Veröffentlicht am März 15, 2024

Ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) ist kein automatisches Kaufsignal, sondern der Ausgangspunkt für eine tiefgehende Bilanzanalyse nach deutschen HGB-Standards.

  • Die wahre Substanz eines Unternehmens verbirgt sich oft in stillen Reserven, die durch das strenge Niederstwertprinzip des HGB entstehen.
  • Bei Technologie- und Dienstleistungsunternehmen ist das KBV allein wenig aussagekräftig, da immaterielle Werte wie Software oder Marken nicht adäquat bilanziert werden.
  • Eine hohe Verschuldung kann den Vorteil eines niedrigen Buchwerts vollständig zunichtemachen und stellt ein erhebliches Risiko dar.

Empfehlung: Prüfen Sie als Investor stets die Qualität des Eigenkapitals, indem Sie es um Goodwill bereinigen und stille Reserven sowie die Schuldenstruktur analysieren, bevor Sie eine auf dem KBV basierende Entscheidung treffen.

Die Suche nach unterbewerteten Aktien ist für viele zahlenorientierte Anleger der heilige Gral. Oftmals fällt der erste Blick auf gängige Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder die Dividendenrendite. Eine weitere, besonders bei Substanzwert-Investoren beliebte Metrik ist das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Die Logik erscheint simpel: Ein Unternehmen zu einem Preis zu erwerben, der unter seinem in der Bilanz ausgewiesenen Nettovermögen liegt, klingt nach einem sicheren Geschäft. Doch diese oberflächliche Betrachtung ist gerade im Kontext des deutschen Marktes, der stark vom Handelsgesetzbuch (HGB) geprägt ist, trügerisch und kann zu kostspieligen Fehlentscheidungen führen.

Die einfache Formel – Börsenwert geteilt durch Eigenkapital – verschleiert eine komplexe Realität. Was, wenn der ausgewiesene Buchwert die tatsächliche wirtschaftliche Substanz gar nicht widerspiegelt? Was, wenn wertvolle Vermögensgegenstände unterbewertet oder wertlose Positionen überbewertet sind? Die eigentliche Herausforderung und gleichzeitig die größte Chance liegt nicht im Ablesen der Kennzahl, sondern in der kritischen Prüfung des „B“ im KBV. Der wahre Wert einer Aktie erschließt sich erst durch die Fähigkeit, eine Bilanz zu lesen wie ein Wirtschaftsprüfer: mit einem scharfen Blick für das, was zwischen den Zeilen steht.

Doch was, wenn die wahre Kunst der Aktienbewertung nicht darin besteht, die niedrigste Kennzahl zu finden, sondern die höchste Qualität der Bilanzsubstanz zu identifizieren? Dieser Artikel verfolgt genau diesen Ansatz. Wir werden die oberflächliche KBV-Betrachtung hinter uns lassen und uns darauf konzentrieren, die tatsächliche Substanz eines Unternehmens zu verstehen. Es geht darum, die spezifischen Mechanismen des deutschen Bilanzrechts zu nutzen, um stille Reserven aufzudecken, die Fallstricke hoher Verschuldung zu erkennen und das KBV branchenspezifisch korrekt einzuordnen. Sie lernen, wie ein Experte zu denken und den wahren Wert hinter der Fassade einer einfachen Kennzahl zu ermitteln.

Um diese tiefgehende Analyse systematisch anzugehen, gliedert sich dieser Leitfaden in präzise Fragestellungen. Wir werden die einzelnen Bestandteile des Buchwerts sezieren, die Besonderheiten verschiedener Branchen beleuchten und die wichtigsten Kennzahlen für eine fundierte Kaufentscheidung zusammenführen.

Was gehört wirklich zum Substanzwert eines Unternehmens und was ist nur Luft?

Der in der Bilanz ausgewiesene Buchwert (Eigenkapital) ist der Ausgangspunkt, aber selten der Endpunkt einer seriösen Substanzwertanalyse. Als Anleger müssen Sie lernen, zwischen werthaltigen Aktiva und Positionen, die wenig oder keine reale Substanz besitzen, zu unterscheiden. Zu den kritisch zu hinterfragenden Posten gehört insbesondere der Goodwill (Geschäfts- oder Firmenwert). Er entsteht bei Unternehmensübernahmen und repräsentiert den über den reinen Substanzwert der erworbenen Vermögenswerte hinaus gezahlten Kaufpreis. Dieser Wert ist immateriell und kann bei einer Neubewertung schnell an Wert verlieren. Ein hoher Goodwill-Anteil am Eigenkapital ist daher ein Warnsignal.

Auf der anderen Seite existieren oft nicht ausgewiesene Werte: die sogenannten stillen Reserven. Diese entstehen, wenn Vermögensgegenstände in der Bilanz mit einem Wert angesetzt sind, der deutlich unter ihrem tatsächlichen Marktwert liegt. Im deutschen HGB ist dies aufgrund des strengen Anschaffungskosten- und Niederstwertprinzips eher die Regel als die Ausnahme. Immobilien, die vor Jahrzehnten erworben wurden, sind oft nur noch mit einem Bruchteil ihres Verkehrswertes bilanziert. So können sich erhebliche stille Reserven bilden; laut einer Analyse der Bilanzierungspraxis kann eine vor fünf Jahren erworbene Immobilie bereits eine stille Reserve von fast 30.000 € aufweisen. Der wahre Substanzwert, das bereinigte Eigenkapital, ergibt sich somit erst nach Abzug des Goodwills und Hinzurechnung der aufgedeckten stillen Reserven.

Ihr Plan zur Identifizierung stiller Reserven nach HGB

  1. Immobilien prüfen: Vergleichen Sie die bilanzierten Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten von Grundstücken und Gebäuden mit aktuellen Gutachten oder Marktpreisen vergleichbarer Objekte in der Region.
  2. Abgeschriebene Güter analysieren: Suchen Sie im Anlagenverzeichnis nach Wirtschaftsgütern, die bereits vollständig abgeschrieben sind (Erinnerungswert 1 €), aber noch im Betrieb genutzt werden und einen Restwert besitzen.
  3. Wertpapiere bewerten: Überprüfen Sie Wertpapiere des Umlaufvermögens. Wurden diese aufgrund vorübergehender Kursschwankungen nach dem strengen Niederstwertprinzip abgewertet, obwohl sich die Kurse wieder erholt haben?
  4. Forderungen kontrollieren: Stellen Sie fest, ob Pauschalwertberichtigungen auf Forderungen überhöht angesetzt wurden und die tatsächliche Ausfallquote deutlich geringer ist.
  5. Aktivierungsverbote beachten: Identifizieren Sie selbst erstellte immaterielle Vermögensgegenstände wie Marken oder Software, die nach § 248 Abs. 2 HGB nicht aktiviert werden durften, aber einen erheblichen Marktwert darstellen.

Warum funktioniert der Substanzwert-Ansatz bei Software-Firmen oft nicht?

Der klassische Substanzwert-Ansatz, der auf physischen Vermögenswerten wie Maschinen, Gebäuden und Vorräten basiert, stößt bei modernen, wissensbasierten Geschäftsmodellen an seine Grenzen. Insbesondere bei Software-Unternehmen liefert das KBV oft ein verzerrtes und meist viel zu niedriges Bild des wahren Unternehmenswerts. Der Grund liegt in der Natur ihrer wertvollsten Assets: immaterielle Vermögensgegenstände wie selbst entwickelte Software, patentierte Algorithmen, starke Marken oder wertvolle Kundendaten. Nach den strengen Vorschriften des deutschen Handelsgesetzbuches (HGB) besteht für selbst geschaffene immaterielle Vermögenswerte des Anlagevermögens ein Aktivierungsverbot (§ 248 Abs. 2 HGB). Das bedeutet, die millionenschweren Investitionen in die Entwicklung einer Kernsoftware tauchen in der Bilanz gar nicht als Vermögenswert auf. Die Kosten werden direkt als Aufwand verbucht und mindern den Gewinn, anstatt das Eigenkapital zu erhöhen.

Ein Software-Unternehmen kann also über ein extrem wertvolles Produkt verfügen, das den Kern seines Erfolgs ausmacht, während die Bilanz nur einige Laptops und Büromöbel als nennenswerte Aktiva ausweist. In diesem Fall ist der Buchwert künstlich niedrig und das KBV entsprechend hoch, was den Anschein einer teuren Aktie erweckt. Für Unternehmen mit immateriellen Vermögenswerten ist das KBV daher oft irreführend. Ein Investor, der hier stur auf ein niedriges KBV achtet, würde die innovativsten und wachstumsstärksten Unternehmen des Marktes systematisch ausschließen.

Visualisierung des intellektuellen Substanzwerts bei deutschen Software-Unternehmen

Die Bewertung solcher Firmen erfordert andere Methoden. Statt auf den Buchwert zu blicken, sind hier Kennzahlen wie das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV), das Wachstum der wiederkehrenden Umsätze (ARR/MRR) oder die Kundenakquisitionskosten (CAC) weitaus aussagekräftiger. Der Wert liegt hier nicht in der Vergangenheit (bilanzierte Anschaffungskosten), sondern im zukünftigen Ertragspotenzial des geistigen Eigentums.

Wie finden Sie versteckte Werte in den Bilanzen deutscher Mittelständler?

Gerade bei traditionsreichen, nicht börsennotierten oder in kleineren Indizes gelisteten deutschen Mittelständlern ist das Potenzial für unentdeckte Werte erheblich. Der Schlüssel liegt im dominierenden Rechnungslegungsstandard: dem Handelsgesetzbuch (HGB). Im Gegensatz zu den internationalen Standards (IFRS), deren primäres Ziel die Informationsvermittlung für Kapitalmarktteilnehmer ist, wird das HGB vom Vorsichtsprinzip und dem Gläubigerschutz dominiert. Das führt zu einer systematischen Unterbewertung von Vermögenswerten und Überbewertung von Schulden.

Die IFRS streben eine Bewertung zum „Fair Value“ (beizulegender Zeitwert) an, was eine zeitnahe Abbildung der tatsächlichen Marktwerte fördert und die Bildung stiller Reserven einschränkt. Das HGB hingegen hält am strengen Niederstwertprinzip fest: Vermögenswerte dürfen höchstens mit den Anschaffungskosten bewertet werden, und bei Wertminderungen muss sofort abgeschrieben werden. Wertaufholungen sind nur sehr begrenzt möglich. Diese Asymmetrie ist der Nährboden für stille Reserven. Eine vergleichende Analyse verdeutlicht das Potenzial.

Die folgende Tabelle zeigt die fundamentalen Unterschiede und das daraus resultierende Potenzial für stille Reserven, wie es auch eine Analyse der Bilanzierungsvorschriften nahelegt.

HGB vs. IFRS: Potenzial für stille Reserven
Bilanzierungsstandard Bewertungsprinzip Potenzial für stille Reserven
HGB Niederstwertprinzip, Vorsichtsprinzip Hoch – bewusste Legung möglich
IFRS Fair Value, Informationsfunktion Gering – bewusste Legung untersagt

Diese unterschiedliche Philosophie hat direkte Konsequenzen für Investoren. Während eine IFRS-Bilanz transparenter erscheint, bietet eine HGB-Bilanz für den geübten Analytiker die Möglichkeit, unterbewertete Substanz aufzuspüren.

IFRS-Bilanzen weisen somit stille Reserven auf, wobei der Umfang i. d. R. geringer sein dürfte als in HGB-Bilanzen.

– Wikipedia-Artikel zu Stillen Reserven, Bilanzierungsvorschriften im Vergleich

Um diese versteckten Werte zu heben, müssen Sie die Anhänge und Lageberichte genau studieren. Achten Sie auf Angaben zum Alter des Anlagevermögens, zu Grundstücken im Betriebsvermögen und zu langfristigen Beteiligungen, die möglicherweise ebenfalls weit unter Marktwert bilanziert sind.

Warum ist ein niedriger Buchwert nutzlos, wenn die Schulden erdrückend sind?

Ein niedriges KBV kann verlockend sein, doch es kann auch ein ernstes Warnsignal für ein Unternehmen in wirtschaftlicher Schieflage sein. Der Markt ist nicht immer irrational. Ein KBV von deutlich unter 1 signalisiert oft, dass die Marktteilnehmer mit zukünftigen Verlusten rechnen, die das ausgewiesene Eigenkapital aufzehren werden. Bei einem KBV von weniger als 1 geht der Markt davon aus, dass das Unternehmen mehr wert ist, wenn es liquidiert wird, als wenn es den Betrieb fortführt – ein düsteres Omen.

Die größte Gefahr lauert auf der Passivseite der Bilanz: die Schuldenstruktur. Ein hoher Buchwert an Vermögenswerten ist wertlos, wenn diesen eine noch höhere oder untragbare Schuldenlast gegenübersteht. Ein entscheidender Schritt in der Analyse ist daher die Berechnung des Tangible Net Worth (materieller Nettowert). Hierbei wird das Eigenkapital nicht nur um immaterielle Werte wie den Goodwill bereinigt, sondern auch die Qualität der Schulden bewertet. Hohe kurzfristige Verbindlichkeiten in Kombination mit einem schwachen Cashflow können ein Unternehmen schnell in die Illiquidität treiben, selbst wenn auf dem Papier noch hohe Vermögenswerte existieren. Ein weiterer Indikator ist die Zinsdeckungsquote (Interest Coverage Ratio), die zeigt, wie oft das operative Ergebnis die Zinsaufwendungen deckt. Ein niedriger Wert signalisiert, dass das Unternehmen bereits bei leichten Ertragseinbrüchen oder steigenden Zinsen in Schwierigkeiten geraten kann.

Visualisierung der Schuldenlast im Verhältnis zum Buchwert als Warnsignal

Ein vermeintliches Schnäppchen kann sich so schnell als „Value Trap“ entpuppen: eine Aktie, die billig erscheint, aber aus guten Gründen billig ist und weiter an Wert verliert. Bevor Sie also von einem niedrigen KBV geblendet werden, müssen Sie die Bilanz umdrehen und die Passivseite mit der gleichen Sorgfalt prüfen wie die Aktivseite. Nur ein solider Buchwert, der von einer gesunden und tragfähigen Finanzierungsstruktur untermauert wird, stellt eine echte Investmentchance dar.

Welches KBV ist für einen Automobilhersteller normal und wann ist es günstig?

Die pauschale Aussage, ein KBV unter 1 sei günstig und über 2 teuer, ist analytisch unhaltbar. Das KBV ist eine relative Kennzahl, deren Aussagekraft erst im richtigen Kontext entsteht. Dieser Kontext wird durch zwei Faktoren bestimmt: die Branche und die historische Bewertung des Unternehmens selbst. Ein Vergleich des KBV einer Softwarefirma mit dem eines Stahlproduzenten ist wie der Vergleich von Äpfeln mit Birnen.

Nehmen wir das Beispiel eines deutschen Automobilherstellers. Diese Branche ist extrem kapitalintensiv. riesige Fabriken, teure Maschinenparks und hohe Lagerbestände an Rohstoffen und Fahrzeugen führen zu einer hohen Bilanzsumme und einem entsprechend hohen Buchwert. Im Gegensatz zu einer IT-Beratung sind hier physische Vermögenswerte der Kern des Geschäfts. Daher weisen Automobilhersteller und andere Industrieunternehmen tendenziell ein niedrigeres KBV auf als Dienstleistungs- oder Technologieunternehmen. Ein KBV zwischen 1,0 und 1,5 kann hier als normal angesehen werden. Fällt das KBV deutlich unter 1, kann dies auf eine Unterbewertung hindeuten, aber auch auf ernsthafte Probleme wie Überkapazitäten, einen technologischen Rückstand (z. B. bei der E-Mobilität) oder drohende Margenverluste.

Die entscheidende Frage ist also nicht „Ist das KBV niedrig?“, sondern „Ist das KBV im Vergleich zu den direkten Wettbewerbern und im Vergleich zur eigenen historischen Spanne der letzten 5-10 Jahre niedrig?“. Nur dieser relative Vergleich erlaubt eine fundierte Einschätzung. Steigt das KBV eines Unternehmens stark an, kann dies ein positives Signal für die Markteinschätzung bezüglich der Zukunft sein. Je höher das KBV, desto besser ist tendenziell die Markterwartung, aber Vorsicht ist geboten: Ein sehr hohes KBV kann auch auf eine Überhitzung und eine bevorstehende Kurskorrektur hindeuten. Ein KBV, das deutlich unter dem historischen Durchschnitt und dem Branchendurchschnitt liegt, verdient bei gleichzeitig stabilen oder sich verbessernden Fundamentaldaten eine genauere Analyse.

Gold oder Immobilien: Welcher Sachwert schlug die Inflation seit 2000 besser?

Bei der Suche nach Substanz geht der Blick oft über Aktien hinaus zu klassischen Sachwerten wie Gold und Immobilien. Beide gelten als inflationsgeschützt, doch ihre Wertentwicklung und bilanziellen Eigenschaften unterscheiden sich fundamental. Seit dem Jahr 2000 haben beide Anlageklassen Phasen starker Wertsteigerungen erlebt, die die allgemeine Teuerungsrate deutlich übertrafen. Doch welcher Wert hat sich als stabiler erwiesen?

Immobilien, insbesondere in guten Lagen in Deutschland, haben eine beeindruckende und stetige Wertentwicklung gezeigt. Ihr großer Vorteil ist der doppelte Ertrag: laufende Mieteinnahmen (Cashflow) und die langfristige Wertsteigerung der Substanz. Diese Wertsteigerung führt, wie bereits diskutiert, zu erheblichen stillen Reserven in den Bilanzen von Unternehmen und Privatpersonen. Laut einer Beispielrechnung für deutsche Immobilienwerte kann ein Grundstück, das ursprünglich für 60.000 € erworben wurde, im Laufe der Zeit einen Wert von 130.000 € erreichen, was einer stillen Reserve von 70.000 € oder einer Wertsteigerung von über 116% entspricht. Der Nachteil sind die geringe Liquidität und die hohen Transaktionskosten.

Gold hingegen generiert keinen laufenden Ertrag. Sein Wert ist rein von Angebot und Nachfrage bestimmt und dient oft als „sicherer Hafen“ in Krisenzeiten. Die Wertentwicklung von Gold ist deutlich volatiler als die von Immobilien. Während es in Phasen hoher Unsicherheit oder Inflation stark an Wert gewinnen kann, kann es in stabilen Wirtschaftsphasen auch über Jahre stagnieren. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der steuerlichen Behandlung in Deutschland. Physisches Gold kann nach einer Haltedauer von einem Jahr steuerfrei veräußert werden, während bei Immobilien (die nicht selbst genutzt werden) eine Spekulationsfrist von zehn Jahren gilt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Immobilien durch den Hebel des Fremdkapitals und die laufenden Erträge oft eine höhere Gesamtrendite erzielen konnten, während Gold durch seine Liquidität und steuerlichen Vorteile punktet.

A-Lage vs. C-Lage: Wo finden Sie heute noch positive Cashflow-Objekte?

Innerhalb der Anlageklasse Immobilien ist die Lage der alles entscheidende Faktor für Risiko und Rendite. Die Unterscheidung in A-, B- und C-Lagen hilft, das Potenzial einer Immobilie realistisch einzuschätzen. Insbesondere die Suche nach Objekten mit positivem Cashflow – also solchen, bei denen die Mieteinnahmen die laufenden Kosten (inkl. Finanzierung) übersteigen – ist in den letzten Jahren anspruchsvoller geworden.

A-Lagen, die zentralen Innenstadtbereiche der Metropolen, bieten maximale Sicherheit und ein hohes Wertsteigerungspotenzial. Die Nachfrage ist konstant hoch. Allerdings sind die Kaufpreise hier so exorbitant gestiegen, dass ein positiver Cashflow von Beginn an kaum noch darstellbar ist. Investitionen in A-Lagen sind primär eine Wette auf weitere Wertsteigerung. C-Lagen, also Randgebiete oder strukturschwächere Regionen, bieten das genaue Gegenteil. Die Kaufpreise sind niedrig, was hohe anfängliche Mietrenditen und einen positiven Cashflow ermöglicht. Das Risiko liegt hier jedoch in potenziellen Leerständen und einem spekulativen, unsicheren Wertsteigerungspotenzial. Die goldene Mitte bilden oft die B-Lagen: etablierte, gute Wohngegenden mit solider Infrastruktur, die einen Kompromiss aus moderatem Cashflow und stabilem Wertzuwachs bieten.

Die folgende Übersicht fasst die Charakteristika der verschiedenen Lagen zusammen, basierend auf einer Analyse von Immobilienlagen in deutschen Großstädten.

Bewertung von Immobilienlagen in deutschen Großstädten
Lage-Kategorie Charakteristika Cashflow-Potenzial Wertsteigerung
A-Lage Zentrale Innenstadtlage, Top-Infrastruktur Gering (hohe Kaufpreise) Stabil hoch
B-Lage Gute Wohngebiete, solide Anbindung Moderat Mittel
C-Lage Randgebiete, Entwicklungspotenzial Hoch (niedrigere Kaufpreise) Spekulativ

Für Anleger, deren primäres Ziel ein laufendes passives Einkommen ist, sind C- und B-Lagen heute oft die einzige realistische Option. Die Suche nach positiven Cashflow-Objekten erfordert eine genaue Marktanalyse abseits der überhitzten Hotspots und eine sorgfältige Kalkulation der nicht umlagefähigen Kosten. Wer hingegen auf langfristigen Vermögensaufbau durch Wertsteigerung setzt und bereit ist, anfänglich zuzuschießen, für den bleiben A-Lagen trotz der hohen Preise attraktiv.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das KBV ist keine absolute Kennzahl; seine Aussagekraft hängt von der Branche, der Bilanzierungsnorm (HGB vs. IFRS) und der Schuldenstruktur ab.
  • Die wahre Substanz eines nach HGB bilanzierenden deutschen Unternehmens liegt oft in den stillen Reserven, die durch eine kritische Bilanzanalyse aufgedeckt werden müssen.
  • Ein niedriges KBV ist bei hoher Verschuldung oder bei Geschäftsmodellen, die auf immateriellen Werten basieren (z. B. Software), oft ein irreführendes Signal oder sogar eine Warnung.

Welche 3 fundamentalen Kennzahlen müssen Sie prüfen, bevor Sie eine deutsche Aktie kaufen?

Die alleinige Betrachtung des KBV ist unzureichend. Eine fundierte Investmententscheidung, insbesondere bei deutschen Aktien, erfordert die Kombination mehrerer Kennzahlen, um ein ganzheitliches Bild der finanziellen Gesundheit und Bewertung eines Unternehmens zu erhalten. Drei Kennzahlen bilden dabei ein unerlässliches Prüf-Fundament, das die Schwächen des einfachen KBV ausgleicht und die Substanzqualität in den Mittelpunkt stellt.

Die Integration dieser drei Metriken in Ihre Analyse schafft ein robustes Framework, das Sie vor den häufigsten „Value Traps“ schützt und Ihnen hilft, echte, substanzstarke Unternehmen von oberflächlichen Schnäppchen zu unterscheiden. Es geht darum, die Qualität der Bilanz zu verifizieren, die finanzielle Stabilität zu gewährleisten und die Aktionärsfreundlichkeit zu bewerten.

Darstellung der drei fundamentalen Kennzahlen für deutsche Aktienanalyse

Die folgenden drei Schritte sind für eine professionelle Analyse unerlässlich:

  1. Bereinigtes KBV: Dies ist der wichtigste erste Schritt. Ignorieren Sie das ausgewiesene KBV und berechnen Sie eine eigene Version. Nehmen Sie das bilanzierte Eigenkapital, ziehen Sie sämtlichen Goodwill und andere fragwürdige immaterielle Vermögenswerte ab und addieren Sie eine konservative Schätzung der stillen Reserven (insbesondere bei Immobilien und Beteiligungen). Nur dieses bereinigte KBV hat eine echte Aussagekraft über die Substanz.
  2. Eigenkapitalquote: Diese Kennzahl zeigt die finanzielle Stabilität und Unabhängigkeit eines Unternehmens an. Sie wird berechnet, indem das Eigenkapital durch die Bilanzsumme geteilt wird. Eine hohe Quote bedeutet eine solide Finanzierung und geringe Abhängigkeit von Fremdkapitalgebern. Für solide deutsche Industrie- und Mittelstandsunternehmen sollte eine Eigenkapitalquote von mindestens 30% angestrebt werden. Eine niedrige Quote in Kombination mit einem niedrigen KBV ist ein alarmierendes Krisensignal.
  3. Dividendenrendite und -kontinuität: Eine stabile oder stetig wachsende Dividende ist oft ein starkes Indiz für einen profitablen Geschäftsverlauf und ein Management, das an die Aktionäre denkt. Prüfen Sie nicht nur die aktuelle Rendite, sondern die Dividendenhistorie der letzten 5-10 Jahre. Wurde die Dividende auch in schwierigen Zeiten gezahlt? Dies gibt Aufschluss über die Resilienz des Geschäftsmodells. Laut fundamentaler Bewertungslehre kann ein KBV um 1 eine faire Bewertung signalisieren, aber erst eine attraktive und verlässliche Dividende macht es zu einem potenziell lohnenden Investment.

Die konsequente Anwendung dieses Dreiklangs aus bereinigter Bewertung, Stabilitätsprüfung und Ertragsanalyse ist der Kern einer disziplinierten Value-Strategie. Um Ihre Fähigkeiten zu schärfen, ist es hilfreich, diese drei fundamentalen Prüfschritte als feste Routine zu etablieren.

Um diese Prinzipien systematisch anzuwenden, beginnen Sie mit der Analyse der Geschäftsberichte Ihrer Zielunternehmen und der Berechnung des bereinigten Eigenkapitals. Dies ist der entscheidende Schritt, um von einem passiven Kennzahlen-Ableser zu einem aktiven, kritischen Investor zu werden, der den wahren Wert erkennt.

Geschrieben von Dr. Thomas Richter, Senior Equity Analyst (CFA) und Experte für fundamentale Unternehmensbewertung mit über 18 Jahren Erfahrung am Finanzplatz Frankfurt. Spezialisiert auf Value-Investing, Bilanzanalyse deutscher Mittelständler (DAX/SDAX) und die Identifikation von Qualitätsaktien.