
Die optimale Diversifikation erreichen Sie nicht durch eine maximale Aktienanzahl, sondern durch eine gezielte Auswahl von 15 bis 30 Titeln.
- Mehr Aktien führen nicht automatisch zu weniger Risiko, sondern können zur „Diworsification“ führen, bei der Sie nur noch den Markt nachbilden.
- Der Schlüssel zur Risikosenkung ist eine geringe Korrelation zwischen den Anlageklassen, nicht die schiere Anzahl der Positionen.
Empfehlung: Konzentrieren Sie sich darauf, das unsystematische Risiko durch eine strategische Mischung von Branchen, Regionen und Anlageklassen zu eliminieren, anstatt Ihr Portfolio unnötig aufzublähen.
Viele Anleger, die aktiv einzelne Aktien auswählen, stehen vor einer fundamentalen Frage: Wie viele Positionen sind genug? Man besitzt vielleicht zehn verschiedene Werte und fragt sich, ob das Depot damit schon als „sicher“ und gut gestreut gilt. Die gängigen Ratschläge klingen oft trivial: „Legen Sie nicht alle Eier in einen Korb“ oder „Mischen Sie verschiedene Branchen und Länder“. Doch diese Binsenweisheiten lassen die entscheidende, quantitative Frage unbeantwortet und verschleiern die wissenschaftliche Realität hinter der Portfoliotheorie.
Die landläufige Meinung suggeriert, dass mehr immer besser sei. Diese Annahme ist jedoch nicht nur ungenau, sie kann sogar gefährlich sein. Die moderne Portfoliotheorie nach Markowitz zeigt klar, dass es einen optimalen Punkt der Diversifikation gibt. Das Ziel ist nicht, so viele Aktien wie möglich zu besitzen, sondern das sogenannte unsystematische Risiko – also das spezifische Risiko eines einzelnen Unternehmens oder einer Branche – gezielt zu eliminieren. Jedes Risiko, das darüber hinausgeht, ist das systematische Marktrisiko, dem alle Aktien unterliegen und das durch weitere Diversifikation innerhalb der Aktienklasse nicht reduziert werden kann.
Aber was passiert, wenn man zu weit geht? Dann droht die sogenannte „Diworsification“ – ein Zustand, in dem die zunehmende Komplexität und die Transaktionskosten die marginalen Vorteile der Risikostreuung übersteigen und man im Grunde nur noch einen teuren Indexfonds nachbaut. Die wahre Kunst liegt also nicht im Sammeln, sondern in der strategischen Auswahl. Dieser Artikel führt Sie durch die wissenschaftlichen Grundlagen der Diversifikation, zeigt die Gefahren falscher Annahmen auf und liefert eine konkrete, datengestützte Antwort auf die Frage nach der optimalen Anzahl von Aktien in Ihrem Portfolio.
In den folgenden Abschnitten analysieren wir die typischen Fallstricke wie den „Home Bias“, die Risiken von Sektorkonzentrationen und die mathematischen Grundlagen, die Ihnen helfen, ein robustes und effizientes Portfolio aufzubauen.
Inhaltsverzeichnis: Der Weg zur optimalen Portfoliostreuung
- Warum ist „Home Bias“ (nur DAX-Aktien) gefährlich für Ihr Vermögen?
- Was passiert, wenn Sie nur Tech-Aktien haben und die Zinsen steigen?
- Einmalanlage oder Sparplan: Was reduziert das Risiko des falschen Einstiegszeitpunkts?
- Wie finden Sie Anlageklassen, die sich nicht im Gleichschritt bewegen?
- Ab wann haben Sie so viele Positionen, dass Sie nur noch den Index nachbauen (Diworsification)?
- Wie können Sie durch Diversifikation das Risiko senken ohne Renditeverlust?
- Warum sollten Sie Anleihen und Aktien mischen, wenn es an der Börse kracht?
- Wie sieht die perfekte Asset-Allocation für einen 40-jährigen Angestellten aus?
Warum ist „Home Bias“ (nur DAX-Aktien) gefährlich für Ihr Vermögen?
Der „Home Bias“ beschreibt die Neigung von Anlegern, überproportional in den heimischen Aktienmarkt zu investieren. Für deutsche Anleger bedeutet dies oft eine starke Konzentration auf DAX-Werte. Diese Form des Aktienpatriotismus fühlt sich zwar vertraut und sicher an, ist jedoch eine der größten Gefahren für den langfristigen Vermögensaufbau. Ein reines DAX-Portfolio ist weit von einer echten Diversifikation entfernt, da es sowohl ein geografisches als auch ein sektorales Klumpenrisiko aufweist. Der deutsche Markt macht nur einen Bruchteil der globalen Marktkapitalisierung aus, und eine Konzentration darauf lässt die Wachstumschancen in anderen Wirtschaftsräumen wie Nordamerika oder Asien ungenutzt.
Die sektorale Schieflage ist ebenfalls problematisch. Der DAX wird von wenigen Branchen dominiert, insbesondere von der Automobil-, Chemie- und zunehmend auch der Technologiebranche. Tatsächlich konzentriert sich laut Statista-Daten fast ein Drittel der DAX-Marktkapitalisierung im Technologiesektor und verwandten Industrien. Eine Krise in einer dieser Schlüsselindustrien kann das gesamte Portfolio empfindlich treffen. Die Studie „Home Bias kostet deutsche Anleger Milliarden“ von Barkow Consulting belegt dies eindrucksvoll: Deutsche Privatanleger hätten durch eine globalere Streuung in nur fünf Jahren über 100 Milliarden Euro mehr Rendite erzielen können, da sie heimische Aktien stark übergewichten, obwohl diese nur rund 10 % des MSCI World ausmachen.
Ein solches Vorgehen ignoriert die grundlegenden Prinzipien der Risikostreuung. Anstatt das unternehmens- und branchenspezifische Risiko zu minimieren, potenzieren Anleger es durch die Fokussierung auf einen einzigen, konjunkturabhängigen Wirtschaftsraum. Die Lösung liegt in einer bewussten geografischen Diversifikation, die das Kapital über verschiedene Länder und Währungsräume verteilt und so die Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands reduziert.
Was passiert, wenn Sie nur Tech-Aktien haben und die Zinsen steigen?
Eine Konzentration auf einen einzigen Sektor ist ebenso riskant wie der Home Bias, selbst wenn die Unternehmen global tätig sind. Das prominenteste Beispiel der letzten Jahre ist die übermäßige Gewichtung von Technologieaktien. Diese sogenannten Wachstumswerte („Growth Stocks“) profitieren in Niedrigzinsphasen überproportional, da ihre zukünftigen Gewinnerwartungen bei der Bewertung eine große Rolle spielen. Steigende Zinsen wirken sich hier jedoch wie Gift aus: Zukünftige Cashflows werden stärker diskontiert, was ihren heutigen Wert drastisch senkt. Wer also ausschließlich auf Tech-Aktien setzt, geht eine massive Wette auf ein dauerhaft niedriges Zinsumfeld ein – eine Wette, die in den Jahren 2022 und 2023 für viele Anleger nicht aufging.
Das zentrale Problem ist die hohe positive Korrelation innerhalb des Sektors. Wenn die Zinsen steigen, geraten fast alle Tech-Werte gleichzeitig unter Druck, egal ob es sich um einen Software-Giganten oder einen E-Commerce-Anbieter handelt. Die Diversifikation innerhalb des Sektors bietet kaum Schutz. Um diesem Risiko zu begegnen, ist eine sektorale Diversifikation unerlässlich. Dies bedeutet, das Portfolio um defensive Sektoren wie Basiskonsumgüter, Gesundheitswesen oder Versorger zu ergänzen. Diese Unternehmen erwirtschaften stabile Gewinne unabhängig vom Zinszyklus und können in Phasen steigender Zinsen als Puffer dienen. Ebenso können Value-Titel, also unterbewertete Substanzwerte aus traditionellen Branchen, eine ausgleichende Funktion einnehmen.

Die Abbildung verdeutlicht die fragile Balance: Ein Anstieg der Zinsen (symbolisiert durch die aufsteigenden Balken) führt zu einem Kippen der Waage zuungunsten der Tech-Werte. Ein gut diversifiziertes Portfolio hätte auf der anderen Seite Gewichte in Form von defensiven Werten oder Anleihen, um dieses Ungleichgewicht abzufedern. Die folgende Checkliste hilft Ihnen, eine Tech-Überlastung in Ihrem Depot zu identifizieren und zu korrigieren.
Checkliste zur Prüfung einer Sektorkonzentration im Portfolio
- Sektorgewichtung prüfen: Liegt der Anteil eines einzelnen Sektors (z. B. Technologie) deutlich über 30 % Ihrer Aktienanlagen?
- Duration der Aktien analysieren: Besteht Ihr Portfolio hauptsächlich aus Growth-Titeln, deren Bewertung stark von zukünftigen Gewinnen abhängt?
- Defensive Werte ergänzen: Haben Sie Aktien aus stabilen Sektoren wie Versicherungen, Basiskonsumgüter oder Gesundheitswesen als Gegengewicht?
- Korrelation bei Zinsänderungen beobachten: Wie haben sich Ihre Positionen bei den letzten Zinserhöhungen der EZB oder Fed verhalten? Fielen alle gleichzeitig?
- Value-Titel als Absicherung integrieren: Prüfen Sie, ob die Beimischung von Substanzwerten aus traditionellen Industrien Ihr Portfolio stabilisieren könnte.
Einmalanlage oder Sparplan: Was reduziert das Risiko des falschen Einstiegszeitpunkts?
Neben der Streuung über Regionen und Sektoren gibt es eine weitere Dimension der Diversifikation: die zeitliche Streuung. Sie zielt darauf ab, das Timing-Risiko zu minimieren – also die Gefahr, den gesamten Anlagebetrag zu einem ungünstigen, weil überteuerten Zeitpunkt zu investieren. Hier stehen sich zwei grundlegende Strategien gegenüber: die Einmalanlage und der Sparplan.
Bei einer Einmalanlage wird der gesamte Betrag sofort investiert. Dies bietet die Chance auf maximale Rendite, wenn der Markt danach steigt, birgt aber auch das maximale Risiko eines Kursverlusts, wenn der Einstiegszeitpunkt schlecht gewählt war. Diese Strategie erfordert entweder großes Marktgespür, eine starke Überzeugung oder schlichtweg Glück. Psychologisch ist der Druck enorm hoch, den „perfekten“ Moment abpassen zu wollen.
Der Sparplan hingegen setzt auf regelmäßige, gleichbleibende Investitionen (z. B. monatlich). Dadurch kauft man bei hohen Kursen automatisch weniger und bei niedrigen Kursen mehr Anteile. Dieser sogenannte Cost-Average-Effekt (Durchschnittskosteneffekt) glättet den durchschnittlichen Einstiegspreis und entschärft das Timing-Risiko erheblich. Wie die extraETF Redaktion in ihrer Wissensdatenbank treffend formuliert:
Ein Sonderfall ist die zeitliche Diversifikation, bei der eine Geldanlage zu verschiedenen Zeitpunkten gekauft wird, um über einen ETF-Sparplan mit dem Cost-Average-Effekt das Risiko eines ungünstigen Einstiegskurses zu senken.
– extraETF Redaktion, extraETF Wissensdatenbank
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede für Anleger in Deutschland zusammen, insbesondere im Hinblick auf die bei Neo-Brokern üblichen Konditionen.
| Kriterium | Einmalanlage | Sparplan |
|---|---|---|
| Timing-Risiko | Hoch – volle Marktexposition sofort | Niedrig – Cost-Average-Effekt |
| Kosten bei Neo-Brokern | 0,99-1€ pro Order | 0€ bis 1,5% vom Sparbetrag |
| Psychologischer Effekt | Hoher Entscheidungsdruck | Automatisierung reduziert Emotionen |
| Flexibilität | Sofortinvestition möglich | Monatliche Anpassung möglich |
| Eignung für Anfänger | Erfordert Markt-Timing | Ideal für Einsteiger |
Wie finden Sie Anlageklassen, die sich nicht im Gleichschritt bewegen?
Die effektivste Form der Diversifikation geht über die reine Streuung von Aktien hinaus und bezieht verschiedene Anlageklassen mit ein. Das Ziel ist, Vermögenswerte im Portfolio zu haben, die sich möglichst unabhängig voneinander entwickeln. In der Finanztheorie wird dieser Zusammenhang mit dem Korrelationskoeffizienten gemessen. Ein Wert von +1 bedeutet, dass sich zwei Anlagen perfekt im Gleichschritt bewegen, während ein Wert von -1 eine exakt gegenläufige Bewegung anzeigt. Für eine wirksame Diversifikation sind Werte nahe 0 oder sogar im negativen Bereich ideal.
Aktien verschiedener Unternehmen und selbst verschiedener Branchen weisen oft eine hohe positive Korrelation auf, besonders in Marktkrisen, wenn alles gleichzeitig fällt. Um echte Unabhängigkeit zu erreichen, müssen Anleger über den Tellerrand des Aktienmarktes blicken. Klassische Beispiele für Anlageklassen mit geringer oder negativer Korrelation zu Aktien sind:
- Staatsanleihen höchster Bonität: In Krisenzeiten flüchten Anleger oft in als sicher empfundene Staatsanleihen, was deren Kurse steigen lässt, während Aktien fallen.
- Edelmetalle wie Gold: Gold gilt traditionell als „Krisenwährung“ und profitiert von Unsicherheit und Inflation. Eine Analyse von envestor zeigt zwischen dem MSCI Europe und Gold seit 2015 einen Korrelationskoeffizienten von -0,15, was eine leicht gegenläufige Tendenz belegt.
- Immobilien: Physische Immobilien oder Anlagen in Immobilien-REITs (Real Estate Investment Trusts) wie die deutsche Vonovia können eine stabilisierende Wirkung haben, da ihre Wertentwicklung stärker von Mieterträgen und lokalen Marktbedingungen als von der globalen Aktienmarktentwicklung abhängt.
- Rohstoffe: Industriemetalle oder Agrarrohstoffe folgen eigenen Zyklen, die von Angebot und Nachfrage bestimmt werden und oft nur wenig mit dem Aktienmarkt korrelieren.
Die Herausforderung für Privatanleger besteht darin, diese Korrelationen zu verstehen und die richtigen Anlageklassen beizumischen. Eine simple Beimischung von 10-15 % Gold oder Anleihen kann das Gesamtrisiko eines Portfolios bereits signifikant senken, ohne die langfristige Renditeerwartung drastisch zu schmälern. Es geht darum, „Stoßdämpfer“ einzubauen, die in turbulenten Phasen die Verluste im Aktienteil des Portfolios abfedern.
Ab wann haben Sie so viele Positionen, dass Sie nur noch den Index nachbauen (Diworsification)?
Dies ist die zentrale Frage für jeden Stock-Picker. Die Portfoliotheorie liefert hier eine erstaunlich klare Antwort. Die Reduzierung des unsystematischen Risikos durch das Hinzufügen weiterer Aktien folgt einem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Die erste Aktie trägt 100 % des Risikos. Fügt man eine zweite, unkorrelierte Aktie hinzu, sinkt das Risiko dramatisch. Bei der zehnten Aktie ist der risikosenkende Effekt immer noch deutlich spürbar. Doch irgendwann wird der zusätzliche Nutzen jeder weiteren Aktie vernachlässigbar klein.
Wissenschaftliche Untersuchungen kommen hier zu einem relativ einheitlichen Ergebnis. Bereits mit einer überschaubaren Anzahl an sorgfältig ausgewählten Aktien lässt sich der größte Teil des unsystematischen Risikos eliminieren. So zeigen Studien, dass 15-30 Einzeltitel als optimale Anzahl für ein diversifiziertes Portfolio gelten. Mit 15 Aktien sind bereits etwa 90 % des unsystematischen Risikos wegdiversifiziert. Mit 30 Aktien nähert man sich der vollständigen Eliminierung an, ohne die Komplexität und die Kosten übermäßig in die Höhe zu treiben.

Diese Kurve illustriert das Prinzip perfekt: Der größte Teil der Risikoreduktion (der steile Abfall der Kurve) wird mit den ersten 15-20 Aktien erreicht. Jede weitere Aktie flacht die Kurve ab, der zusätzliche Nutzen wird also immer geringer. Wer nun 50, 100 oder noch mehr Aktien ins Depot legt, betreibt keine effektive Risikosteuerung mehr, sondern nähert sich schlicht dem Verhalten eines Marktindex an. Peter Lynch prägte für dieses Phänomen den Begriff „Diworsification“: Das Portfolio wird durch die übermäßige Streuung schlechter, nicht besser. Die Nachteile – hoher Analyseaufwand, hohe Transaktionskosten und eine garantierte Durchschnittsrendite – überwiegen die Vorteile bei weitem. Ein Anleger mit 100 Aktien hat im Grunde einen teuren, selbstverwalteten ETF geschaffen, der wahrscheinlich schlechter performt als das Original.
Wie können Sie durch Diversifikation das Risiko senken ohne Renditeverlust?
Das ultimative Ziel der Diversifikation ist es, das „effiziente Ufer“ (Efficient Frontier) nach Harry Markowitz zu erreichen. Dies beschreibt das Portfolio, das bei einem gegebenen Risiko die maximal mögliche Rendite erzielt oder – umgekehrt – für eine angestrebte Rendite das geringstmögliche Risiko aufweist. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme bedeutet Risikosenkung durch Diversifikation nicht zwangsläufig einen Verzicht auf Rendite. Tatsächlich kann ein gut diversifiziertes Portfolio ein besseres Rendite-Risiko-Profil aufweisen als jede seiner Einzelkomponenten.
Der Grund liegt in der bereits erwähnten Korrelation. Wenn sich die enthaltenen Vermögenswerte nicht im Gleichschritt bewegen, gleichen sich die Schwankungen (die Volatilität) gegenseitig aus. Während eine Aktie fällt, steigt eine andere vielleicht oder fällt zumindest weniger stark. Das Gesamtrisiko des Portfolios sinkt dadurch, während die durchschnittliche Rendite der Einzelwerte erhalten bleibt. Es ist eine der wenigen Situationen in der Finanzwelt, in der man „etwas für nichts“ bekommt. Eine Studie der Frankfurt School of Finance & Management hat errechnet, dass allein der Verzicht auf den Home Bias erhebliche Vorteile bringt. So kostet der Home Bias laut dieser Studie deutsche institutionelle Anleger 2,54 Prozentpunkte pro Jahr an Rendite – ein Verlust, der durch simple globale Streuung vermeidbar wäre.
Praxisbeispiel: Markowitz-Effizienz mit nur vier Aktien
Ein Beispiel von Finanzfluss verdeutlicht dieses Prinzip: Ein Portfolio wird aus nur vier gezielt ausgewählten Aktien gebildet: Allianz (deutsche Value-Aktie aus dem Finanzsektor), Microsoft (US-Tech-Gigant), Nestlé (Schweizer Defensiv-Wert aus dem Konsumgüterbereich) und einem deutschen MDAX-Hidden-Champion (mittelständisches Wachstumsunternehmen). Jede dieser Aktien für sich hat ein eigenes Rendite-Risiko-Profil. Kombiniert man sie jedoch, zeigt sich, dass das Gesamtportfolio eine geringere Schwankung aufweist als die meisten Einzelwerte, während die Rendite attraktiv bleibt. Die unterschiedlichen regionalen und sektoralen Treiber sorgen dafür, dass eine Schwäche in einem Bereich (z.B. bei Tech) durch eine Stärke in einem anderen (z.B. bei Konsumgütern) teilweise ausgeglichen werden kann. Dies demonstriert, dass bereits eine kleine, aber klug gewählte Anzahl von Titeln ausreicht, um das unsystematische Risiko fast vollständig zu eliminieren und sich der Marktrendite anzunähern.
Das Beispiel zeigt, dass die Qualität der Diversifikation wichtiger ist als die Quantität. Es geht nicht darum, möglichst viele Aktien zu besitzen, sondern die *richtigen* – also solche, die eine möglichst geringe Korrelation zueinander aufweisen. Eine Handvoll solcher Titel ist effektiver als ein Depot mit 50 ähnlich ausgerichteten Aktien.
Warum sollten Sie Anleihen und Aktien mischen, wenn es an der Börse kracht?
Ein Portfolio, das ausschließlich aus Aktien besteht, ist selbst bei perfekter globaler und sektoraler Diversifikation immer noch dem vollen systemischen Marktrisiko ausgesetzt. Wenn die globalen Aktienmärkte einbrechen, wird auch ein solches Portfolio erhebliche Verluste erleiden. Hier kommt die Diversifikation über verschiedene Anlageklassen ins Spiel, und die wichtigste Ergänzung zu Aktien sind traditionell Anleihen. Ihre Hauptfunktion in einem gemischten Portfolio ist die eines Stabilisators in Krisenzeiten.
Die negative Korrelation zwischen hochwertigen Staatsanleihen und Aktien ist historisch gut belegt. In Phasen von Panik und Rezessionsängsten neigen Anleger dazu, aus risikoreichen Aktien zu flüchten und Sicherheit in Anleihen von Staaten mit höchster Bonität (z.B. Deutschland oder die USA) zu suchen. Diese Flucht in den „sicheren Hafen“ treibt die Kurse dieser Anleihen in die Höhe, während die Aktienkurse fallen. In einem gemischten Portfolio federt der Gewinn bei den Anleihen die Verluste bei den Aktien ab. Das Gesamtdepot verliert also deutlich weniger an Wert, was nicht nur finanzielle, sondern auch immense psychologische Vorteile hat. Ein Anleger, dessen Depot in einem Crash nur 15 % statt 40 % verliert, ist weitaus weniger versucht, in Panik zu verkaufen und langfristige Fehler zu begehen.
Nach einer langen Phase der Nullzinsen sind Anleihen auch aus Renditesicht wieder attraktiv geworden. Sie bieten wieder einen laufenden Zinsertrag (Kupon) und haben bei zukünftig möglicherweise fallenden Zinsen sogar Kurspotenzial. Die Beimischung von Anleihen (eine typische Quote für ausgewogene Portfolios liegt bei 20-40 %) dient somit als „psychologischer Airbag“ und Ertragsstabilisator. Diese Mischung ermöglicht zudem ein antizyklisches Rebalancing: Nach einem Aktiencrash können die im Wert gestiegenen oder stabil gebliebenen Anleihen verkauft werden, um günstig Aktien nachzukaufen und so die ursprüngliche strategische Gewichtung wiederherzustellen.
Das Wichtigste in Kürze
- Optimale Anzahl: Mit 15 bis 30 gezielt ausgewählten Aktien ist der Großteil des unsystematischen Risikos eliminiert. Mehr führt oft nur zu „Diworsification“.
- Korrelation ist entscheidend: Echte Diversifikation entsteht durch die Kombination von Anlagen, die sich unähnlich verhalten (geringe Korrelation), nicht durch die schiere Menge.
- Über Aktien hinausdenken: Die Beimischung anderer Anlageklassen wie Anleihen oder Gold ist unerlässlich, um das systematische Marktrisiko abzufedern und das Depot in Krisen zu stabilisieren.
Wie sieht die perfekte Asset-Allocation für einen 40-jährigen Angestellten aus?
Die „perfekte“ Asset-Allocation gibt es nicht – es gibt nur die, die zur individuellen Lebenssituation, Risikotoleranz und den finanziellen Zielen passt. Für einen fiktiven 40-jährigen Angestellten in Deutschland, nennen wir ihn Klaus, lassen sich jedoch klare Leitlinien ableiten. Mit einem Anlagehorizont von über 20 Jahren bis zur Rente kann er ein höheres Risiko eingehen als jemand, der kurz vor dem Ruhestand steht. Sein Humankapital (sein zukünftiges Gehalt) ist zudem relativ sicher, was eine höhere Aktienquote rechtfertigt.
Für Klaus ist es entscheidend, sein Aktiendepot im Kontext seiner gesamten Vermögenssituation zu sehen. Oft existieren bereits sicherheitsorientierte Bausteine wie ein Bausparvertrag, eine Riester-Rente oder eine betriebliche Altersvorsorge. Das frei investierbare Vermögen kann und sollte daher wachstumsorientierter angelegt werden. Eine häufig empfohlene strategische Aufteilung für eine solche Situation ist ein ausgewogenes bis wachstumsorientiertes Portfolio. Die folgende Tabelle zeigt drei Muster-Allokationen, die als Orientierung dienen können.
| Portfolio-Typ | Aktien | Anleihen | Alternative Assets | Beispiel-ETFs |
|---|---|---|---|---|
| Konservativ | 30% | 60% | 10% Gold | MSCI World + Euro Gov Bonds |
| Ausgewogen | 60% | 30% | 10% REITs/Gold | 70% MSCI World + 30% EM |
| Wachstumsorientiert | 80% | 10% | 10% Rohstoffe | World + EM + Small Caps |
Portfolio-Beispiel: Klaus, 40, Ingenieur aus Stuttgart
Klaus entscheidet sich für eine wachstumsorientierte Strategie mit 80 % Aktien und 20 % sicheren Anlagen (10 % Anleihen, 10 % Gold). Seinen Aktienteil setzt er kostengünstig über ETFs um, mit einer typischen 70/30-Aufteilung in Industrieländer (MSCI World) und Schwellenländer (Emerging Markets). Er führt einmal jährlich ein Rebalancing durch, um die strategische Allokation beizubehalten. Bei der Wahl der ETFs achtet er auf die steuerliche Situation: Da er seinen Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € noch nicht ausschöpft, wählt er ausschüttende ETFs, um diesen Freibetrag jährlich zu nutzen. Erst wenn die Ausschüttungen den Freibetrag übersteigen, würde er auf thesaurierende (wiederanlegende) ETFs umsteigen.
Um diese Prinzipien erfolgreich anzuwenden, besteht der nächste logische Schritt darin, Ihr eigenes Portfolio einer kritischen Analyse zu unterziehen und Ihre persönliche Asset-Allocation entsprechend Ihrer Risikotoleranz und Ihrer finanziellen Gesamtsituation anzupassen.