkrise von 2008 war einer der heftigsten Börsencrashs der jüngeren Geschichte und hat bei vielen Anlegern tiefe Spuren hinterlassen. Der globale Aktienmarkt, gemessen am MSCI World Index, hat damals massiv an Wert verloren. Historische Daten zeigen, dass globale Indizes in solchen Krisen innerhalb weniger Wochen bis zu 50 Prozent ihres Wertes einbüßen können. Diese Ereignisse sind der ultimative Test für die Nerven und die Strategie eines Anlegers. Doch die Geschichte zeigt auch: Märkte erholen sich. Die entscheidende Frage ist nur: wie schnell?

Die Dauer der Erholung hing maßgeblich von der Strategie des Anlegers ab. Betrachten wir zwei Szenarien: Ein Einmal-Investor, der sein Kapital zum Höchststand 2007 investiert hat, und ein Sparplan-Investor, der auch während der Krise monatlich weiter investiert hat. Der Einmal-Investor musste, in Euro gerechnet, bis etwa Mitte 2013 warten, bis sein Depot den Wert von vor der Krise wieder erreicht hatte. Das sind rund sechs lange Jahre des Wartens.

Fallstudie: Sparplan-Investor vs. Einmal-Investor in der Krise 2008

Ein Anleger, der diszipliniert seinen monatlichen Sparplan von 200 € in einen MSCI World ETF auch während des Crashs von 2008 und danach fortführte, erlebte eine völlig andere Realität. Durch seine regelmäßigen Käufe erwarb er bei niedrigen Kursen mehr Anteile (Durchschnittskosteneffekt). Seine Strategie führte dazu, dass sein Depot bereits im Jahr 2010 wieder im Plus notierte. Wie die Geschichte der Märkte belegt, wurden Anleger, die mutig und diszipliniert blieben, belohnt.

Diese historische Episode liefert zwei entscheidende Erkenntnisse. Erstens: Selbst nach einem „Jahrhundertcrash“ erholen sich breit diversifizierte, globale Aktienmärkte wieder. Geduld ist hier der entscheidende Faktor. Zweitens: Eine Strategie des regelmäßigen Investierens (z. B. per ETF-Sparplan) kann die Erholungsphase dramatisch verkürzen und die Rendite langfristig sogar steigern, da man von den niedrigen Kursen in der Krise profitiert. Die Lektion von 2008 ist also nicht, den Markt zu fürchten, sondern ihn mit einer disziplinierten und langfristigen Strategie zu meistern.

Wie bauen Sie eine „Zinstreppe“, um flexibel zu bleiben und Zinsen zu kassieren?

Für Anleger, die regelmäßige und planbare Erträge aus ihrem Kapital ziehen möchten, aber das Schwankungsrisiko eines reinen Aktien-Auszahlplans scheuen, ist die „Zinstreppe“ (auch „Anleihenleiter“ genannt) eine bewährte und elegante Strategie. Das Prinzip ist einfach: Statt das gesamte Kapital in eine einzige Anlage zu stecken, wird es auf mehrere festverzinsliche Anlagen mit unterschiedlichen, gestaffelten Laufzeiten aufgeteilt. Jedes Jahr wird ein Teil des Geldes fällig und kann entweder für den Lebensunterhalt genutzt oder zu den dann aktuellen Zinsen neu angelegt werden.

Traditionell wurde eine Zinstreppe mit einzelnen Anleihen oder Festgeldern gebaut. Eine moderne und einfache Alternative ist der Aufbau mit Anleihen-ETFs unterschiedlicher Laufzeiten. Dies erhöht die Diversifikation und vereinfacht die Umsetzung erheblich. So könnte eine Zinstreppe über 30.000 € aussehen:

  1. Jahr 1: Sie investieren 10.000 € in einen ETF, der in sehr kurzlaufende Staatsanleihen (z. B. 1-3 Jahre Restlaufzeit) investiert.
  2. Jahr 2: Sie investieren weitere 10.000 € in einen ETF mit mittelfristigen Laufzeiten (z. B. 3-5 Jahre).
  3. Jahr 3: Die letzten 10.000 € fließen in einen ETF mit etwas längeren Laufzeiten (z. B. 5-7 Jahre).

Nachdem die erste Tranche fällig wird, wird der Betrag wieder am „langen Ende“ der Treppe investiert, also in den ETF mit 5-7 Jahren Laufzeit. So haben Sie jedes Jahr Zugriff auf einen Teil Ihres Kapitals, profitieren aber gleichzeitig von den im Durchschnitt höheren Zinsen längerer Laufzeiten. In Deutschland ist zudem der Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € (2.000 € für Verheiratete) pro Jahr zu beachten, um Zinserträge steuerfrei zu halten.

Die folgende Tabelle stellt die Zinstreppe einem klassischen ETF-Auszahlplan gegenüber, um die unterschiedlichen Profile der Strategien zu verdeutlichen.

Zinstreppe vs. klassischer ETF-Auszahlplan
Kriterium Zinstreppe ETF-Auszahlplan
Planbarkeit Sehr hoch Mittel
Renditeerwartung 3-4% p.a. 6-8% p.a.
Schwankungsrisiko Gering Mittel-Hoch
Flexibilität Mittel Hoch

Die Zinstreppe ist somit eine ideale Strategie für sicherheitsorientierte Anleger im Ruhestand, die eine hohe Planbarkeit ihrer Einkünfte wünschen und bereit sind, dafür auf die potenziell höheren, aber schwankungsanfälligeren Renditen des Aktienmarktes zu verzichten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Verlustrisiko bei breit gestreuten Aktienanlagen nähert sich statistisch erst nach einem Anlagehorizont von über 15 Jahren dem Nullpunkt.
  • Der größte Anlagefehler ist ein erzwungener Verkauf in einer Verlustphase. Ein ausreichend dimensionierter Notgroschen ist daher die wichtigste Absicherung.
  • Für Anlagehorizonte unter 5 Jahren sind Aktien aufgrund ihrer Volatilität ungeeignet. Sicherere Alternativen wie Festgeld oder Geldmarkt-ETFs sind hier vorzuziehen.

Ist der MSCI World als alleinige Altersvorsorge nach Inflation noch sicher?

Ja, ein ETF auf den MSCI World kann eine sehr sichere und rentable Säule der privaten Altersvorsorge sein, aber mit zwei wichtigen Einschränkungen: Er sollte nicht die alleinige Anlage sein und seine „Sicherheit“ muss immer im Kontext der realen Rendite nach Inflation und Kosten bewertet werden. Der MSCI World investiert in über 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern und bietet damit eine enorme Diversifikation, die das Risiko einzelner Unternehmens- oder Länderpleiten minimiert.

Historisch hat der Index eine nominale Durchschnittsrendite von etwa 9 % pro Jahr erzielt. Doch davon geht noch einiges ab. Zuerst die Inflation, die die Kaufkraft des Geldes mindert. Dann die Kosten für das Investmentprodukt. Wie eine Analyse von JustETF belegt, sind die Kosten für einen MSCI World ETF mit ca. 0,1 bis 0,2 % pro Jahr zwar extrem niedrig, müssen aber dennoch berücksichtigt werden. Nach Abzug einer angenommenen Inflation von 2 % und den ETF-Kosten verbleibt eine reale Rendite von etwa 6-7 % pro Jahr. Dies ist immer noch ein hervorragender Wert, der die meisten anderen Anlageklassen weit übertrifft.

Alternative für noch breitere Streuung: Der FTSE All-World

Ein häufiger Kritikpunkt am MSCI World ist sein alleiniger Fokus auf Industrieländer und der hohe Anteil an US-Aktien. Eine Alternative zur weiteren Risikostreuung ist ein ETF auf den FTSE All-World Index. Dieser Index enthält zusätzlich Unternehmen aus Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien und bildet so rund 90% der weltweiten Marktkapitalisierung ab. Diese noch breitere Diversifikation kann das Portfolio robuster gegenüber regionalen Krisen machen und potenziell die Rendite-Risiko-Struktur weiter optimieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der MSCI World eine exzellente Basis für die Altersvorsorge ist, solange man einen langen Anlagehorizont von mindestens 15 Jahren mitbringt. Er sollte jedoch idealerweise durch andere Anlageklassen (z.B. Anleihen-ETFs im späteren Verlauf oder Immobilien) ergänzt werden, um eine umfassende Diversifikation zu gewährleisten. Die alleinige Konzentration auf einen einzigen Index, auch wenn er so breit ist wie der MSCI World, birgt immer ein Klumpenrisiko, das durch eine durchdachte Gesamtstrategie gemindert werden sollte.

Um diese datengestützten Erkenntnisse für Ihre persönliche Situation anzuwenden, bewerten Sie jetzt Ihren wahren Anlagehorizont und stellen Sie sicher, dass Ihre Anlagestrategie und Ihre Risikovorsorge durch einen Notgroschen exakt darauf abgestimmt sind.

Geschrieben von Sabine Müller, Unabhängige Honorarberaterin (Certified Financial Planner) mit Fokus auf ETFs, Altersvorsorge und passiven Vermögensaufbau. Seit 12 Jahren hilft sie Privatanlegern, provisionsfreie Strategien gegen die Rentenlücke zu entwickeln.