Veröffentlicht am März 12, 2024

Die Suche nach der „nächsten Top-Aktie“ ist eine Sackgasse; der wahre Hebel für Ihren Anlageerfolg liegt nicht in der Auswahl einzelner Titel, sondern in der strategischen Architektur Ihres Gesamtportfolios.

  • Die Struktur Ihres Portfolios (Asset Allocation) bestimmt nachweislich über 90 % Ihres langfristigen Erfolgs.
  • Eine übermässige Konzentration auf deutsche Aktien (Home Bias) ist eines der grössten, oft übersehenen Risiken für deutsche Anleger.
  • Alte Anlageweisheiten wie das 60/40-Portfolio verlieren in Zeiten steigender Zinsen und Inflation ihre stabilisierende Wirkung.

Empfehlung: Definieren Sie eine klare, globale Aufteilungsstrategie für Ihr Vermögen, bevor Sie auch nur einen Euro in eine Einzelinvestition stecken.

Vielleicht kennen Sie das Gefühl: Sie haben Ihr Depot fest im Blick, verfolgen die Kurse Ihrer DAX-Favoriten und hoffen, die nächste Siemens oder SAP frühzeitig zu entdecken. Viele Anleger, gerade in Deutschland, glauben, dass der Schlüssel zu Reichtum darin liegt, auf die vermeintlich sicheren und bekannten Unternehmen aus dem Heimatmarkt zu setzen. Dieser Fokus auf die Titelauswahl, das sogenannte „Stock Picking“, ist weit verbreitet. Man verbringt Stunden mit der Analyse von Bilanzen und Nachrichten, immer auf der Jagd nach dem einen, entscheidenden Vorteil.

Doch was, wenn dieser Ansatz der falsche Weg ist? Was, wenn die Energie, die Sie in die Auswahl einzelner Aktien stecken, nur einen Bruchteil Ihres tatsächlichen Erfolgs ausmacht? Die moderne Portfoliotheorie zeigt unmissverständlich: Nicht die einzelnen Bausteine, sondern die Architektur Ihres Vermögens – die strategische Asset Allocation – ist der entscheidende Faktor für langfristigen Erfolg und Stabilität. Es geht nicht darum, die beste Aktie zu finden, sondern die richtige Mischung aus verschiedenen Anlageklassen wie Aktien, Anleihen und Rohstoffen zu konstruieren, die zu Ihren Zielen und Ihrer Risikobereitschaft passt.

Dieser ganzheitliche Ansatz verlagert den Fokus von der spekulativen Jagd auf Einzelwerte hin zur disziplinierten Gestaltung einer robusten Gesamtstruktur. In diesem Artikel werden wir diesen Paradigmenwechsel vollziehen. Wir werden aufdecken, warum die Asset Allocation so mächtig ist, wie Sie typische Fehler wie die „Heimat-Falle“ vermeiden und warum alte Börsenweisheiten heute auf den Prüfstand gehören. Ziel ist es, Ihnen ein klares Framework an die Hand zu geben, um Ihr Vermögen nicht nur zu vermehren, sondern es auf einem soliden, globalen Fundament zu sichern.

Um die komplexen Zusammenhänge der strategischen Vermögensaufteilung zu verstehen, haben wir diesen Artikel in übersichtliche Abschnitte gegliedert. Die folgende Übersicht führt Sie durch die zentralen Aspekte, von den grundlegenden Prinzipien bis hin zu den häufigsten Fallstricken und deren Lösungen.

Warum die Asset-Allocation für 90% Ihrer langfristigen Rendite verantwortlich ist?

Die Entscheidung, wie Sie Ihr Vermögen auf verschiedene Anlageklassen wie Aktien, Anleihen und Rohstoffe aufteilen, ist die wichtigste finanzielle Weichenstellung, die Sie treffen. Der Grund dafür ist, dass diese strategische Aufteilung die breiten Marktbewegungen einfängt, die weitaus einflussreicher sind als die Performance einzelner Titel. Die Auswahl der „richtigen“ Aktie kann zwar kurzfristig für Freude sorgen, doch langfristig wird ihr Beitrag zur Gesamtrendite von der Entwicklung der Anlageklasse, zu der sie gehört, überschattet.

Diese Erkenntnis ist keine blosse Meinung, sondern das Ergebnis einer der einflussreichsten Studien der Finanzgeschichte. Die bahnbrechende Brinson-Hood-Beebower-Studie aus dem Jahr 1986 analysierte die Renditen von 91 grossen US-Pensionsfonds. Das Ergebnis war verblüffend: Die Untersuchung zeigte, dass 93,6 % der Variabilität der Portfoliorenditen allein durch die Asset-Allocation-Politik erklärt werden konnte. Market Timing und die Auswahl einzelner Wertpapiere spielten eine verschwindend geringe Rolle. Diese Erkenntnis stellt den Fokus vieler Privatanleger auf den Kopf.

Stellen Sie sich Ihr Portfolio wie ein Segelboot vor. Die Asset Allocation ist das Design des Rumpfes und die Grösse des Segels – sie bestimmt, wie das Boot grundsätzlich mit Wind und Wellen (den Marktkräften) umgeht. Die Auswahl einer einzelnen Aktie ist hingegen vergleichbar mit dem Versuch, durch besonders geschicktes Rudern die Geschwindigkeit zu erhöhen. Es mag einen kleinen Unterschied machen, aber die grundlegende Performance wird vom Boot selbst und den vorherrschenden Winden bestimmt. Der wahre Hebel liegt also in der Struktur statt in der Selektion. Wer seine Zeit und Energie in die Definition einer soliden, langfristigen Anlagestrategie investiert, hat den grössten Teil des Weges zum Erfolg bereits zurückgelegt.

Wie vermeiden Sie den „Home Bias“ und die Übergewichtung deutscher Aktien?

Der „Home Bias“ beschreibt die Neigung von Anlegern, einen überproportional grossen Teil ihres Vermögens in heimische Wertpapiere zu investieren. Für deutsche Anleger bedeutet dies oft ein Depot, das stark vom DAX oder anderen deutschen Indizes dominiert wird. Dieses Verhalten ist verständlich – man investiert in Unternehmen, deren Namen man kennt und deren Produkte man täglich nutzt. Doch diese emotionale Nähe birgt ein erhebliches Klumpenrisiko und widerspricht dem fundamentalen Prinzip der Diversifikation.

Visuelle Darstellung der globalen Portfolio-Diversifikation

Der deutsche Aktienmarkt macht, gemessen an der globalen Marktkapitalisierung, nur einen kleinen Bruchteil aus – oft weniger als 3 %. Wenn Sie also 50 % oder mehr Ihres Aktienportfolios in deutsche Titel investiert haben, setzen Sie alles auf eine sehr kleine Region der Weltwirtschaft. Sie ignorieren damit das Wachstumspotenzial und die stabilisierende Wirkung von Märkten in Nordamerika, Asien und anderen Teilen Europas. Diese Konzentration macht Ihr Vermögen extrem anfällig für lokale Wirtschaftskrisen, politische Entscheidungen in Deutschland oder branchenspezifische Probleme, die deutsche Leitindustrien betreffen. Sie befinden sich in der Heimat-Falle.

Der Ausweg aus dieser Falle liegt in einer bewussten, globalen Diversifikation. Anstatt zu versuchen, die besten deutschen Unternehmen zu finden, sollten Sie Ihr Kapital strategisch über den gesamten Globus verteilen. Dies lässt sich heute unkompliziert und kostengünstig über global anlegende ETFs (Exchange Traded Funds) realisieren. Ein ETF auf den MSCI World Index beispielsweise investiert in über 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern und bietet so auf einen Schlag eine breite Streuung. Eine Ergänzung durch einen Schwellenländer-ETF rundet die globale Abdeckung ab.

Ihr Plan zur Überwindung des Home Bias:

  1. Portfolio-Analyse: Analysieren Sie Ihr aktuelles Portfolio und bestimmen Sie den prozentualen Anteil deutscher Aktien am Gesamtwert.
  2. Realitäts-Check: Vergleichen Sie diesen Anteil mit der globalen Marktkapitalisierung Deutschlands (ca. 3%). Wird die Diskrepanz deutlich?
  3. Globale Ergänzung: Bauen Sie schrittweise Positionen in internationalen ETFs auf, z. B. auf den MSCI World oder FTSE All-World, um das Gewicht anderer Regionen zu erhöhen.
  4. Währungsrisiken prüfen: Machen Sie sich bewusst, dass globale Anlagen auch Währungsschwankungen unterliegen. Prüfen Sie, ob für Sie währungsgesicherte ETF-Varianten sinnvoll sind.
  5. Regelmässiges Rebalancing: Überprüfen Sie jährlich Ihre geografische Aufteilung und stellen Sie die ursprünglich gewünschte Gewichtung wieder her, um eine erneute Schieflage zu vermeiden.

Aktien und Anleihen: Warum funktioniert diese Kombination nicht mehr so wie früher?

Jahrzehntelang galt das 60/40-Portfolio – 60 % Aktien und 40 % Anleihen – als goldener Standard der Vermögensanlage. Die Logik war einfach und bestechend: Wenn die Aktienmärkte fielen (z. B. in einer Rezession), stiegen tendenziell die Kurse von hochwertigen Staatsanleihen, da Anleger in sichere Häfen flüchteten. Anleihen wirkten also wie ein Stossdämpfer. Diese negative Korrelation machte die Kombination äusserst robust. Doch dieses ungeschriebene Gesetz hat in den letzten Jahren Risse bekommen.

Der Hauptgrund für diesen Korrelationsbruch ist das veränderte Inflations- und Zinsumfeld. In Phasen hoher Inflation, wie wir sie jüngst erlebt haben, sehen sich die Zentralbanken gezwungen, die Zinsen aggressiv zu erhöhen. Steigende Zinsen sind jedoch Gift für die Kurse bestehender Anleihen, da neu ausgegebene Anleihen eine höhere Verzinsung bieten und die alten somit an Attraktivität verlieren. Gleichzeitig belasten höhere Zinsen und die Inflation die Gewinnaussichten von Unternehmen, was wiederum die Aktienkurse drückt. Das Ergebnis: Aktien und Anleihen fallen gleichzeitig. Genau dieses Szenario war während der Inflationsspitzen 2022/2023 zu beobachten, als sowohl der DAX als auch deutsche Staatsanleihen erhebliche Verluste verzeichneten.

Das bedeutet nicht, dass Anleihen nutzlos geworden sind. Sie liefern weiterhin planbare Zinserträge und weisen in der Regel eine geringere Volatilität als Aktien auf. Aber ihre Rolle als verlässlicher Stabilisator ist geschwächt. Für Anleger bedeutet dies, dass sie über den Tellerrand des klassischen 60/40-Modells blicken und ihre Diversifikationsstrategie erweitern müssen. Alternative Anlageklassen rücken damit stärker in den Fokus, um ein Portfolio widerstandsfähiger zu machen.

Die folgende Tabelle zeigt einige Alternativen zu klassischen Staatsanleihen und deren Eigenschaften im Vergleich. Sie können helfen, die Abhängigkeit von der traditionellen Aktien-Anleihen-Dynamik zu verringern.

Alternative Anlageklassen im Vergleich zu Bundesanleihen
Anlageklasse Korrelation zu Aktien Inflationsschutz Volatilität
Bundesanleihen Mittel-Hoch Niedrig Mittel
Inflationsindexierte Anleihen Niedrig Hoch Niedrig
Infrastruktur-ETFs Niedrig-Mittel Mittel Mittel
Rohstoffe/Gold Sehr niedrig Hoch Hoch

Der Fehler, im Alter zu 100% in Aktien investiert zu bleiben

Eine hohe Aktienquote ist in jungen Jahren sinnvoll. Der lange Anlagehorizont erlaubt es, Marktschwankungen auszusitzen und vom langfristigen Wachstum der Weltwirtschaft zu profitieren. Doch die Vorstellung, dieses hohe Risiko bis ins Rentenalter beizubehalten, ist ein gefährlicher Trugschluss. Der grösste Feind eines Anlegers kurz vor oder im Ruhestand ist das sogenannte Sequenz-der-Renditen-Risiko (Sequence of Returns Risk).

Visualisierung der Portfolio-Umschichtung mit zunehmendem Alter

Dieses Risiko beschreibt die Gefahr, dass ein starker Markteinbruch genau zu Beginn der Entnahmephase eintritt. Wenn Sie gezwungen sind, Anteile zu verkaufen, um Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, während die Kurse am Boden sind, realisieren Sie hohe Verluste. Dies zehrt Ihr Kapital so stark auf, dass es sich möglicherweise nie wieder erholt, selbst wenn die Märkte später wieder steigen. Ein zu 100 % in Aktien investiertes Portfolio maximiert dieses Risiko. Ein Crash von 40 % kurz nach Renteneintritt kann einen sorgfältig erarbeiteten Finanzplan zunichtemachen.

Eine bekannte Faustregel zur Anpassung der Aktienquote lautet: 100 minus Lebensalter = prozentualer Aktienanteil. Ein 40-Jähriger könnte demnach 60 % in Aktien halten, ein 70-Jähriger nur noch 30 %. Obwohl diese Regel eine nützliche Orientierung bietet, ist sie zu starr. Eine moderne Herangehensweise berücksichtigt auch den individuellen Liquiditätsbedarf und die Höhe der sicheren Einkünfte wie die gesetzliche Rente. Die gesetzliche Rente kann gedanklich als eine Art „sichere Anleihe“ betrachtet werden und erlaubt dadurch möglicherweise eine etwas höhere Aktienquote im restlichen Depot.

Der Schlüssel ist ein schrittweiser und geplanter Übergang. Anstatt abrupt am Tag des Renteneintritts umzuschichten, sollten Sie bereits 5 bis 10 Jahre vorher beginnen, das Risiko systematisch zu reduzieren. So vermeiden Sie es, auf dem Höhepunkt einer Blase oder am Tiefpunkt einer Krise zu drastischen Massnahmen gezwungen zu sein.

  • Liquiditätsbedarf berechnen: Ermitteln Sie, wie viel Geld Sie in den ersten 2-3 Jahren des Ruhestands benötigen, und halten Sie diese Summe in sehr sicheren Anlagen wie Tagesgeld oder kurzlaufenden Anleihen.
  • Aktienquote schrittweise senken: Beginnen Sie Jahre vor dem Ruhestand damit, Aktienanteile schrittweise in risikoärmere Anlagen umzuschichten.
  • Gesamtvermögen betrachten: Berücksichtigen Sie Ihre gesetzliche Rente und andere sichere Einkünfte als stabilisierenden „Anleihen-Teil“ Ihrer Gesamtallokation.
  • Sicherheitspuffer aufbauen: Ein Puffer aus sicheren Anlagen gibt Ihnen die Flexibilität, in einem Börsencrash nicht verkaufen zu müssen und auf eine Erholung der Märkte warten zu können.

Wie viel Gold oder Rohstoffe gehören in ein ausgewogenes Sicherheitsdepot?

In einer Welt, in der die traditionelle Schutzfunktion von Anleihen nachlässt, rücken Gold und andere Rohstoffe als alternative Stabilisatoren in den Fokus. Ihre wichtigste Eigenschaft ist nicht die Erzielung hoher Renditen, sondern ihre typischerweise niedrige oder sogar negative Korrelation zu Aktien. Gold wird oft als der ultimative Sicherheitsanker angesehen.

Die Rolle von Gold zeigt sich besonders in Krisenzeiten. Wenn an den Aktienmärkten Panik ausbricht und die Kurse fallen, flüchten Anleger traditionell in das als sicher geltende Edelmetall, was dessen Preis treibt. Diese gegenläufige Bewegung kann die Verluste im Aktienteil des Portfolios teilweise abfedern und dem Gesamtdepot Stabilität verleihen. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass Gold keine Zinsen oder Dividenden abwirft. Sein Wert entsteht einzig durch Angebot und Nachfrage. Es ist eine Versicherung, keine Renditemaschine.

Für deutsche Anleger hat die Investition in physisches Gold oder bestimmte goldbesicherte Wertpapiere (wie Xetra-Gold) einen weiteren, erheblichen Vorteil: Nach einer Haltedauer von einem Jahr sind die Gewinne steuerfrei. Dies ist in § 23 des Einkommensteuergesetzes (EStG) geregelt und macht Gold zu einer steuerlich attraktiven Ergänzung im Vergleich zu Aktien oder Fonds, deren Gewinne der Abgeltungsteuer unterliegen.

Doch wie viel Gold ist sinnvoll? Experten empfehlen in der Regel eine Beimischung von 5 % bis maximal 10 % des Gesamtportfolios. Eine höhere Gewichtung würde das Gesamtrisiko wieder erhöhen, da Gold selbst starken Preisschwankungen unterliegt. Eine kleine Allokation reicht bereits aus, um die gewünschte stabilisierende Wirkung in Krisenzeiten zu entfalten, ohne die langfristigen Renditechancen des Portfolios zu stark zu beeinträchtigen. Neben Gold können auch breiter gestreute Rohstoff-ETCs eine diversifizierende Funktion haben, allerdings sind diese oft noch volatiler und komplexer zu bewerten.

Warum ist die Strategie wichtiger für den Erfolg als die Auswahl einzelner Aktien?

Die Faszination, durch die Auswahl der „richtigen“ Aktie den Markt zu schlagen, ist gross. Doch die harte Realität und zahlreiche Studien belegen, dass dies für die meisten Anleger ein aussichtsloses Unterfangen ist. Wie bereits erwähnt, ist die strategische Asset Allocation der alles entscheidende Faktor. Eine Zitatensammlung aus einem Artikel der NZZ unterstreicht diese Erkenntnis eindrücklich und zitiert die wegweisende Brinson-Studie:

Eine Studie von Brinson, Hood & Beebower, die 91 grosse US-Pensionskassen von 1973 bis 1986 untersucht haben, kam zu dem Ergebnis, dass die strategische Asset-Allocation mehr als 90% zum langfristigen Erfolg des Anlageansatzes beiträgt. Die Titelselektion, also das Auswählen einzelner Aktien oder Anleihen, die sich besser entwickeln als der Gesamtmarkt, trägt nur 4,6% zum Erfolg bei.

– NZZ, Das Rezept für den Anlageerfolg

Diese Zahlen sind eine klare Absage an die Illusion des erfolgreichen Stock Pickings. Selbst professionelle Fondsmanager, die über ganze Analyseabteilungen und modernste Technologien verfügen, scheitern mehrheitlich an dieser Aufgabe. Jahr für Jahr zeigen Auswertungen, dass eine überwältigende Mehrheit der Profis es nicht schafft, ihre jeweilige Benchmark (den Vergleichsmarkt) zu übertreffen. Daten belegen, dass oft 80-90 % der aktiv gemanagten Fonds in Europa dieses Ziel verfehlen, insbesondere nach Abzug ihrer hohen Gebühren.

Wenn also selbst die Profis es nicht schaffen, warum sollten Privatanleger ihre Zeit und Energie darauf verwenden? Der Versuch, den Markt zu schlagen, führt oft zu übermässigem Handeln, höheren Kosten und emotionalen Entscheidungen, die der Rendite schaden. Der weitaus klügere und erfolgreichere Ansatz ist es, den Markt nicht schlagen zu wollen, sondern ihn so kostengünstig und breit wie möglich zu „kaufen“. Dies gelingt am besten über eine passive Anlagestrategie mit ETFs. Anstatt auf einzelne Pferde zu wetten, setzen Sie auf die gesamte Rennbahn. Sie akzeptieren die Marktrendite und konzentrieren sich auf die Faktoren, die Sie wirklich kontrollieren können: Ihre Sparrate, Ihre Kosten und Ihre langfristige Anlagestrategie.

Ab wann schadet zu viel Streuung Ihrer Rendite (Diworsification)?

Diversifikation ist gut, aber zu viel des Guten kann schädlich sein. Dieses Phänomen wird als „Diworsification“ bezeichnet – ein Kofferwort aus „Diversification“ und „Worse“ (schlechter). Es tritt auf, wenn ein Portfolio so komplex und mit so vielen verschiedenen, sich überschneidenden Anlagen gefüllt ist, dass es an Transparenz verliert, die Kosten steigen und die Rendite letztendlich leidet.

Ein typisches Beispiel ist ein Anleger, der neben einem globalen ETF noch unzählige Themen-ETFs auf „Zukunftstrends“ wie Robotik, künstliche Intelligenz oder saubere Energie kauft. Auf den ersten Blick scheint dies eine clevere Spezialisierung zu sein. In Wirklichkeit sind die grössten Unternehmen dieser Trend-ETFs (wie Nvidia oder Microsoft) oft bereits prominent im globalen Basis-ETF enthalten. Der Anleger kauft also dieselben Aktien mehrfach, erhöht aber die Komplexität und die Kosten seines Depots. Viele Themen-ETFs haben zudem eine deutlich höhere Gesamtkostenquote (TER) als breit gestreute Standard-ETFs, was die Rendite über die Jahre hinweg schmälert.

Das Ziel der Diversifikation ist es, das unsystematische Risiko (das Risiko einzelner Unternehmen oder Branchen) zu reduzieren, nicht aber, jede noch so kleine Nische abzudecken. Ein Portfolio aus nur zwei oder drei breit gestreuten ETFs (z.B. ein Welt-ETF und ein Schwellenländer-ETF) kann bereits eine exzellente globale Streuung mit Tausenden von Aktien erreichen – und das zu minimalen Kosten.

Die folgende Tabelle verdeutlicht, wie schnell die Kosten bei einem überdiversifizierten Portfolio im Vergleich zu einem einfachen Ansatz steigen können.

Kostenvergleich: Überdiversifiziertes vs. einfaches Portfolio
Portfolio-Typ Anzahl ETFs Durchschnittliche TER Jährliche Gesamtkosten (10.000€)
Überdiversifiziert (Themen-ETFs) 5-7 0,45-0,65% 45-65€
Einfach (World + EM) 2 0,15-0,20% 15-20€

Um „Diworsification“ zu vermeiden, sollten Sie sich auf die Grundlagen konzentrieren:

  • Kern-Satelliten-Ansatz verfolgen: Bauen Sie ein solides Kernportfolio aus wenigen, breiten ETFs auf. Spezielle Themen können Sie als kleine „Satelliten“ beimischen, aber sie sollten nie den Kern dominieren.
  • Überlappungen analysieren: Nutzen Sie Online-Tools, um zu prüfen, wie stark sich die enthaltenen Aktien Ihrer verschiedenen ETFs überschneiden.
  • Korrelation prüfen: Eine echte Diversifikation entsteht durch Anlagen, die sich möglichst unabhängig voneinander bewegen (niedrige Korrelation).
  • Kosten im Blick behalten: Jedes zusätzliche Produkt im Depot muss seinen Mehrwert gegenüber den gestiegenen Kosten und der Komplexität rechtfertigen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die strategische Asset Allocation ist der wichtigste Hebel und erklärt über 90 % der Renditeschwankungen Ihres Portfolios.
  • Vermeiden Sie die „Heimat-Falle“ (Home Bias) und diversifizieren Sie Ihr Vermögen global, anstatt sich auf deutsche Aktien zu konzentrieren.
  • Gold und Rohstoffe (5-10 % Beimischung) können als „Sicherheitsanker“ dienen, da die klassische Schutzfunktion von Anleihen geschwächt ist.

Ist der MSCI World wirklich die „Eierlegende Wollmilchsau“ für Ihr Depot?

Für viele Privatanleger ist ein ETF auf den MSCI World Index der Inbegriff der einfachen und genialen Geldanlage. Mit einem einzigen Wertpapier in Tausende von Unternehmen aus über 20 Industrieländern investieren – das klingt nach perfekter Diversifikation. Und tatsächlich ist der MSCI World ein hervorragendes Basisinvestment. Ihn jedoch als die ultimative, allumfassende Lösung – die „eierlegende Wollmilchsau“ – zu betrachten, ist ein Trugschluss, der zwei wesentliche Schwachstellen ignoriert.

Die erste und grösste Schwachstelle ist sein massives Klumpenrisiko in Bezug auf die USA. Da der Index nach Marktkapitalisierung gewichtet ist, spiegeln sich die riesigen Börsenwerte von US-Technologiekonzernen wie Apple, Microsoft und Amazon direkt im Index wider. Infolgedessen beträgt der Anteil US-amerikanischer Aktien im MSCI World Index oft fast 70 %. Ihr „weltweites“ Investment ist also in Wahrheit eine sehr grosse Wette auf die US-Wirtschaft und den US-Dollar. Läuft es in den USA schlecht, wird Ihr gesamtes MSCI-World-Investment stark in Mitleidenschaft gezogen.

Die zweite entscheidende Lücke ist das vollständige Fehlen von Schwellenländern. Der MSCI World deckt ausschliesslich Industrienationen ab. Wachstumsstarke und bevölkerungsreiche Länder wie China, Indien, Brasilien oder Südkorea sind nicht enthalten. Diese sogenannten Emerging Markets machen jedoch einen stetig wachsenden Teil der globalen Wirtschaftsleistung aus und bieten langfristig hohes Wachstumspotenzial. Ein Portfolio, das diese Regionen ignoriert, ist nicht wirklich global diversifiziert.

Die Lösung für dieses Problem ist jedoch einfach. Anstatt den MSCI World als alleinige Lösung zu sehen, sollte er als starkes Kerninvestment betrachtet werden, das strategisch ergänzt wird. Die gängigste und effektivste Methode ist die Kombination mit einem ETF auf den MSCI Emerging Markets Index. Eine häufig gewählte Aufteilung ist 70 % MSCI World und 30 % MSCI Emerging Markets. Eine andere, noch einfachere Alternative ist ein ETF auf einen Index wie den FTSE All-World oder den MSCI ACWI, die beide bereits von Haus aus sowohl Industrie- als auch Schwellenländer enthalten und somit eine wirklich globale Abdeckung bieten.

Die kritische Auseinandersetzung mit Standardlösungen ist entscheidend, um zu verstehen, ob der MSCI World für die eigenen Ziele ausreicht oder ob eine Ergänzung notwendig ist.

Ihre Reise zu einem robusten und erfolgreichen Vermögensaufbau beginnt nicht mit der Suche nach der nächsten Gewinner-Aktie, sondern mit einem ehrlichen Blick auf die Struktur Ihres aktuellen Portfolios. Die hier vorgestellten Prinzipien – von der überragenden Bedeutung der Asset Allocation über die Vermeidung des Home Bias bis hin zur kritischen Bewertung von Standardlösungen – sind das Fundament. Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Anlagestruktur zu analysieren und eine bewusste, globale Asset-Allocation-Strategie zu entwerfen. Es ist der wichtigste Schritt zu langfristigem und stabilem Vermögenswachstum.

Geschrieben von Thomas Wagner, Unabhängiger Honorar-Finanzanlagenberater und Certified Financial Planner (CFP) mit über 15 Jahren Erfahrung in der strategischen Vermögensplanung. Er ist spezialisiert auf evidenzbasierte Anlagestrategien mittels ETFs und die Schließung der Rentenlücke für Privatanleger.