Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung sind Anleihen nicht mehr der automatische Fels in der Brandung Ihres Depots; ihre Schutzfunktion muss heute aktiv gesteuert werden.

  • Das Jahr 2022 hat gezeigt, dass die klassische negative Korrelation (Aktien fallen, Anleihen steigen) nicht mehr verlässlich ist, wenn Zentralbanken die Zinsen aggressiv anheben.
  • Die wichtigste Kennzahl zur Risikobewertung ist nicht mehr nur das Ausfallrisiko, sondern die Zinssensitivität (Duration) einer Anleihe geworden.

Empfehlung: Bauen Sie die Sicherheit in Ihrem Portfolio strukturiert auf, indem Sie gezielt auf Anleihen mit kurzer Laufzeit, höchster Bonität und Währungsabsicherung setzen, anstatt sich blind auf den Anleihenmarkt zu verlassen.

Als konservativer Anleger suchen Sie vor allem eines: Ruhe. Die Vorstellung, dass Ihr hart erarbeitetes Vermögen in einem Aktien-Crash um 30 % oder mehr einbricht, ist unerträglich. Traditionell lautete das Gegenmittel stets: Rentenfonds. Sie galten als der sichere Hafen, der Fels in der Brandung, der Verluste bei Aktien ausgleicht. Doch das Jahr 2022 hat diese Gewissheit erschüttert. Plötzlich fielen Anleihen und Aktien gemeinsam, und viele Anleger fragten sich, ob die alten Regeln noch gelten. Der schmerzhafte Absturz vieler vermeintlich sicherer Anleihe-ETFs hat eine neue Realität offenbart.

Die üblichen Ratschläge, einfach in einen breit gestreuten Rentenfonds zu investieren, greifen zu kurz. Sie ignorieren die tiefgreifenden Veränderungen, die durch die Zinswende der Zentralbanken ausgelöst wurden. Der Anleihenmarkt ist komplexer und differenzierter geworden. Es reicht nicht mehr aus, nur zwischen Staats- und Unternehmensanleihen zu unterscheiden. Man muss die Mechanismen von Zinsrisiko, Kreditqualität und Währungsschwankungen verstehen, um wirklich Schutz zu finden. Aber was, wenn die wahre Sicherheit nicht im blinden Vertrauen auf eine Anlageklasse liegt, sondern im bewussten Verständnis ihrer neuen Spielregeln? Was, wenn der Schlüssel darin besteht, die Anleihen in Ihrem Portfolio so zu kalibrieren, dass sie ihre Schutzfunktion auch in diesem neuen Umfeld erfüllen können?

Dieser Artikel führt Sie genau durch diese neuen Realitäten. Wir werden nicht bei oberflächlichen Plattitüden stehen bleiben. Stattdessen analysieren wir die fundamentalen Risiken, die heute in Rentenfonds lauern, und zeigen Ihnen, wie Sie diese gezielt steuern können. Wir erklären, warum die Duration wichtiger denn je ist, welches Risiko Sie für ein paar Prozentpunkte mehr Rendite wirklich eingehen und warum die Währungssicherung bei Auslandsanleihen unverzichtbar ist. Ziel ist es, Ihnen das Wissen an die Hand zu geben, um Anleihen wieder zu dem zu machen, was sie sein sollen: ein verlässlicher Sicherheitsanker für Ihr Depot.

Für all jene, die eine visuelle Zusammenfassung der aktuellen Marktlage bevorzugen, bietet das folgende Video einen kompakten Überblick über die Herausforderungen und Chancen für Anleger in turbulenten Zeiten.

Um Ihnen eine klare Orientierung zu geben, haben wir diesen Leitfaden strukturiert. Jedes Kapitel widmet sich einer zentralen Frage, die für den Aufbau eines krisenfesten Portfolios entscheidend ist. So können Sie die komplexen Zusammenhänge des modernen Anleihenmarktes Schritt für Schritt nachvollziehen.

Warum verlieren Ihre sicheren Anleihen an Wert, wenn die Zinsen steigen?

Die grundlegendste Regel am Anleihenmarkt, die viele Anleger 2022 schmerzhaft lernen mussten, ist die inverse Beziehung zwischen Zinsen und Anleihekursen. Steigen die Marktzinsen, fallen die Kurse bereits ausgegebener Anleihen mit niedrigerer Verzinsung. Dieser Effekt war im Jahr 2022 dramatisch: Aggressive Zinserhöhungen der Zentralbanken zur Inflationsbekämpfung führten zu einem historischen Einbruch. Analysen zeigen, dass der Verlust von über 18 % bei Euro-Staatsanleihen eines der schlechtesten Ergebnisse seit dem 18. Jahrhundert war. Diese „Korrelations-Anomalie“, bei der Aktien und Anleihen gleichzeitig fielen, durchbrach das klassische Diversifikationsprinzip, das noch in der Finanzkrise 2008 funktioniert hatte.

Der entscheidende Faktor für dieses Kursrisiko ist die sogenannte Duration, auch als Zins-Sensitivität bekannt. Sie gibt in Jahren an, wie stark eine Anleihe auf eine Zinsänderung von einem Prozentpunkt reagiert. Eine Anleihe mit einer Duration von 10 Jahren verliert bei einem Zinsanstieg von 1 % rund 10 % an Wert. Anleihen mit längeren Laufzeiten haben eine höhere Duration und sind daher riskanter in einem Umfeld steigender Zinsen. Für Sie als sicherheitsorientierter Anleger bedeutet das: In der aktuellen Zeit ist das Management der Duration in Ihrem Rentenfonds wichtiger als je zuvor. Kurzläufer-Anleihenfonds sind hier oft die vorsichtigere Wahl.

Es ist jedoch wichtig, zwischen dem kurzfristigen Kursrisiko und dem langfristigen Wiederanlagerisiko zu unterscheiden. Während fallende Kurse kurzfristig schmerzhaft sind, bedeuten höhere Zinsen auch, dass die auslaufenden Anleihen im Fonds zu attraktiveren Konditionen wieder angelegt werden können. Langfristig steigen dadurch die Ertragsaussichten Ihres Rentenfonds wieder. Für Anleger, die nicht kurzfristig verkaufen müssen, kann es sich also lohnen, die Kursverluste auszusitzen.

Ihr Plan zum Verständnis des Zinsrisikos

  1. Duration Ihrer Anleihen prüfen: Schauen Sie im Factsheet Ihres Rentenfonds nach der Kennzahl „Duration“ oder „effektive Laufzeit“. Je länger diese ist, desto stärker reagiert der Kurs auf Zinsänderungen.
  2. Zinsentwicklung verfolgen: Beobachten Sie die Entscheidungen und Prognosen der Europäischen Zentralbank (EZB). Ankündigungen von Zinserhöhungen sind ein klares Warnsignal für Anleihen mit langer Duration.
  3. Risiken differenzieren: Machen Sie sich den Unterschied zwischen dem Kursrisiko (kurzfristiger Wertverlust bei Verkauf) und dem Wiederanlagerisiko (langfristige Chance durch höhere Zinsen) bewusst.

Das Verständnis der Duration ist der erste und wichtigste Schritt, um die neue Realität am Anleihenmarkt zu meistern und Ihr Portfolio vor unliebsamen Überraschungen zu schützen.

Lohnen sich 2 % mehr Zinsen für das Risiko einer Firmenpleite?

Nachdem wir das Zinsrisiko verstanden haben, wenden wir uns dem zweiten fundamentalen Risiko zu: dem Kredit- oder Ausfallrisiko. Während deutsche Staatsanleihen als praktisch ausfallsicher gelten (AAA-Rating), bieten Unternehmensanleihen höhere Zinsen, um das Risiko einer möglichen Firmenpleite zu kompensieren. Die Frage für Sie als konservativer Anleger ist: Ist die zusätzliche Rendite diesen zusätzlichen Stress wert? Der Unterschied, die sogenannte Kreditqualitäts-Spreizung, ist ein wichtiger Indikator für die Risikobereitschaft am Markt.

Eine besonders sichere Nische im deutschen Markt sind Pfandbriefe. Dies sind Anleihen, die von Banken ausgegeben und durch ein separates Deckungsstock aus hochwertigen Hypothekenkrediten oder Staatsanleihen besichert sind. Selbst bei einer Pleite der ausgebenden Bank werden die Anleihegläubiger aus diesem Pool vorrangig bedient, was das Ausfallrisiko extrem minimiert. Sie bieten oft eine leicht höhere Rendite als Bundesanleihen bei fast identischer Sicherheit.

Visuelle Darstellung der Sicherheitsstufen verschiedener deutscher Anleihetypen

Wie das Schaubild andeutet, existiert eine klare Hierarchie der Sicherheit. Für den geringen Mehrertrag einer Unternehmensanleihe mit gutem Rating (Investment Grade) nehmen Sie bereits ein statistisch kleines, aber vorhandenes Ausfallrisiko in Kauf. Für einen sicherheitsorientierten Anleger, der nachts ruhig schlafen will, ist die Abwägung klar: Der Fokus sollte auf Anleihen mit höchster Bonität liegen.

Die folgende Tabelle aus einer vergleichenden Analyse deutscher Anleihetypen verdeutlicht die Relationen zwischen Rendite und Risiko.

Vergleich: Bundesanleihen vs. Unternehmensanleihen vs. Pfandbriefe
Anleihetyp Rendite p.a. Rating Ausfallrisiko
Deutsche Bundesanleihe 2,5% AAA Nahezu null
Pfandbrief 3,0% AA+ Sehr gering
DAX-Unternehmen (Investment Grade) 4,5% A bis BBB 0,1-0,5% p.a.

Für Anleger, deren oberste Priorität die Kapitalsicherung ist, sind Bundesanleihen und Pfandbriefe daher die erste Wahl. Der Verzicht auf wenige Prozentpunkte Rendite ist der Preis für maximale Sicherheit.

Warum sollten Sie US-Staatsanleihen nur mit Währungssicherung (Euro-Hedged) kaufen?

In einer globalisierten Welt schauen Anleger oft über den Tellerrand und entdecken beispielsweise US-Staatsanleihen (Treasuries). Sie gelten als der ultimative sichere Hafen weltweit und können sogar bei einer spezifischen Euro-Krise Schutz bieten. Doch hier lauert eine oft unterschätzte Gefahr: das Währungsrisiko. Wenn Sie als Euro-Anleger in eine Dollar-Anleihe investieren, kann die Rendite durch Wechselkursschwankungen komplett zunichtegemacht werden. Währungsanalysen belegen, dass EUR/USD-Schwankungen von bis zu 20 % innerhalb eines Jahres keine Seltenheit sind.

Stellen Sie sich vor, Ihre US-Anleihe wirft 4 % Rendite ab, aber der US-Dollar verliert im selben Zeitraum 5 % gegenüber dem Euro. Ihr realer Ertrag in Euro ist dann negativ. Für einen konservativen Anleger, der Sicherheit sucht, ist dies eine inakzeptable Spekulation. Die Lösung ist die sogenannte Währungs-Neutralisierung. Rentenfonds, die als „Euro-Hedged“ gekennzeichnet sind, nutzen Finanzinstrumente (Termingeschäfte), um das Währungsrisiko auszuschalten. Sie erhalten dadurch die reine Anleiherendite, ohne dem Wechselkursrisiko ausgesetzt zu sein.

Diese Absicherung ist jedoch nicht kostenlos. Wie der bekannte Finanzexperte Thomas Kehl von Finanzfluss erklärt, entstehen dabei Kosten, die man kennen sollte. In seinem Ratgeber führt er aus:

Die Kosten der Währungsabsicherung entsprechen in der Regel der Zinsdifferenz zwischen der Eurozone und den USA – bei 2% Zinsdifferenz kostet das Hedging also etwa 2% pro Jahr.

– Thomas Kehl, Finanzfluss Ratgeber

Diese Kosten müssen Sie von der Bruttorendite der US-Anleihe abziehen, um den Nettoertrag zu ermitteln. Trotz der Kosten ist die Absicherung für sicherheitsorientierte Anleger unerlässlich. Sie tauschen eine unkalkulierbare Spekulation gegen eine klare, berechenbare Größe und stellen so die Schutzfunktion der Anleihe sicher.

Wer also internationale Staatsanleihen zur Diversifikation nutzen möchte, sollte dies ausschließlich über währungsgesicherte Produkte tun, um das Portfolio nicht unbemerkt in eine Währungswette zu verwandeln.

Junk-Bonds: Wann verhalten sich Anleihen plötzlich genauso riskant wie Aktien?

Auf der Suche nach höheren Renditen stoßen Anleger unweigerlich auf Hochzinsanleihen, auch „Junk-Bonds“ genannt. Dies sind Anleihen von Unternehmen mit niedriger Bonität (Rating unter BBB-). Die hohen Zinsen sollen das deutlich gestiegene Ausfallrisiko kompensieren. Für konservative Anleger sind diese Papiere jedoch eine Falle, denn sie verlieren in Krisenzeiten ihre wichtigste Eigenschaft als Anleihe: die negative Korrelation zu Aktien. Wenn die Wirtschaft in eine Rezession rutscht, steigen die Sorgen vor Firmenpleiten massiv an. In diesem Moment fallen die Kurse von Hochzinsanleihen oft genauso stark oder sogar stärker als die Aktienkurse.

Der Diversifikationseffekt, den Sie sich von einer Anleihe versprechen, verpufft genau dann, wenn Sie ihn am dringendsten benötigen. Krisenanalysen zeigen, dass die Korrelation von Hochzinsanleihen zum Aktienmarkt im Corona-Crash 2020 von einem moderaten Wert von 0,5 auf fast 1,0 anstieg. Das bedeutet, sie bewegten sich nahezu im Gleichschritt mit dem Aktienmarkt – nach unten. Sie hatten also das Risiko von Aktien im Depot, ohne deren langfristiges Renditepotenzial zu besitzen.

Grafische Darstellung der steigenden Korrelation zwischen Junk-Bonds und Aktien während Marktkrisen

Die visuelle Darstellung ineinander verschlungener Kabel symbolisiert treffend, wie sich die Grenzen zwischen diesen beiden Anlageklassen in Krisenzeiten auflösen. Für einen Anleger, der Volatilität meiden möchte, sind Hochzinsanleihen daher strukturell ungeeignet. Sie sind keine Portfolio-Stabilisatoren, sondern eine gehebelte Wette auf die Konjunktur. Die scheinbar attraktive Rendite ist keine Prämie für cleveres Investieren, sondern eine Risikoprämie für die Übernahme von aktienähnlichen Risiken.

Die klare Lehre für Sicherheitsorientierte lautet daher: Hände weg von Hochzinsanleihen. Die versprochene Mehrrendite kann den Verlust der Diversifikationswirkung in turbulenten Marktphasen niemals aufwiegen.

Gibt es Nischen im Anleihenmarkt, wo der Fondsmanager den Index schlägt?

Während bei globalen Aktienmärkten passive Indexfonds (ETFs) oft die kostengünstigste und effektivste Lösung sind, sieht es am Anleihenmarkt etwas anders aus. Bestimmte Segmente sind weniger liquide und transparent („ineffizient“), was erfahrenen, aktiven Fondsmanagern die Möglichkeit bietet, einen Mehrwert zu schaffen. Für konservative Anleger, die nach strukturiertem Schutz suchen, kann ein Blick auf solche Spezialisten lohnenswert sein, sofern die Risiken klar verstanden werden.

Eine solche Nische existiert beispielsweise im Bereich deutscher Mittelstandsanleihen. Diese Papiere werden von weniger Analysten beobachtet, was zu Fehleinschätzungen und damit zu Chancen für Experten mit lokaler Expertise führen kann.

Fallbeispiel: Deutsche Mittelstandsanleihen als Ineffizienz-Nische

Der deutsche Mittelstandsanleihen-Markt leidet oft unter mangelnder Analystenabdeckung. Dies schafft laut einer Analyse von Bergfürst eine Nische, in der spezialisierte, aktive Fondsmanager einen Vorteil haben. Durch direkte Kontakte zum Management und tiefere Einblicke in die Geschäftsmodelle können sie die Kreditwürdigkeit besser einschätzen als ein passiver Index. So können sie unterbewertete Anleihen identifizieren und Papiere mit versteckten Risiken meiden. Dieser Informationsvorsprung kann zu einer Outperformance gegenüber einem ETF führen, geht aber naturgemäß mit einem höheren spezifischen Risiko einzelner Emittenten einher.

Andere Nischen, in denen aktive Manager glänzen können, sind beispielsweise „Fallen Angels“ (Anleihen, die gerade aus dem Investment-Grade-Status gefallen sind) oder „Rising Stars“ (Anleihen auf dem Weg zu einem besseren Rating). Die entscheidende Frage ist jedoch, wie man einen wirklich guten aktiven Fondsmanager erkennt. Wichtige Kriterien sind hierbei die Krisenperformance in der Vergangenheit (insbesondere 2020 und 2022), die klare Spezialisierung des Fonds und eine Kostenstruktur, die durch eine nachweisliche Mehrrendite gerechtfertigt ist. Ein aktiver Fonds ist nur dann eine Überlegung wert, wenn er nach Kosten eine bessere risikoadjustierte Rendite liefert als ein simpler, günstiger ETF auf Staatsanleihen.

Für die meisten konservativen Anleger bleibt ein passiver Ansatz mit ETFs auf hochwertige Staats- und Unternehmensanleihen die einfachste und oft sicherste Lösung. Die Jagd nach Alpha im Anleihenmarkt ist ein Spiel für Experten.

Warum sollten Sie Anleihen und Aktien mischen, wenn es an der Börse kracht?

Nachdem wir die vielen neuen Risiken und Komplexitäten am Anleihenmarkt beleuchtet haben, könnte man zur Schlussfolgerung kommen, dass Anleihen ihre Schutzfunktion verloren haben. Das wäre jedoch ein Trugschluss. Trotz der Anomalie von 2022 bleibt eine durchdachte Mischung aus Aktien und hochwertigen Anleihen die effektivste Strategie, um die Volatilität eines Portfolios zu dämpfen und maximale Verluste zu begrenzen. Die entscheidende Wirkung ist psychologischer Natur, wie die Investment-Legende Gerd Kommer betont:

Die Reduzierung des maximalen Depotverlusts von -50% auf -25% ist der entscheidende Faktor, der Anleger vor panischen Verkäufen am Tiefpunkt bewahrt.

– Gerd Kommer, Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs

Ein Verlust von 50 % erfordert eine Rendite von 100 %, um wieder auf den Ausgangswert zu kommen. Ein Verlust von 25 % benötigt nur 33 %. Die Begrenzung des „Drawdowns“ ist der Schlüssel zum langfristigen Anlageerfolg, weil sie Sie im Spiel hält. Anleihen agieren hier als Bremse. Auch wenn sie 2022 ebenfalls fielen, war ihr Verlust in der Regel deutlich geringer als der von Aktien, was den Gesamteinbruch des Depots abfederte.

Ein Portfolio-Stresstest, der die Performance in vergangenen Krisen in Deutschland untersucht, liefert den eindrucksvollen Beweis. Die Tabelle zeigt den maximalen Verlust („Max Drawdown“) eines reinen DAX-Portfolios im Vergleich zu einem gemischten Portfolio.

Portfolio-Stresstest: Maximaler Verlust in deutschen Krisen
Portfolio Dotcom-Crash 2001 Finanzkrise 2008 Corona-Crash 2020
100% DAX -72% -55% -39%
60% DAX/40% REXP -38% -28% -18%
60% DAX/40% Tagesgeld -43% -33% -23%

Die Daten zeigen unmissverständlich: Eine Beimischung von 40 % Anleihen (repräsentiert durch den REXP-Index) oder sogar sicherem Tagesgeld konnte den maximalen Verlust in jeder Krise drastisch reduzieren. Diese Stabilisierung ist der wahre Wert von Anleihen in einem Portfolio.

Wann sollten Sie inflationsgeschützte Anleihen in Ihr Depot aufnehmen?

Inflationsgeschützte Anleihen, oft auch „Linker“ genannt (von engl. inflation-linked), klingen für sicherheitsorientierte Anleger wie die perfekte Lösung in Zeiten hoher Teuerung. Ihr Nennwert wird an einen Verbraucherpreisindex gekoppelt, sodass der Anleger vor Kaufkraftverlust geschützt sein sollte. Doch auch hier hat das Jahr 2022 eine schmerzhafte Lektion erteilt: Inflationsschutz ist nicht gleich Kursschutz. Das Zinsänderungsrisiko kann den Inflationsausgleich komplett dominieren und zu deutlichen Verlusten führen. Marktdaten belegen, dass inflationsgeschützte Anleihen 2022 bis zu 15 % verloren, obwohl die Inflation bei über 8 % lag.

Der Grund dafür ist, dass diese Anleihen oft sehr lange Laufzeiten und damit eine hohe Duration haben. Der massive Zinsanstieg der EZB hat die Kurse dieser Anleihen so stark gedrückt, dass der positive Effekt des Inflationsausgleichs mehr als aufgezehrt wurde. Anleger, die auf schnellen Schutz vor Inflation hofften, wurden enttäuscht.

Inflationsgeschützte Anleihen funktionieren am besten in einem ganz bestimmten Szenario: bei einer unerwartet anziehenden Inflation in Kombination mit stabilen oder sogar fallenden Realzinsen. Das bedeutet, die Zentralbank reagiert nicht oder nur zögerlich auf die steigende Inflation. In einem Umfeld, in dem die Zentralbanken die Inflation aggressiv bekämpfen (wie 2022/2023), sind sie die falsche Wahl. Der wichtigste Unterschied zwischen deutschen „Linkern“ und den amerikanischen „TIPS“ (Treasury Inflation-Protected Securities) liegt in der Liquidität; der US-Markt ist deutlich größer und liquider.

Für konservative Anleger sind diese speziellen Anleihen daher eher ein taktisches Instrument für bestimmte Marktphasen und kein strategischer Dauerbaustein für das Depot. Die Komplexität und die hohe Zinssensitivität machen sie für den reinen Kapitalschutz ungeeignet.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Schutzfunktion von Anleihen ist nicht mehr automatisch gegeben; sie hängt von der richtigen Auswahl (kurze Duration, hohe Bonität) ab.
  • Zinsänderungsrisiko (Duration) ist zum dominanten Risiko für Anleiheinvestoren geworden und hat 2022 selbst sichere Staatsanleihen ins Minus gedrückt.
  • Hochwertige Anleihen reduzieren nach wie vor den maximalen Verlust eines Gesamtportfolios in einer Krise und sind psychologisch entscheidend, um Panikverkäufe zu vermeiden.

Tagesgeld-Hopping: Lohnt sich der ständige Bankwechsel für 0,5 % mehr Zinsen?

Angesichts der neuen Risiken am Anleihenmarkt fragen sich viele konservative Anleger, ob einfaches Tagesgeld nicht die bessere und vor allem risikoärmere Alternative ist. Die Zinsen sind wieder attraktiv, und es gibt kein Kursrisiko. Das sogenannte „Tagesgeld-Hopping“, also der ständige Wechsel zur Bank mit dem besten Neukundenangebot, ist populär geworden. Doch ist der Aufwand den Mehrertrag wirklich wert?

Die Antwort hängt stark von der Anlagesumme und dem persönlichen „Stundenlohn“ ab. Eine einfache Rechnung verdeutlicht das Dilemma.

Fallbeispiel: Aufwands-Rendite-Rechnung beim Tagesgeld-Hopping

Ein Anleger hat 20.000 € zur Verfügung. Durch einen Bankwechsel sichert er sich ein Sonderangebot mit 0,5 % mehr Zinsen pro Jahr. Wie eine exemplarische Rechnung von Finanztip zeigt, resultiert dies in einem Mehrertrag von 100 € vor Steuern. Benötigt der Anleger für Recherche, Kontoeröffnung, Ident-Verfahren und die spätere Verwaltung insgesamt 8 Stunden, entspricht dies einem effektiven Stundenlohn von nur 12,50 €. Für viele Anleger, deren Zeit knapp ist, lohnt sich dieser administrative Aufwand kaum.

Eine interessante Alternative zum aufwändigen Tagesgeld-Hopping sind ETFs auf Staatsanleihen mit sehr kurzer Laufzeit (z.B. 0-1 Jahr). Diese Produkte bündeln Anleihen, die kurz vor der Fälligkeit stehen, und haben dadurch eine extrem niedrige Duration und ein minimales Kursrisiko. Ihre Rendite orientiert sich eng am aktuellen kurzfristigen Zinsniveau der EZB. Der Vorteil: Sie investieren einmalig und profitieren automatisch von Zinsanpassungen, ohne ständig Konten wechseln zu müssen. Zudem greift bei Anleihe-ETFs die steuerliche Teilfreistellung von 15 % auf die Erträge, was den Ertrag nach Steuern gegenüber dem Tagesgeld verbessern kann, bei dem ein Freistellungsauftrag verwaltet werden muss.

Für Anleger, die maximale Einfachheit und Sicherheit suchen, kann ein solcher Kurzläufer-ETF eine sehr gute Alternative zum Tagesgeld sein. Er kombiniert eine attraktive, marktgerechte Rendite mit minimalem Risiko und Aufwand und erfüllt damit die Kernanforderungen eines Sicherheitsankers im Depot.

Häufig gestellte Fragen zu Rentenfonds und Anleihen

Was bedeutet Euro-Hedged konkret?

Der Fonds sichert das Währungsrisiko durch Termingeschäfte ab, sodass EUR/USD-Schwankungen neutralisiert werden. Der Anleger erhält so die reine Anleiherendite in der Fremdwährung, umgerechnet in Euro, abzüglich der Absicherungskosten.

Wann lohnt sich die Absicherung?

Die Währungsabsicherung lohnt sich immer dann, wenn Sie keine Währungsspekulation eingehen möchten und stabile, planbare Erträge in Euro bevorzugen. Für sicherheitsorientierte Anleger ist sie bei Fremdwährungsanleihen praktisch Pflicht.

Warum überhaupt US-Anleihen statt Bundesanleihen?

US-Treasuries gelten als der liquideste und ultimative globale sichere Hafen. In einer schweren, isolierten Euro-Krise könnten sie eine zusätzliche Schutzfunktion bieten, die deutsche Bundesanleihen, die direkt von der Krise betroffen wären, nicht in gleichem Maße leisten können.

Wann funktionieren Inflationsgeschützte Anleihen (Linker) optimal?

Sie funktionieren am besten bei einem unerwarteten Anstieg der Inflation, der nicht sofort von der Zentralbank mit Zinserhöhungen bekämpft wird. Wenn die Inflation also überraschend stark steigt, die Zinsen aber stabil bleiben oder fallen, bieten sie den besten Schutz.

Was ist der Unterschied zwischen deutschen Linkern und US-TIPS?

Der Hauptunterschied liegt in der Marktgröße und Liquidität. Der Markt für US-TIPS (Treasury Inflation-Protected Securities) ist deutlich größer und liquider als der für deutsche inflationsindexierte Bundesanleihen, was zu geringeren Handelsspannen führt.

Sollte ich 2024 in Inflationsanleihen investieren?

Eine Investition wäre nur dann sinnvoll, wenn Sie einen plötzlichen Angebotsschock erwarten (z.B. durch eine neue geopolitische Krise), auf den die Zentralbanken voraussichtlich nicht sofort mit starken Zinserhöhungen reagieren werden. Als strategischer Basisbaustein sind sie aktuell weniger geeignet.

Geschrieben von Sabine Müller, Unabhängige Honorarberaterin (Certified Financial Planner) mit Fokus auf ETFs, Altersvorsorge und passiven Vermögensaufbau. Seit 12 Jahren hilft sie Privatanlegern, provisionsfreie Strategien gegen die Rentenlücke zu entwickeln.