Veröffentlicht am März 12, 2024

Ihre Renteninformation ist kein Urteil, sondern ein Weckruf. Das Schliessen der Lücke ist weniger eine Frage des Verzichts als vielmehr eine des strategischen Vorgehens.

  • Erfolg im Vermögensaufbau basiert zu über 90 % auf einer durchdachten Systemarchitektur, nicht auf der Jagd nach Einzelaktien.
  • Unpräzise Ziele und ungenutztes Kapital auf dem Girokonto sind die grössten Bremsen für Ihre finanzielle Freiheit.

Empfehlung: Behandeln Sie Ihre Altersvorsorge wie ein professionelles Projekt. Der erste Schritt ist immer eine exakte, ehrliche Berechnung Ihres tatsächlichen Kapitalbedarfs.

Der Brief der Deutschen Rentenversicherung liegt auf dem Tisch und die Zahlen sind ernüchternd. Eine prognostizierte Lücke von 800 €, 1.000 € oder mehr pro Monat im Ruhestand. Für viele Angestellte in Deutschland zwischen 30 und 50 ist dies ein Moment, der von einem vagen Gefühl der Unsicherheit zu einer konkreten, dringenden Frage führt: Was jetzt? Die erste Reaktion ist oft von Panik oder Resignation geprägt, gefolgt von der Suche nach schnellen Lösungen.

Die gängigen Ratschläge sind schnell gefunden: „Mehr sparen“, „in Aktien investieren“ oder „eine Immobilie kaufen“. Doch diese pauschalen Antworten greifen zu kurz. Sie behandeln Symptome, nicht die Ursache. Viele beginnen motiviert, doch die anfängliche Energie verpufft, weil ein klares System, ein Fahrplan, fehlt. Es ist wie der Versuch, ein Haus ohne Bauplan zu errichten – das Fundament ist wackelig und das Ergebnis dem Zufall überlassen.

Aber was wäre, wenn der Schlüssel zum Schliessen Ihrer Rentenlücke nicht im blinden Sparen oder riskanten Spekulieren liegt, sondern in einem fundamental anderen Ansatz? Was, wenn die Lösung darin besteht, Ihre Altersvorsorge wie ein strategisches Projekt zu managen – mit klaren Zielen, Meilensteinen und einer durchdachten Systemarchitektur für Ihr Vermögen? Es geht nicht darum, auf alles zu verzichten, sondern darum, Ihr Kapital effizient für sich arbeiten zu lassen und an den entscheidenden Knotenpunkten Ihres Lebens die richtigen Weichen zu stellen.

Dieser Artikel führt Sie genau durch diesen strategischen Prozess. Wir werden nicht nur die typischen Fehler aufdecken, die wertvolle Zeit und Geld kosten, sondern Ihnen einen konkreten, zahlenbasierten Rahmen an die Hand geben. Sie lernen, Ihren Bedarf exakt zu berechnen, die richtigen Investitionsvehikel für Ihre Ziele zu wählen und Ihr Portfolio so zu strukturieren, dass es Sie sicher durch alle Lebensphasen trägt.

Der folgende Leitfaden ist Ihr persönlicher Projektplan für eine finanziell sichere Zukunft. Das Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen einen Überblick über die entscheidenden Etappen auf diesem Weg.

Warum 60% der deutschen Sparer ihre finanziellen Ziele im ersten Jahr verfehlen?

Deutschland ist eine Nation der Sparer. Die Absicht ist also vorhanden. Tatsächlich sparen die Deutschen fleissig für ihre Zukunft; die Altersvorsorge ist eines der häufigsten Sparmotive. Doch die bittere Wahrheit ist, dass ein Grossteil dieser Bemühungen ins Leere läuft. Der Hauptgrund ist ein Missverständnis: Sparen wird mit Vermögensaufbau gleichgesetzt. Doch das blosse Zurücklegen von Geld reicht in einer Welt mit Inflation und niedrigen Zinsen nicht aus. Es ist, als würde man für einen Marathon trainieren, indem man nur spazieren geht – die Anstrengung ist da, aber die Methode ist für das Ziel ungeeignet.

Das Problem liegt in der fehlenden Strategie. Viele Sparer agieren ohne einen klaren, quantifizierbaren Plan. Ziele wie „fürs Alter vorsorgen“ sind zu vage. Sie definieren weder die benötigte Endsumme noch den Weg dorthin. Ohne eine konkrete Zielgrösse und einen definierten Zeitplan ist jede Sparrate willkürlich und der Fortschritt nicht messbar. Es ist diese Unverbindlichkeit, die dazu führt, dass die Motivation nachlässt, sobald andere finanzielle Prioritäten oder unerwartete Ausgaben auftreten. Das Ziel rückt in weite Ferne und wird schliesslich aus den Augen verloren.

Hinzu kommt die psychologische Hürde, sich mit dem Thema Geldanlage aktiv auseinanderzusetzen. Die Angst vor Verlusten, die Komplexität der Finanzmärkte und eine traditionell risikoscheue Mentalität führen dazu, dass ein erheblicher Teil des Ersparten auf niedrig verzinsten Konten verharrt. Obwohl laut Statistischem Bundesamt 2024 die Sparquote bei beachtlichen 11,2 % lag, wird dieses Kapital oft nicht „aktiviert“. Es arbeitet nicht für den Sparer, sondern verliert schleichend an Wert. Der Wille ist da, aber der entscheidende Schritt vom Sparer zum Investor wird nicht vollzogen.

Wie berechnen Sie Ihren Kapitalbedarf für den Ruhestand auf den Euro genau?

Der erste Schritt in jedem erfolgreichen Projekt ist eine präzise Bestandsaufnahme und Zieldefinition. Bevor Sie auch nur einen Euro investieren, müssen Sie wissen, welche Summe Sie anstreben. Vage Schätzungen sind hier Ihr grösster Feind. Die Berechnung Ihrer Rentenlücke und des daraus resultierenden Kapitalbedarfs ist das Fundament Ihrer gesamten Altersvorsorge-Strategie. Es ist der Moment, in dem aus einem diffusen „Ich muss was tun“ ein konkretes, messbares Ziel wird: „Ich benötige X Euro, um meinen Lebensstandard zu halten.“

Nahaufnahme von Händen mit Taschenrechner über Finanzunterlagen

Diese Berechnung mag einschüchternd wirken, aber sie ist unerlässlich für die Klarheit und Motivation. Sie müssen Ihre aktuellen Ausgaben analysieren und realistisch einschätzen, wie viel Geld Sie im Ruhestand monatlich benötigen werden. Berücksichtigen Sie dabei unbedingt die Inflation, die Ihre Kaufkraft über die Jahre schmälert. Ein entscheidender Punkt ist die Unterscheidung zwischen Brutto- und Nettorente. Die Zahl auf Ihrem Rentenbescheid ist brutto – davon gehen noch Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung sowie eventuell Steuern ab.

Um Ihnen eine klare Struktur zu geben, haben wir einen praxiserprobten Plan entwickelt. Er führt Sie systematisch von der Analyse Ihrer heutigen Situation bis zur Definition Ihrer Sparstrategie.

Ihr Plan zur exakten Ermittlung der Rentenlücke

  1. Budget für den Ruhestand erstellen: Beginnen Sie spätestens 10 Jahre vor dem geplanten Renteneintritt damit, Ihre erwarteten monatlichen Ausgaben (Wohnen, Gesundheit, Freizeit) realistisch aufzulisten.
  2. Rentenlücke ermitteln: Ziehen Sie von Ihrem benötigten monatlichen Budget Ihre voraussichtlichen Netto-Einkünfte im Alter (gesetzliche Rente, Betriebsrente, Mieteinnahmen) ab. Berücksichtigen Sie dabei eine durchschnittliche Inflationsrate von 2 % pro Jahr.
  3. Kapitalbedarf berechnen: Multiplizieren Sie die monatliche Rentenlücke mit 12 (für das Jahr) und dann mit der erwarteten Anzahl an Rentenjahren (z. B. 20 oder 25). Diese Summe, die durchaus im sechsstelligen Bereich liegen kann, ist Ihr Zielkapital.
  4. Angespartes Vermögen bewerten: Erfassen Sie Ihr bereits vorhandenes, für die Rente bestimmtes Vermögen. Dazu zählen Guthaben aus Sparplänen, Depots, aber auch fällige Auszahlungen aus Lebensversicherungen oder erwartete Erbschaften.
  5. Sparstrategie definieren: Die Differenz zwischen Ihrem Kapitalbedarf und dem bereits angesparten Vermögen ist die Summe, die Sie noch aufbauen müssen. Leiten Sie daraus Ihre monatliche Sparrate ab und nutzen Sie den Zinseszinseffekt als Turbo für Ihren Vermögensaufbau.

Der Unterschied zwischen der Brutto- und Nettorente wird oft unterschätzt. Die folgende Tabelle verdeutlicht, warum eine reine Betrachtung der Bruttowerte zu fatalen Fehleinschätzungen führt.

Brutto- vs. Netto-Betrachtung im Ruhestand
Aspekt Bruttorente Nettorente
Standardrente (45 Jahre) 1.835,55 € ca. 1.600 €
Abzüge Kranken-/Pflegeversicherung, Steuern
Rentenniveau 48% des Durchschnittsverdienstes ca. 40-45% des letzten Nettoeinkommens

Eigenheim oder Aktiendepot: Was dient Ihrem Ziel der Altersvorsorge mehr?

Die Frage nach dem „Betongold“ versus dem Aktiendepot ist ein Klassiker in der deutschen Finanzplanung. Für viele ist die eigene Immobilie der Inbegriff von Sicherheit und ein zentraler Baustein der Altersvorsorge. Der Gedanke, im Alter mietfrei zu wohnen, ist verlockend und psychologisch wertvoll. Doch aus der Perspektive eines strategischen Vermögensaufbaus birgt diese Fokussierung erhebliche Risiken, die oft übersehen werden. Das Hauptproblem ist die mangelnde Diversifikation. Ihr gesamtes oder ein Grossteil Ihres Vermögens ist in einem einzigen Objekt an einem einzigen Standort gebunden.

Finanzexperten warnen hier vor einem erheblichen Konzentrationsrisiko, oft als „Klumpenrisiko“ bezeichnet. Dieses Risiko hat nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine geografische Dimension. Was passiert, wenn die Attraktivität des Standorts nachlässt, die Infrastruktur sich verschlechtert oder unvorhergesehene, teure Sanierungen anfallen?

Das ‚Klumpenrisiko‘ am Beispiel deutscher Städte: Eine Immobilie in München oder Berlin stellt ein enormes geografisches und wirtschaftliches Konzentrationsrisiko dar.

– Finanzexperten, Analyse der Vermögenskonzentration

Ein breit gestreutes Aktiendepot, beispielsweise über globale ETFs, bietet hier eine systemische Alternative. Anstatt alles auf eine Karte zu setzen, investieren Sie in tausende Unternehmen weltweit. Sie partizipieren am globalen Wirtschaftswachstum und sind nicht von der Entwicklung eines einzelnen Immobilienmarktes abhängig. Zudem ist ein Depot liquide. Sie können Teile davon bei Bedarf verkaufen, ohne gleich das ganze „Haus“ veräussern zu müssen. Eine Immobilie hingegen ist illiquide. Diese mangelnde Flexibilität kann im Alter, wenn unerwartete Ausgaben für Gesundheit oder Pflege anfallen, zu einem ernsthaften Problem werden.

Die Realität zeigt jedoch, dass viele Deutsche aus Angst vor den Schwankungen des Aktienmarktes den scheinbar sicheren Hafen bevorzugen – oder ihr Geld gänzlich uninvestiert lassen. Eine Umfrage zeigt, dass viele würden 25.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto anlegen, laut Anlage-Barometer 2024. Dies ist zwar verständlich, aber aus strategischer Sicht ineffizient. Die Kunst besteht darin, eine ausgewogene Systemarchitektur für Ihr Vermögen zu schaffen, in der beide Bausteine – Immobilie und Depot – ihre Rolle spielen können, ohne dass einer den anderen dominiert und ein gefährliches Klumpenrisiko entsteht.

Der Fehler bei der Zielsetzung, der Sie 5 Jahre Ihrer Arbeitszeit kosten kann

Ein Ziel zu haben ist gut. Ein spezifisches, messbares, aktionsorientiertes, realistisches und terminiertes (SMART) Ziel zu haben, ist entscheidend. Der häufigste und teuerste Fehler in der Finanzplanung ist die Vagheit. Ein Ziel wie „finanziell frei sein“ oder „genug für die Rente haben“ ist kein Ziel, sondern ein Wunsch. Es liefert keinen Handlungsrahmen und keine Messlatte für den Erfolg. Diese Unschärfe führt unweigerlich zu unzureichenden Massnahmen. Wenn Sie nicht genau wissen, welche Summe Sie bis wann benötigen, wie können Sie dann beurteilen, ob Ihre monatliche Sparrate von 300 € ausreicht oder ob es 800 € sein müssten?

Stellen Sie sich vor, Sie planen eine Autofahrt von Frankfurt nach Rom, aber anstatt eine Route zu berechnen, fahren Sie einfach „Richtung Süden“. Sie werden viel Zeit und Treibstoff verschwenden und wahrscheinlich nie ankommen. Genauso verhält es sich mit Ihrer Finanzplanung. Eine unzureichende Sparrate, die auf einem vagen Ziel basiert, kann dazu führen, dass Sie am Ende fünf, zehn oder sogar mehr Jahre länger arbeiten müssen als ursprünglich geplant, um die entstandene Lücke zu schliessen. Diese verlorenen Jahre an Lebenszeit sind die wahren Kosten eines unpräzisen Ziels.

Die Lösung liegt in der Anwendung der SMART-Formel auf Ihre Finanzen. Anstatt „fürs Alter sparen“ lautet ein SMARTes Ziel: „Ich werde bis zu meinem 67. Lebensjahr ein Kapital von 450.000 € aufbauen, um meine monatliche Rentenlücke von 800 € zu schliessen. Dafür investiere ich ab sofort monatlich 450 € in einen globalen ETF-Sparplan.“ Dieses Ziel ist spezifisch (450.000 €), messbar (monatliche Sparrate, Depotstand), aktionsorientiert (ETF-Sparplan einrichten), realistisch (basierend auf Ihrer finanziellen Situation) und terminiert (bis zum 67. Lebensjahr).

Ein solch klares Ziel schafft Verbindlichkeit. Es verwandelt einen vagen Wunsch in einen konkreten Projektplan. Sie können Ihren Fortschritt jederzeit überprüfen und bei Abweichungen gegensteuern. Diese Klarheit ist nicht nur ein technisches Detail, sondern ein enormer psychologischer Motivator. Jeder eingezahlte Euro, jeder positive Kontoauszug ist eine Bestätigung, dass Sie auf dem richtigen Weg sind, um Ihr wichtigstes Projekt erfolgreich abzuschliessen: Ihre finanzielle Unabhängigkeit.

Wann Sie Ihre Sparrate anpassen müssen: Die 3 kritischen Lebensphasen

Ihr Finanzplan ist kein starres Dokument, das einmal erstellt und dann ignoriert wird. Er ist ein lebendiges System, das sich mit Ihnen und Ihrem Leben verändern muss. Eine konstante Sparrate über 30 Jahre ist unrealistisch und ineffizient. Es gibt kritische Lebensphasen – wir nennen sie Entscheidungs-Knotenpunkte – in denen eine Anpassung Ihrer Strategie nicht nur möglich, sondern zwingend erforderlich ist, um auf Kurs zu bleiben oder Ihren Fortschritt sogar zu beschleunigen.

Weitwinkelaufnahme eines modernen Büroraums mit Finanzplanungsunterlagen

Der erste und vielleicht wichtigste Knotenpunkt ist eine Gehaltserhöhung oder Beförderung. Die grösste Gefahr hier ist die „Lifestyle-Inflation“ – die Tendenz, dass die Ausgaben mit dem Einkommen steigen. Anstatt das gesamte zusätzliche Nettoeinkommen für Konsum zu verwenden, ist dies die goldene Gelegenheit, Ihren Vermögensaufbau zu beschleunigen. Eine disziplinierte Regel lautet, mindestens 50 % jeder Netto-Gehaltserhöhung direkt in Ihren Sparplan zu leiten. Sie spüren keine Einschränkung im Lebensstandard, da Sie dieses Geld vorher nicht zur Verfügung hatten, aber Ihr Zinseszinseffekt erhält einen massiven Schub.

Ein weiterer kritischer Punkt sind Phasen mit reduziertem Einkommen, wie beispielsweise die Elternzeit. Hier ist die Versuchung gross, den Sparplan komplett zu stoppen. Aus strategischer Sicht ist dies jedoch ein Fehler. Kontinuität ist wichtiger als die Höhe der Rate. Selbst eine temporär reduzierte Sparrate hält den Zinseszinseffekt am Leben und, noch wichtiger, die Gewohnheit des regelmässigen Investierens aufrecht. Ein vollständiger Stopp führt oft dazu, dass der Wiedereinstieg schwerfällt und wertvolle Zeit verloren geht.

Der dritte entscheidende Knotenpunkt beginnt etwa 10-15 Jahre vor dem geplanten Renteneintritt, typischerweise ab dem 50. Lebensjahr. Hier verschiebt sich der Fokus von maximalem Wachstum hin zur Kapitalsicherung. Es ist die Phase, in der Sie beginnen sollten, das Risiko in Ihrem Portfolio schrittweise zu reduzieren, indem Sie von wachstumsorientierten Aktien-ETFs in stabilere Anlageklassen wie Anleihen umschichten. Ziel ist es, das über Jahrzehnte aufgebaute Vermögen vor einem möglichen Börsencrash kurz vor dem Ruhestand zu schützen.

Sparraten-Anpassung nach Lebensphasen
Lebensphase Empfohlene Anpassung Begründung
Nach Beförderung 50% der Gehaltserhöhung in Sparplan Lifestyle-Inflation vermeiden
Elternzeit Temporäre Reduzierung, kein Stopp Kontinuität wichtiger als Höhe
Ab 50 Jahre Schrittweise Umschichtung Risikoreduktion vor Ruhestand

Warum 50.000 € auf dem Girokonto nach 10 Jahren nur noch die Hälfte wert sind?

Einer der grössten Denkfehler, der gerade in einem sicherheitsorientierten Land wie Deutschland verbreitet ist, lautet: „Auf dem Konto ist mein Geld sicher, ich kann nichts verlieren.“ Das ist faktisch falsch. Sie verlieren zwar nominell keinen Euro, aber Sie erleiden einen garantierten, schleichenden Verlust durch zwei unsichtbare Kräfte: Inflation und Opportunitätskosten. Dieser doppelte Verlust halbiert die reale Kaufkraft Ihres Geldes viel schneller, als Sie vielleicht annehmen.

Zunächst zur Inflation. Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von nur 2 % pro Jahr verliert Ihr Geld an Kaufkraft. Nach 10 Jahren sind aus 50.000 € real nur noch rund 41.000 € geworden. Bei 3 % Inflation sind es sogar nur noch ca. 37.000 €. Sie können sich für dieselbe Summe deutlich weniger leisten. Ihr Geld auf dem Girokonto zu belassen, ist also eine aktive Entscheidung für einen garantierten Wertverlust. Obwohl die deutsche Sparquote mit 10,4% hoch ist, während sie in Italien nur bei 0,3% liegt, arbeitet ein grosser Teil dieses Geldes nicht, sondern schmilzt dahin.

Noch dramatischer sind die Opportunitätskosten – der entgangene Gewinn, den Sie hätten erzielen können, wenn Sie das Geld investiert hätten. Nehmen wir an, Sie hätten die 50.000 € stattdessen in einen breit gestreuten, globalen Aktien-ETF investiert, der eine durchschnittliche historische Rendite von 7 % pro Jahr erzielt. Nach 10 Jahren wären aus Ihren 50.000 € fast 98.500 € geworden. Die Differenz zwischen dem realen Wert auf dem Girokonto (ca. 41.000 € bei 2% Inflation) und dem potenziellen Wert im Depot (98.500 €) beträgt über 57.000 €. Das ist der Preis für die vermeintliche Sicherheit.

Das Konzept der Kapital-Effizienz ist hier zentral. Jeder Euro, der ungenutzt auf dem Girokonto liegt, ist „faules Kapital“. Er generiert keine Rendite und wird von der Inflation aufgefressen. Jeder Euro, der in einem produktiven Vermögenswert wie einem ETF investiert ist, ist „fleissiges Kapital“. Er arbeitet für Sie und generiert über den Zinseszinseffekt neue Erträge. Ihre Aufgabe im Projekt „Altersvorsorge“ ist es, den Anteil des faulen Kapitals zu minimieren und den des fleissigen Kapitals zu maximieren.

Warum ist die Strategie wichtiger für den Erfolg als die Auswahl einzelner Aktien?

Viele Anleger, die den Schritt an die Börse wagen, verfallen schnell in den Modus eines Schatzsuchers. Sie jagen der nächsten „heissen“ Aktie hinterher, lesen Analystenmeinungen und versuchen, den Markt zu timen. Diese Vorgehensweise, bekannt als „Stock Picking“, ist nicht nur zeitaufwendig und stressig, sondern für den langfristigen Erfolg auch erstaunlich irrelevant. Die Vorstellung, durch die Auswahl der richtigen Einzelaktien den Markt schlagen zu können, ist einer der hartnäckigsten und kostspieligsten Mythen der Finanzwelt.

Wissenschaftliche Studien haben dies eindrücklich belegt. Die berühmteste Untersuchung von Brinson, Hood und Beebower kam zu einem bahnbrechenden Ergebnis: Nicht die Auswahl einzelner Wertpapiere (Stock Picking) oder der Versuch, den richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt zu finden (Market Timing), ist entscheidend für den Anlageerfolg. Stattdessen ist es die strategische Aufteilung des Vermögens auf verschiedene Anlageklassen – die sogenannte Asset Allocation.

Diese Studie und ihre Nachfolger zeigen, dass über 90% des Anlageerfolgs von der Asset Allocation abhängen. Das bedeutet, die Entscheidung, wie viel Prozent Ihres Geldes Sie in Aktien, Anleihen, Immobilien oder Rohstoffe investieren, hat einen weitaus grösseren Einfluss auf Ihre Rendite und Ihr Risiko als die Frage, ob Sie die Aktie von Unternehmen A oder Unternehmen B kaufen. Die Strategie schlägt die Taktik um Längen. Es ist die Architektur Ihres Hauses, die für Stabilität sorgt, nicht die Farbe der Türklinken.

Für Privatanleger bedeutet das eine enorme Entlastung. Sie müssen nicht zum Finanzexperten werden oder stundenlang Bilanzen wälzen. Ihre Aufgabe ist es, eine für Ihre Ziele und Ihre Risikotoleranz passende Systemarchitektur für Ihr Vermögen zu entwerfen. Mit kostengünstigen, breit gestreuten ETFs können Sie diese Strategie einfach und effizient umsetzen. Ein simpler Sparplan auf einen globalen Aktien-ETF ist eine weitaus robustere und erfolgreichere Strategie als die aufregende, aber meist vergebliche Jagd nach der nächsten „Gewinner-Aktie“.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Schliessen Ihrer Rentenlücke ist ein strategisches Projekt, kein Sparakt. Ein präziser Plan ist entscheidend.
  • Die Asset Allocation, also Ihre strategische Vermögensaufteilung, bestimmt über 90 % Ihres Anlageerfolgs, nicht die Auswahl einzelner Aktien.
  • Kapital auf dem Girokonto verliert garantiert an Wert. Aktivieren Sie Ihr Geld durch Investitionen, um Inflation und Opportunitätskosten zu schlagen.

Wie strukturieren Sie ein Portfolio, das zu 90% Ihrer Lebensziele passt?

Nachdem wir festgestellt haben, dass die Strategie entscheidend ist, stellt sich die letzte und wichtigste Frage: Wie sieht eine solche strategische Portfoliostruktur konkret aus? Das Ziel ist es, eine Architektur zu schaffen, die robust genug ist, um Marktschwankungen zu überstehen, und gleichzeitig renditestark genug, um Ihre finanziellen Ziele zu erreichen. Es geht um eine Struktur, die zu Ihnen passt – Ihrer Risikotoleranz, Ihrem Anlagehorizont und Ihren Lebenszielen.

Für die meisten Anleger, die langfristig für den Ruhestand vorsorgen, hat sich eine Kern-Satelliten-Strategie als äusserst effektiv erwiesen. Der Kern Ihres Portfolios, der etwa 70-80 % des Gesamtvermögens ausmacht, sollte in einen oder zwei breit diversifizierte, kostengünstige globale Aktien-ETFs investiert sein. Diese bilden die Weltwirtschaft ab und sorgen für ein stabiles Fundament. Ein beliebtes und bewährtes Modell ist hier eine Aufteilung, die dem globalen Bruttoinlandsprodukt nahekommt. Eine solche 70:30-Aufteilung ist eine beliebte Gewichtung zwischen ETFs auf Industrieländer (z. B. MSCI World) und Schwellenländer (z. B. MSCI Emerging Markets).

Um diesen Kern herum können Sie Satelliten-Positionen aufbauen, die 10-20 % des Portfolios ausmachen. Hier können Sie gezielte Investitionen tätigen, die Ihren persönlichen Überzeugungen oder Markteinschätzungen entsprechen. Das können zum Beispiel ETFs auf bestimmte Branchen (Technologie, Erneuerbare Energien), Regionen oder Anlagethemen (Nachhaltigkeit) sein. Diese Satelliten ermöglichen es Ihnen, Akzente zu setzen, ohne die Stabilität des Kerns zu gefährden.

Die verbleibenden 10 % können als sicherer Baustein dienen, typischerweise in Form von Tages- oder Festgeld, um Liquidität für unvorhergesehene Ausgaben zu gewährleisten und das Gesamtrisiko des Portfolios zu dämpfen. Diese Struktur ist nicht in Stein gemeisselt. Sie muss regelmässig (z. B. einmal im Jahr) überprüft und durch sogenanntes Rebalancing wieder auf die ursprüngliche Gewichtung zurückgesetzt werden. Damit stellen Sie sicher, dass Ihr Portfolio nicht durch die unterschiedliche Wertentwicklung der Anlageklassen aus dem Gleichgewicht gerät und die Architektur intakt bleibt.

Die Umsetzung dieser Struktur ist der letzte, entscheidende Schritt Ihres Projekts. Erfahren Sie noch einmal im Detail, wie Sie Ihr persönliches Portfolio passgenau aufbauen.

Sie haben nun alle Werkzeuge an der Hand, um die Lücke in Ihrer Altersvorsorge nicht nur zu verstehen, sondern systematisch zu schliessen. Der Weg von der schockierenden Renteninformation zu einem soliden, funktionierenden Vermögensaufbau ist ein machbares Projekt. Beginnen Sie noch heute damit, Ihren persönlichen Projektplan für den Ruhestand zu entwerfen. Ihre finanzielle Zukunft ist das wichtigste Projekt Ihres Lebens.

Geschrieben von Thomas Wagner, Unabhängiger Honorar-Finanzanlagenberater und Certified Financial Planner (CFP) mit über 15 Jahren Erfahrung in der strategischen Vermögensplanung. Er ist spezialisiert auf evidenzbasierte Anlagestrategien mittels ETFs und die Schließung der Rentenlücke für Privatanleger.